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Nach erschütternden Momenten so stark wie noch nie

Marco Rossi mit Vergangenheit bei den ZSC Lions ist der Star in der österreichischen Mannschaft, die am Sonntagabend auf die Schweiz trifft. Seine Geschichte ist eindrücklich.

Agentur
sda
12.05.24 - 04:30 Uhr
Eishockey
Der Österreicher Marco Rossi hat sich in der NHL etabliert
Der Österreicher Marco Rossi hat sich in der NHL etabliert
KEYSTONE/AP/Kyusung Gong

Es ist Freitagmorgen. Marco Rossi erscheint pünktlich am abgemachten Treffpunkt neben der Rezeption. Das Hotel, in dem mit Ausnahme der Tschechen alle Teams der Prager Gruppe untergebracht sind, ist zu Fuss nicht einmal 15 Minuten vom Stadion entfernt. Der Eingang wird kontrolliert.

Rossi nimmt in einem gemütlichen Sessel Platz. Er hat vieles, zum Teil auch Erschütterndes zu erzählen. Sein Weg in die NHL zu den Minnesota Wild, die ihn 2020 als Nummer 9 gedraftet haben, ist alles andere als gewöhnlich. In der vergangenen Saison gelang ihm mit 21 Toren und 19 Assists in 82 Partien der Durchbruch in der besten Eishockey-Liga der Welt.

Fatale Corona-Erkrankung

Dabei hing seine Karriere vor noch nicht allzu langer Zeit an einem seidenen Faden. Rossi startete die Corona-Saison 2020/21 bei den ZSC Lions, für die er schon als Junior gespielt hatte. Im November erwischte auch ihn das Virus, was bei ihm fatale Folgen hatte. Im Dezember reiste er an die U20-WM in Edmonton. Dort hatte er ein komisches Gefühl. «Ich war nicht ich», blickt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA zurück.

Nach dem Turnier ging Rossi nach Minnesota - die damalige NHL-Saison begann erst Mitte Januar -, wo er sich wie üblich diversen Tests unterziehen musste. Dann erhielt er einen beunruhigenden Anruf; ihm wurde gesagt, dass er nichts mehr machen und am nächsten Morgen um 8.00 Uhr im Spital sein solle. Mehr nicht. «Ich fragte mich, was ist jetzt los», berichtet Rossi.

In der Folge erfuhr er, dass er «schockierende» Blutwerte hatteg. Sein Herz war auf die doppelte Grösse angeschwollen. «Am Anfang waren viele Prognosen schlimm», sagt Rossi. Einmal kam ein Arzt und sagte ihm, dass er sich am Abend einer Operation unterziehen müsse. «Ich fragte, was für eine Operation, und erhielt als Antwort, dass sie mein Herz herausnehmen würden und ich künstlich weiter belebt werde.»

Rossi rief weinend seinen Vater an. «Das war einfach zu viel für mich.» Dieser beruhigte ihn, andere Ärzte wurden herbeigezogen. Letztendlich durfte er nach Hause reisen. Dort stellte sich heraus, dass er an einer Herzmuskelentzündung litt. Fünf Monate durfte er gar nichts machen. «Ich war nach wenigen Metern spazieren ausser Atem», erzählt Rossi. «Das war sehr hart für mich.» Dies umso mehr, als nicht klar war, ob er weiter Eishockey spielen kann.

Positiv war für ihn, dass er zu dieser Zeit seine Freundin kennenlernte. Zudem ging es langsam wieder bergauf. Im September rückte er ins Camp der Minnesota Wild ein. Am 6. Januar 2022 gab Rossi gegen die Boston Bruins sein Debüt in der NHL, kam in dieser Spielzeit aber nur zwei Einsätzen bei Minnesota, ansonsten lief er in der AHL für die Iowa Wild auf. «Es war eine harte Saison. Am Anfang schlief ich jeden Tag drei Stunden am Nachmittag, so erschöpft war ich», sagt Rossi. Mittlerweile fühlt er sich besser als vor der Krankheit.

Lange Tage, wenig Erholung

Dass es der 22-Jährige in die NHL geschafft hat, ist ebenfalls eine bemerkenswerte Geschichte. In Rankweil im Vorarlberg aufgewachsen, schloss er sich 2014 im Alter von 13 Jahren der Organisation der ZSC Lions an. Sein Vater fuhr ihn bis zum Wechsel 2018 in die kanadische Juniorenliga OHL zu den Ottawa 67's nach der Schule jeweils nach Zürich - auf dem Weg lernte er.

Entsprechend lang waren die Tage von Marco Rossi und kurz die Erholungszeit. Die Mutter und die beiden Schwestern sah er kaum. «Es war kein einfacher Entscheid. Aber ich wusste, dass es der einzige Weg ist, NHL-Spieler zu werden. Mir wurde nie etwas geschenkt. Das machte mich härter und stärker. Heute wäre mir dieser Aufwand zu viel, aber in dem Alter war es mir egal.»

Noch härter war diese Zeit für Vater Michael, der früher selber Eishockeyspieler war. Der Stress wirkte sich bei ihm auch körperlich aus, der Rücken tat weh, er konnte nicht gut schlafen. «Meine Familie hat viel geopfert, damit ich meinen Traum leben kann», ist sich Marco Rossi bewusst. Doch es hat sich definitiv gelohnt.

Mitten im Gespräch läuft der Schweizer NHL-Stürmer Philipp Kuraschew vorbei. Die beiden umarmen sich. Sie kennen sich auch von gemeinsamen Trainings im Sommer. Am Sonntagabend sind sie Gegner. «Die Schweizer sind sehr, sehr stark, das wissen wir», sagt Rossi. «Wenn wir jedoch an uns glauben und einfach spielen, können wir es ihnen sehr schwer machen. Unser erstes Ziel ist jedoch der Ligaerhalt.»

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