×

Der EHC Biel will den Widrigkeiten trotzen

Im Frühling fehlt dem EHC Biel ein Sieg zum ersten Meistertitel seit 40 Jahren. Diese Saison kommen die Seeländer nicht auf Touren. Die Gründe sind vielschichtig, sagt Sportchef Martin Steinegger.

Agentur
sda
26.10.23 - 04:00 Uhr
Eishockey

Robin Grossmann steht am späten Dienstagabend vor der Garderobe des EHC Biel. Die Wasserflasche, die er hinter seinem Rücken hält, ist leer. Der 36-Jährige hat ein laufintensives Spiel hinter sich, das viel Energie und Schweiss gekostet hat. Ein Spiel aber auch, das ihm in seinem fortgeschrittenen Alter als Hockeyprofi eine Premiere beschert hat. Gegen die ZSC Lions lief der Aargauer nämlich nicht wie üblich als Verteidiger auf, sondern als Center der dritten Linie. Neben ihm stürmen Rihards Bukarts, ein Lette, der erst am Montag in Biel eingetroffen ist, und Mattheo Reinhard, ein 19-jähriger Junior, der noch keine 25 Partien in der National League absolviert hat.

Grossmanns Bullys

Grossmann ist ein Sinnbild für die aktuelle Gemütslage beim Playoff-Finalisten der letzten Saison, der nach 15 Partien gerade einmal vier Siege auf dem Konto hat und auf Platz 12 weit hinter den eigenen Erwartungen liegt. Anstatt Punkte, Tore und Siege scheinen die Bieler Akteure in dieser Saison bisher primär Verletzungen zu sammeln. Gegen die ZSC Lions fehlen mit Luca Hischier, Fabio Hofer, Aleksi Heponiemi, Ian Derungs, Gaëtan Haas, Damien Brunner und Viktor Lööv sieben potenzielle Leistungsträger, was Trainer Petri Matikainen einmal mehr zum Improvisieren zwingt - und Grossmanns Premiere als Center erst ermöglicht.

So elegant wie bei Denis Malgin, dem Stürmer der ZSC Lions, habe es bei ihm vielleicht nicht ausgesehen, sagt Grossmann und sorgt in den Katakomben für Lacher. Seine Linie sei defensiv aber immerhin solid gestanden. Und die Bullys, die in dieser Rolle plötzlich auch in sein Aufgabengebiet fielen? «Ich habe doch in 23 Jahren nie Bullys trainiert», erwidert Grossmann und kann sich ob des Ausmasses, wie Verletzungen das Gesicht und vor allem auch die Konkurrenzfähigkeit des Bieler Teams beeinflussen, ein Lachen nicht verkneifen. «Immerhin konnte ich vor dem Spiel noch zwei Trainings als Center absolvieren.»

Steineggers Dilemma

Es sind Zustände, die Martin Steinegger in seiner langen Karriere als Spieler und Sportchef auch schon in ähnlichem Mass gesehen hat. Nach der 2:3-Niederlage nach Verlängerung gegen die Lions, bei der die Bieler zweimal in Führung gegangen waren, sagt er, die momentane sportliche Baisse sei von vielen Faktoren beeinflusst. Da sei einerseits die Mehrfachbelastung durch die Champions Hockey League, welche die Bieler schon etliche Male drei Partien in einer Woche absolvieren liess, andererseits habe sich das Team auch erst an den neuen Coach, die neuen Umgangsformen und das leicht angepasste Spielsystem gewöhnen müssen, das laufintensiver ist und mehr auf Forechecking setzt, als dies noch der aufgrund einer Krebserkrankung zurückgetretene Antti Törmänen praktizieren liess.

«Aber klar ist es schwierig zu verkraften, wenn von den Top-12-Stürmern vier oder fünf regelmässig fehlen», sagt Steinegger. Auch deshalb wurde der 51-jährige am Dienstag mit der Verpflichtung des Letten Bukarts erneut auf dem Transfermarkt aktiv. Steinegger erwähnt das Dilemma, in das er und die gesamte sportliche Führung aufgrund der anhaltenden Verletzungssorgen auch auf den Ausländerpositionen geraten seien. Denn einerseits muss Steinegger gerade auf langwierige Verletzungen reagieren und nach valablem Ersatz Ausschau halten. Andererseits birgt das Lösen zusätzlicher Lizenzen für Importspieler auch das Risiko eines Überangebots, sollten mal alle gleichzeitig einsatzfähig sein.

Matikainens Jobsicherheit

Darum hätten sie mit der Verpflichtung ihres neusten Spielers auch so lange zugewartet, sagt Steinegger. Der 27-jährige Bukarts ist der neunte Ausländer, für den die Bieler in dieser Saison eine Lizenz gelöst haben. Sollten also einmal alle fit sein, bleibt für drei Legionäre lediglich ein Platz auf der Tribüne. Steinegger ist sich dieser Problematik bewusst, und er hätte nur zu gern weniger Lizenzen vergeben müssen. «Aber wir haben die jetzige personelle Not höher gewichtet als die psychologische Herausforderung, wie es vielleicht in zwei Monaten aussehen könnte.»

Dannzumal sollte der EHCB deutlich mehr Punkte auf dem Konto haben, hofft Steinegger, wobei der Sportchef versichert, dass er selbst, wenn es sportlich weiter nicht wie gewünscht laufen sollte, nicht in Versuchung geraten und wie im Profisport üblich einen Nachfolger für seinen im Juni vorgestellten Trainer installieren werde. «Was bringt ein Trainerwechsel in dieser Situation?», fragt der frühere Verteidiger rhetorisch. «Wir stehen sowieso mit den Schultern an der Wand. Das macht überhaupt keinen Sinn.» Und: «Panik ist der schlechteste Ratgeber. Wenn du überzeugt bist von einem Weg, von Personen und Spielern, musst du diesen weitergehen. Und wir sind überzeugt.»

Biels Pause

Steinegger fordert von der Mannschaft, dass sie für die verbleibenden fünf Partien bis zur Nationalmannschaftspause Anfang November in den «Überlebensmodus» schalte und versuche, mit dem letzten Aufgebot und den letzten Kräften möglichst viele Punkte zu sammeln. Dann sind zehn Tage Pause, ehe mit dem Achtelfinal-Hinspiel der Champions Hockey League gegen Färjestad aus Schweden ein potenzielles Highlight wartet.

Auf europäischer Bühne haben die Bieler in dieser Saison unter anderem mit dem Sieg gegen den finnischen Titelverteidiger Tappara Tampere schon schöne Erfolgserlebnisse gefeiert. Auch damit im Hinterkopf sagt Aushilfs-Center Grossmann: «Wir sind ein gutes Team, wir halten zusammen. Irgendwann muss die Wende kommen.»

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Artikel deaktiviert.
Mehr zu Eishockey MEHR