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«Eishockey-WM ist wie die Jagd»

16 Fans des EHC Arosa unterstützen das Schweizer Eishockey-Nationalteam an den Weltmeisterschaften in der Slowakei. Einige unter ihnen tun dies seit Jahrzehnten – und haben entsprechend viel zu erzählen.

Roman
Michel
Samstag, 18. Mai 2019, 04:30 Uhr Aroser Fans in Bratislava
Bündner Truppe in Bratislava: Das Zusammensein kommt für die Fans des EHC Arosa noch vor dem sportlichen Abschneiden des Nationalteams. Pressebild

«Gemäss dem Eishockey-Weltverband IIHF würde eine Eishockey-WM ohne die zahlreichen EHC-Arosa-Fans, die seit 20 Jahren an jede Weltmeisterschaft reisen, gar nicht stattfinden.» Zugegeben, die Worte im Blog auf der Homepage des EHC Arosa sind etwas übertrieben. Ganz falsch aber eben doch nicht. Seit Jahrzehnten reist jeweils eine beachtliche Gruppe aus Arosa und Umgebung an die Weltmeisterschaften, um dort das Schweizer Nationalteam zu unterstützen. 16 Fans sind auch dieses Jahr dabei.

Unter ihnen Hansruedi Bächinger. Bächi, so nennen ihn hier alle. 56-jährig, Mitarbeiter bei der Post in Arosa. Zum 29. Mal ist er an einer WM dabei. Stundenlang könnte er von seinen Erlebnissen erzählen. Von schier endlosen Zugreisen nach Deutschland, vom Hotelier in Minsk, der bereits zum Frühstück Schnaps auftischte – und natürlich von Kopenhagen 2018, weil dort einfach alles passte. «Das Wetter, das Hotel, die Leistung der Schweiz, das war sicher eines meiner schönsten Turniere», sagt Bächi.

Familien-Camper statt Hotel

Die Partien der Schweizer Nationalmannschaft sind das eine – das kulturelle Drumherum das andere. Stadtrundfahrt, Besichtigung einer Bierbrauerei, Aquapark, ein Ausflug nach Wien, das Programm hat es auch dieses Jahr in sich. «Diese Aktivitäten sind eigentlich fast noch wichtiger als die Spiele, Eishockey können wir schliesslich auch in der Schweiz schauen», sagt Jan Masson. 45-jährig, Beizer und Hotelier in Arosa. Er hat das Programm grösstenteils zusammengestellt. Logisch, geniesst Masson aktuell quasi ein Heimspiel: Seine Partnerin stammt aus der Slowakei. Bereits im August letzten Jahres weilten die beiden zur Inspektion in Bratislava. «Die Einheimischen sind extrem gastfreundliche Leute», weiss Masson zu erzählen, «lieber zahlen sie dir ein Bier, statt selber noch eines zu nehmen.»

Während er nun auch die Hockey-Begeisterung der Slowaken kennenlernt, kümmert sich seine Partnerin zu Hause um das Geschäft. «Keine Frauen, das ist bei uns die Regel», sagt Bächi lachend, «wie auf der Jagd. Aber das steht quasi im Ehevertrag drin.» Nur einmal musste er eine Ausnahme machen, wenn auch nur eine «halbe». «An die WM nach Kanada liess mich meine Familie nicht alleine gehen. Ich habe sie dann tatsächlich mitgenommen, wir übernachteten aber jeweils abseits der Gruppe in einem Camper.»

Freunde dank der WM

Zurück nach Bratislava. Dienstagabend. Für das Spiel gegen Österreich hat sich die Arosa-Gruppe auf der Tribüne hinter einem der beiden Tore aufgestellt. Zusammen mit Hunderten von anderen Schweizer Fans. Man kennt sich. Trifft sich jedes Jahr an der WM. Oder auch mal dazwischen: Im Schanfigg organisiert die Arosa-Gruppe jeweils ein Fussball-Grümpelturnier. Die WM-Bekanntschaften sollen gepflegt werden. Auch über die Landesgrenzen hinaus: Ein Russe, den Bächi während einem Turnier kennengelernt hat, kam schon zu Besuch in die Schweiz. «Diese Freundschaften zwischen den Fans verschiedener Länder, dieses friedliche Zusammensein machen die WM aus», sagt Bächi. Für ihn ist klar: «Wenn das nicht mehr wäre, dann gehe ich nicht mehr.»

4:1 gewinnt die Schweiz die Partie gegen Österreich. Draussen hat es zu regnen begonnen – für die Fans aus Arosa spielt das keine Rolle. Vor dem Stadion wird die riesige rot-weisse Fahne ausgerollt und der Schweizerpsalm angestimmt. «Das ist Tradition nach jedem Spiel», sagt Bächi. Früher sei er wegen seiner WM-Reisen jeweils noch ausgelacht worden. Heute nicht mehr. «Die Begeisterung um das Eishockey-Nationalteam ist deutlich gestiegen.»

2020 als Volunteer

Und was trauen Bächi und seine Kollegen der Mannschaft dieses Jahr zu? «Mit Nino Niederreiter gibt es erneut eine Medaille», ruft einer. Andere sind weniger optimistisch: «In den Viertelfinals ist Schluss.» Schluss war für den Grossteil der Arosa-Fans schon gestern. Am Abend sind die meisten von ihnen mit dem Zug in die Schweiz zurückgekehrt. Bächi bleibt mit drei Kollegen noch bis am Mittwoch, der Tag nach dem letzten Gruppenspiel. Wurmt es nicht, schon vor den Viertelfinals wieder nach Hause zu reisen? «Gar nicht», so Bächi, «der harte Kern der Schweizer Fans ist sowieso am Anfang vor Ort.»

Dass er auch nächstes Jahr wieder dabei sein wird, keine Frage. Doch bei der Heim-WM trifft man Bächi nicht in Rot-Weiss auf der Tribüne an, sondern irgendwo sonst. «Ich werde dann als Volunteer im Einsatz sein», verrät er. Seine Augen leuchten. Hauptsache WM.

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