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Viele Fragezeichen und Lions als Topfavorit

Am Donnerstag beginnt in der National League die neue Meisterschaft, die mit grossen Fragezeichen versehen ist. Titelfavorit Nummer 1 sind die ZSC Lions.

Agentur
sda
Donnerstag, 01. Oktober 2020, 05:30 Uhr Eishockey

In diesem Frühjahr fielen die Playoffs der Coronavirus-Pandemie zum Opfer, weshalb es keinen Meister gab. Da ein Ende der aktuellen Situation nicht absehbar ist, kündigt sich eine komplizierte Saison an. Spielverschiebungen aufgrund von positiven Corona-Fällen dürften unumgänglich sein. Zu solchen kommt es dann, wenn einem Team nicht mindestens zwölf Feldspieler und ein Goalie mit A-Lizenz zur Verfügung stehen.

Für solche Fälle gibt es im Spielplan Lücken, schliesslich sollen möglichst viele Vereine 52 Partien absolvieren. Der spätestmögliche Start der neu eingeführten Pre-Playoffs, welche die Teams auf den Rängen 7 bis 10 nach der Qualifikation (best of 3) bestreiten, ist der 17. April 2021. Aktuell endet die Regular Season am 22. März. Wenn nicht alle Mannschaften gleich viele Begegnungen absolvieren können, sind die Punkte pro Spiel massgebend. So sieht die Eventualplanung aus, über die am 12. November an der Ligaversammlung formell abgestimmt wird.

An das Worst-Case-Szenario eines erneuten Saisonabbruchs denkt Denis Vaucher, der Direktor der National und Swiss League, nicht: «Wir wollen und müssen spielen, für uns, für die Journalisten, für die Fans, für die Sponsoren.» Gleichzeitig stellte er klar, «dass wir es uns eigentlich schon nicht leisten können, wie es aktuell ist. Wir müssen nun schauen, dass wir überleben.»

Diesbezüglich ist positiv, dass die Bedingungen für die Finanzhilfe durch den Bund nun annehmbar sind; es gilt keine Solidarhaftung mehr, und der Bund kann für die Darlehen Rangrücktritte gewähren. Der maximale Betrag, der in Anspruch genommen werden kann, beträgt 25 Prozent des betrieblichen Aufwands in der Saison 2018/2019 und muss innerhalb von höchstens zehn Jahren zurückbezahlt werden.

Doch nun zur sportlichen Ausgangslage. Vieles spricht für die ZSC Lions. Nachdem die Zürcher 2019 sensationell die Playoffs verpasst hatten, zogen die Verantwortlichen die richtigen Schlüsse. Mit dem schwedisch-amerikanischen Doppelbürger Rikard Grönborg, der Schweden 2017 und 2018 zum WM-Titel geführt hat, holten die Lions einen Trainer, der die Mannschaft wieder auf Kurs brachte.

Der ZSC beendete die vergangene Qualifikation als Erster und setzt nun auf Kontinuität. Der Abgang von Liga-Topskorer Pius Suter, der bei den Chicago Blackhawks unterschrieben hat und vorübergehend für die GCK Lions spielt, wurde mit der Verpflichtung von Sven Andrighetto kompensiert. Der 27-jährige Flügelstürmer, der zuletzt in der KHL für Awangard Omsk tätig war und über die Erfahrung von 227 Partien in der NHL verfügt, bringt alles mit, um in der National League eine dominante Rolle einzunehmen. Ausserdem haben die Zürcher noch die Option, Suter durch einen fünften Ausländer zu ersetzen.

Auch der EV Zug hätte Andrighetto gerne geholt. Die Zentralschweizer lechzen nach dem zweiten Meistertitel nach 1998. Das spielerische Potenzial dafür ist sicherlich vorhanden und das neue Spitzensportzentrum OYM in Cham bietet optimale Trainingsmöglichkeiten. Doch wie es bezüglich der mentalen Robustheit aussieht, ist die grosse Frage. Ausserdem sind mit Calvin Thürkauf, Tobias Geisser, Nico Gross sowie dem Kanadier Ryan McLeod vier Spieler im Kader, die je nachdem was in Nordamerika passiert, nicht die ganze Saison zur Verfügung stehen.

Wiedergutmachung ist beim SC Bern angesagt, der nach dem Schweizer Meistertitel 2019 nicht in den Playoffs gestanden hätte. Die Mission gehen die Berner mit zwei Neuen in wichtigen Positionen an: der Sportchefin Florence Schelling und dem kanadischen Trainer Don Nachbaur. Letzterer hat vorwiegend in der nordamerikanischen Juniorenliga WHL gecoacht. Bei der slowakischen Equipe Zvolen, seiner ersten Trainerstation in Europa, wurde der 61-Jährige entlassen. Von daher gibt es durchaus Zweifel an dessen Tauglichkeit für dieses Amt. Jedenfalls gehört der SCB für einmal nicht zu den Topfavoriten auf den Meistertitel.

Gespannt sein darf man auf Genève-Servette, das Überraschungsteam der vergangenen Saison, bei dem Chris McSorley erstmals seit 2001 keine Funktion mehr innehat. Die Genfer schlossen die Qualifikation zwei Punkte hinter den ZSC Lions im 4. Rang ab. Auf dem Papier ist Servette nach den Verpflichtungen des schwedischen Künstlers Linus Omark (Salawat Julajew Ufa/KHL), Tyler Moy und Joël Vermin (beide Lausanne) stärker einzustufen. Letzterer gehört zu den besten Schweizer Stürmern der Liga. Doch wie gehen die Genfer mit der höheren Erwartungshaltung um?

Auch für den HC Davos steht eine Saison der Bestätigung an. Christian Wohlwend führte die Bündner in seiner ersten Saison als Trainer auf den 3. Platz, nachdem der HCD im Jahr zuvor die Abstiegs-Playoffs hatte bestreiten müssen. Das Team blieb weitgehend zusammen: Der Finne Teemu Turunen (IFK Helsinki) ersetzt den Schweden Mattias Tedenby (Vityaz Podolsk/KHL), im Tor stiess Robert Mayer von Servette zu Davos.

Eine Steigerung nach dem 8. Rang ist von Lugano zu erwarten, das zwar den Rücktritt des zu den Teamleadern gehörenden Julien Vauclair zu verkraften hat, jedoch in der Offensive dank dem Amerikaner Mark Arcobello (Bern) und dem 743-fachen dänischen NHL-Spieler Mikkel Boedker (Ottawa Senators) an Substanz gewonnen hat.

Biel scheint auch wegen des Karriereendes von Torhüter Jonas Hiller eher schwächer, aber gut genug für die Playoffs zu sein. Die Krebserkrankung von Trainer Antti Törmänen, der vorübergehend durch Lars Leuenberger ersetzt wird, dürfte das Team noch mehr zusammenschweissen. Bei Lausanne gab es einige Nebengeräusche, die Waadtländer sollten es aber wie Fribourg-Gottéron zumindest in die Pre-Playoffs schaffen. Bei Ambri-Piotta wird wohl einiges davon abhängen, ob Julius Nättinen (Jyväskylä), in der letzten Saison der beste Torschütze der finnischen Liga, die hohen Erwartungen erfüllt. Der letzte Platz scheint nicht mehr für die Rapperswil-Jona Lakers, sondern für die SCL Tigers reserviert zu sein. So oder so gibt es keinen Absteiger.

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