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Als Richi Bucher Finnland mit 50 Paraden im Alleingang stoppte

1988 schreibt der langjährige HCD-Goalie Richard «Richi» Bucher ein Olympia-Märchen, das fast schon kitschig anmutet. Mit einer Glanzleistung gegen ein überlegenes Finnland führt er die Schweiz zu einem ihrer grössten Siege.

Tobias
Kreis
Freitag, 03. April 2020, 04:30 Uhr Goldene Bündner Sportmomente

Olympic Saddledome Calgary, 14. Februar 1988: An den Winterspielen in der kanadischen Grossstadt stehen sich im ersten Gruppenspiel des olympischen Eishockeyturniers Finnland und die Schweiz gegenüber. 41 Tage zuvor hatte Verteidiger Ken Baumgartner, ein schweizerisch-kanadischer Doppelbürger, der in der Saison 1986/87 für den EHC Chur spielte, als erster Spieler mit einem Schweizer Pass ein NHL-Spiel bestritten. Bei Gegner Finnland besteht das Gros des Kaders aus Übersee-Profis. Es ist die Zeit, in der sich auf Schweizer Eis die professionellen Strukturen gerade erst herausbilden.

Alles andere als ein deutlicher Sieg der Finnen gegen die Schweiz wäre eine mittelgrosse Sensation. Und die Sensation passiert tatsächlich. Im Tor der Schweizer steht an diesem Tag Richard «Richi» Bucher, Goalie des HC Davos. Über 50 Schüsse wehrt der Luzerner auf dem Weg zum 2:1-Sieg der Schweiz ab. Es ist im Alter von 33 Jahren Buchers meist beachtete Leistung. An der Pressekonferenz nach dem Spiel erkundigen sich die kanadischen Journalisten danach, in welcher kanadischen Stadt «Ritschard Butscher» den geboren worden sei. Für sie war klar, dass nur ein Goalie kanadischer Herkunft so gut sein kann.

Coup, der 30 Jahre überdauert

In der Tat pflegte Bucher einen kanadischen Stil. Er spielte wie sein kanadisches Vorbild Jacques Plante, der in den späten 1950er-Jahren mit seinem aktiven Spielstil und ausgefeilter Stocktechnik das moderne Torwartspiel mitbegründete. Bucher hatte sein Torwartspiel in den 1980er-Jahren mit eben diesem Plante in Davos bei speziellen Goalietrainings perfektioniert.

Für die Finnen war die unerwartete Niederlage zum Auftakt ins olympische Turnier nicht mehr als ein Weckruf. In der Finalrunde der besten sechs Nationen mussten die Skandinavier nur der damals überlegenen Sowjetunion den Vortritt lassen. Die Schweizer ihrerseits vermochten sich nicht für die Finalrunde zu qualifizieren und unterlagen am Ende den USA im Spiel um Platz 7 mit 4:8. Doch die Tragweite des helvetischen Coups gegen Finnland blieb unverändert gross. Auf den nächsten Sieg gegen die Finnen in einem Ernstkampf mussten sich die Schweizer in der Folge 30 Jahre lang gedulden. Bis zur WM 2018, als das Team von Trainer Patrick Fischer die Finnen auf dem Weg zur Silbermedaille im Viertelfinal mit einem 3:2-Sieg ausschalteten.

Per Inserat zum HCD

1988 hiess der Schweizer Nationaltrainer Simon Schenk. Und dieser hatte in Bucher oft nicht die Nummer 1 im Tor gesehen – ebenso wenig wie die Nationaltrainer vor und nach ihm. Denn Bucher galt nie als Trainingsweltmeister. Von ihm ist der Ausspruch «Zuviel Training schadet mir» überliefert. So kam Bucher im Trikot mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust in seiner Karriere insgesamt nur auf 38 Einsätze.

Deutlich höher geschätzt wurde Bucher in Davos, wo er sich unter seinem Förderer Paul-André Cadieux zum Spitzengoalie entwickelte und 1984 und 1985 zweimal Meister wurde. Legendär ist die Art und Weise, wie 1978 der Transfer vom SC Luzern zum HC Davos zustande gekommen war. In der Zeitschrift «Sport» hatte Bucher zusammen mit seinem Kollegen Bruno Joho eine Annonce aufgegeben: «Zwei talentierte Spieler mit Nationalliga-Erfahrung suchen Nationalligaklub.» Kurz darauf meldeten sich HCD-Präsident Jörg Guyan und TK-Chef Fredy Bosch unabhängig voneinander. Man wurde sich schnell einig, den Luzerner unter Vertrag zu nehmen.

«Er ist immer wohlgelaunt und freundlich. Stets zeigt er guten Manieren.»

Bucher blieb bis zu seinem Karriereende 1989 Goalie des HC Davos. Nach dem Rücktritt übernahm Bucher zusammen mit Teamkollege Jacques Soguel das Immobilien-Geschäft von Guyan. Der langjährige HCD-Präsident schätzte Bucher nicht nur als Torwart, sondern auch als Menschen. «Ich habe ihn nie mürrisch, hässig oder betrunken gesehen», wird Guyan in der HCD-Chronik «75 Jahre HC Davos» zitiert. Und weiter: «Er ist immer wohlgelaunt und freundlich. Stets zeigt er gute Manieren.»  

Im September 2012 verstarb Richard «Richi» Bucher unerwartet an den Folgen eines Herzstillstands – 56-jährig und mitten im Berufsleben stehend.

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