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«Das Skifahren habe ich am meisten vermisst»

Seit seinem Karriereende ist Mark Streit Stammgast am Spengler Cup. Im Interview spricht der Ex- NHL-Star über seine HCD-Zeit, sein neues Leben und über das Erfolgsrezept des Team Canada.

Roman
Michel
Dienstag, 31. Dezember 2019, 04:30 Uhr Mark Streit im Spengler-Cup-Interview
2017 wird Mark Streit am Spengler Cup für seine Karriere geehrt.
GIAN EHRENZELLER/KEYSTONE

Der Spengler Cup und Mark Streit – eine spezielle Geschichte. Dreimal nahm der Berner als Spieler des HC Davos am Traditionsturnier teil bevor er erstmals nach Nordamerika wechselte. 2017, nach 820 Partien in der NHL und einem Stanley-Cup-Triumph, gab er seinen Rücktritt bekannt. Am Spengler Cup wurde der damals 40-Jährige auf dem Eis für seine Karriere geehrt. Seither ist er Stammgast – als Zuschauer und TV-Experte.

Mark Streit, Ende Neunzigerjahre haben Sie mit dem HC Davos dreimal den Spengler Cup bestritten. Welche Bilder kommen Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an diese Zeit zurückdenken?

Mark Streit: Da fallen mir zwei Dinge ein: die gute Stimmung und die Partien gegen das Team Canada. Diese Duelle waren immer mit vielen Emotionen verbunden und für mich als junger Spieler eine riesige Erfahrung. Der Spengler Cup war jeweils der erste Höhepunkt der Saison, schade hat es mir nie zum Sieg gereicht. Einmal standen wir im Final (1998, Red.), verloren diesen aber gegen die Kanadier.

Beim HCD haben Sie Ihre grosse Karriere lanciert. Was hätten Sie damals geantwortet, wenn Ihnen jemand gesagt hätte, Sie würden als langjähriger NHL-Spieler als TV-Experte an den Spengler Cup zurückkehren?

Das hätte ich natürlich nie erwartet. Ich habe eine coole Karriere hinter mir, schaffte es immer wieder, noch einen Schritt vorwärts zu machen. Mitentscheidend dafür war, dass ich jeweils den richtigen Zeitpunkt gespürt habe, um eine neue Herausforderung zu suchen. Das war auch in Davos so. Ich hatte eine wunderschöne Zeit hier, erhielt von Arno Del Curto als junger Spieler sehr viel Vertrauen. Der Abschied fiel nicht leicht, aber das Abenteuer Nordamerika reizte mich extrem.

Stehen Sie heute noch immer regelmässig auf dem Eis?

Nach meinem Karriereende legte ich fast ein Jahr lang eine Pause ein. Mittlerweile spiele ich einmal pro Woche mit den Senioren in Bern. Da sind viele ehemalige NLA- und NLB-Spieler dabei – das hilft mir, etwas am Ball zu bleiben. Die Freude am Hockey ist noch immer gross.

Viele Athleten fallen nach Ihrem Rücktritt aus dem Spitzensport in ein Loch. Machten Sie ähnliche Erfahrungen?

Ich kann diese Athleten sehr gut verstehen. Als Sportler lebst du ein aufregendes Leben, dass nur wenig mit der Realität zu tun hat und mit sehr vielen Emotionen verbunden ist. Das muss man irgendwie auffangen, wenn auf einen Schlag fertig ist damit. Auch bei mir gab es diese Momente, in denen ich zu beissen hatte, weil ich nicht mehr spielen konnte. Das Teamleben, die ganze Reiserei, den Nervenkitzel – das erlebst du nie mehr in diesem Mass. Zum Glück konnte ich in dieser Zeit auf den Rückhalt meines Umfelds und meiner Familie zählen. Ich glaube, es ist wichtig, nach der Karriere neue Herausforderungen ausserhalb der Komfortzone zu suchen. Das ist mir relativ gut gelungen.

Gibt es Dinge, auf die Sie während der Karriere verzichten mussten und nun besonders geniessen?

Ich bin während meiner NHL-Zeit viel gereist, habe das enorm gerne gemacht. Trotzdem geniesse ich es, jetzt etwas sesshafter zu sein und nicht nach jedem Sommer zurück nach Nordamerika reisen zu müssen. Was ich richtig vermisst habe, ist aber das Skifahren. Ich bin mit Skifahren gross geworden, seit ich 16 Jahre alt war, bin ich aber nicht mehr wirklich dazugekommen oder durfte nicht mehr auf die Piste. Letztes Jahr habe ich nun wieder richtig angefangen damit.

Inwiefern haben Sie typisch nordamerikanische Eigenschaften verinnerlicht?

Ich muss sagen: Ich habe zwar den amerikanischen Lifestyle gerne gelebt, den ganze Zirkus NHL, die Show, das Scheinwerferlicht genossen. Gleichzeitig habe ich aber meine Schweizer Wert behalten. Für mich war auch immer klar, nach dem Karriereende in die Schweiz zurückzukommen.

Haben Sie noch Kontakt mit Ihren Teamkollegen?

Mit dem einen oder anderen tausche ich per SMS aus. Zwei bis drei Mal pro Jahr reise ich zudem geschäftlich nach Amerika, treffe dort den einen oder anderen Spielern. Unsere Tochter Victoria ist in Philadelphia zur Welt gekommen, mit ihr wollen wir in den nächsten Jahren einmal privat in die USA zurück, um ihr ihren Geburtsort zu zeigen.

War es für Sie nie ein Thema, nach Ihrer Karriere ins Trainerbusiness oder als Sportchef einzusteigen?

Der Beruf als Trainer und Sportchef ist interessant, aber sehr herausfordernd. Da braucht es ein Commitment, Tag und Nacht für den Job zu leben – und das 24/7. Dazu bin ich noch nicht bereit, ich geniesse momentan das Familienleben. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen. Ich bin mir aber auch im klaren, dass ich nicht einfach den Trainer- oder Sportchefhut anziehen kann. Nicht jeder gute Hockeyspieler ist automatisch auch ein guter Sportchef oder Trainer. Es braucht ein sauberes Fundament und viel Erfahrung.

Sie haben jahrelang in Kanada gelebt. Wie wird der Spengler Cup dort wahrgenommen?

In der Altjahreswoche gibt es für viele Leute nur zwei Sachen: Die U20-WM und den Spengler Cup. Den hohen Stellenwert sieht man auch dem Team Canada an. Die Spieler sin d jedes Jahr extrem heiss, wollen den Titel unbedingt. Viele kanadische Spieler in der NHL kennen Davos wegen dem Spengler Cup.

Erstaunlich ist, dass die Kanadier jedes Jahr mit einer zusammengewürfelten Mannschaft anreisen und trotzdem so erfolgreich sind.

Kanada hat eine riesige Auswahl an starken Spielern. Aber es ist schon ein einzigartiges Phänomen. Wenn der Kanadier das Ahornblatt auf der Brust trägt, wird alles dem einen Ziel untergeordnet. Es ist faszinierend zu sehen, wie sie das Jahr für Jahr aufs Eis bringen – auch heuer wieder.

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