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«Die ganze Stadt befand sich im Ausnahmezustand»

Heute vor 19 Jahren stemmte David Aebischer als erster Schweizer den Stanley Cup in die Höhe. Der Goalie blickt zurück.

Agentur
sda
Dienstag, 09. Juni 2020, 05:00 Uhr Eishockey

9. Juni 2001. Es laufen die letzten fünf Minuten im entscheidenden siebenten Spiel um den Stanley Cup. Die Colorado Avalanche führen gegen die New Jersey Devils 3:1. Auf der Bank sagt Colorados Verteidiger Greg de Vries etwas zum Schweizer Ersatzgoalie David Aebischer, doch versteht dieser kein Wort. «Die Stimmung war bombastisch», erinnert sich Aebischer. «Die ganze Stadt (Denver) befand sich im Ausnahmezustand.» Die Feierlichkeiten gingen «sicher vier, fünf Tage, in denen wir als Mannschaft eigentlich immer zusammen waren.»

Das Team hatte vom ersten Tag an den Fokus ganz auf den Gewinn des Stanley Cup gerichtet, jedes Detail wurde im Hinblick auf die entscheidende Meisterschaftsphase gepflegt. Deshalb kam keine Panik auf, als die Devils in der Finalserie mit 3:2 Siegen in Führung gingen. «Wir wussten, dass wir unsere Hausaufgaben gemacht hatten und wir die bessere Mannschaft sind», so Aebischer. Kein Wunder angesichts von Leadern wie Joe Sakic, Peter Forsberg, Rob Blake oder Torhüter Patrick Roy. «Wir waren in gewisser Weise eine Allstar-Equipe.» Ein Team mit solchen Spielern sei heutzutage mit dem Salary Cap nicht mehr möglich.

Schon in der Qualifikation war Colorado das beste Team. «Wenn du gewinnst, hast du natürlich ein grosses Problem weniger. Wir durchlebten in dieser Saison sehr, sehr wenig schwierige Situationen und hatten daher wenig Konflikte. Insofern war die Stimmung in der Mannschaft stets hervorragend», blickt Aebischer zurück.

Der mittlerweile 42-jährige Aebischer bestritt in der damaligen Saison seine ersten 26 Einsätze in der besten Liga der Welt, womit er mehr als erwartet spielte. In den Playoffs stand dann aber abgesehen von 32 Sekunden stets Roy, einer der besten Keeper aller Zeiten, zwischen den Pfosten. Das verminderte Aebischers Freude über den Erfolg aber in keinster Weise: «Ich empfand nie das Gefühl, den Titel weniger verdient zu haben. Meine Rolle war von Anfang an klar definiert. Ich arbeitete stets hart im Training und machte so die anderen besser. Ich erfüllte meinen Job.»

Der damalige Trainer der Avalanche war Bob Hartley, der als harter Hund gilt. «Man muss das etwas relativieren», sagt Aebischer. Klar sei er als junger Spieler härter angefasst worden wie ein Patrick Roy. «Ich habe jedoch viel von ihm gelernt, fand ihn einen super Coach.» Was hat Roy ausgezeichnet? «Man sah seine Leidenschaft für den Sport und die Position. Er war sehr detailliert, kannte alle guten Spieler bestens und konnte mir sagen, auf was ich aufpassen muss. Wir redeten viel miteinander.»

Aebischer wagte 1997 den Schritt nach Nordamerika. In der ersten Saison spielte er vorwiegend in der drittklassigen ECHL. «In den 2000er Jahren ging es dort nochmals etwas anders zu und her als heute. Die meisten Spieler verdienten 250 Dollar pro Woche, neben dem Eis war es fast etwas ein Überlebenskampf. Manchmal hatten wir drei Spiele in drei Tagen. Es war eine harte Zeit, auch weil ich am Anfang etwas Heimweh hatte. Allerdings bleibt einem der Weg zum Ziel fast mehr in Erinnerung, als wenn es geschafft ist. Das war auch beim Stanley Cup so.»

Aebischer hatte vor dem Schritt nach Übersee bei Fribourg-Gottéron einen Zweijahres-Vertrag unterschrieben. Er hätte gut verdient. Von daher wäre es für ihn einfacher gewesen, in der Schweiz zu bleiben. Das wollte er aber nicht. Der Traum von der besten Liga der Welt entstand, als er im Alter von «12, 13» mit der U17 von Fribourg während zwei Wochen für Freundschaftsspiele in Kanada war und dort vor Ort drei NHL-Partien sah. Wenn er seinen Traum jedoch laut aussprach, «wurde ich ausgelacht oder Spinner genannt. Ich hätte es aber bereut, wenn ich es nicht versucht hätte. Und es hat sich gelohnt.»

Waren es zuerst Schweizer Goalies, die sich in der NHL durchsetzten, sind derzeit keine mehr dort. Zufall? «Die Torhüter wurden hier zwischenzeitlich etwas vernachlässigt. Nun werden die Talente zwar viel besser gefördert und haben wir gute Goalies, über das nötige Etwas verfügt derzeit aber keiner.» Zudem hatten die Schweizer Keeper früher in der Person von François Allaire, der von 1993 bis 2015 Camps in Verbier leitete, einen prominenten Fürsprecher, was mehr als hilfreich war. Allaire ist in seinem Gebiet eine Kapazität.

Mittlerweile ist Aebischer bei Fribourg selbst Goalie-Trainer. Zwar würde er in seiner Karriere alles wieder gleich machen, er habe aber sicher Fehler gemacht, die er nun nicht mehr machen würde - beispielsweise regte er sich über Sachen auf, die er nicht kontrollieren konnte. Diese Fehler sollen seine Schützlinge nach Möglichkeit nicht begehen. Ausserdem will er, dass seine Goalie so einfach wie möglich spielen. «Wenn es locker aussieht, dann hast du sehr gut gearbeitet», erklärt Aebischer. Und vielleicht trägt er ja dazu bei, dass schon bald wieder ein Schweizer Goalie den Stanley Cup gewinnt.

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