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Der HC Davos – ein vielköpfiges Monster

4:0-«Sweep»: Der HC Davos hat sich im Play-off-Viertelfinal gegen Kloten auf schnellstem Wege durchgesetzt. Die Bündner sind nun Titelfavorit Nummer 1 – weil die ZSC Lions draussen sind. Und weil kein anderes Team so facettenreich ist.

Südostschweiz
Samstag, 12. März 2016, 12:07 Uhr Play-off-Viertelfinal

von Kristian Kapp

Vier Spiele, vier Siege, 16:6 Tore, in 240 Spielminuten nur sechs Sekunden im Rückstand. Der Davoser Einzug in den Halbfinal ist keine Überraschung. Auch die Dominanz erstaunt nur auf den ersten Blick. Trainer Arno Del Curto hat ein Monster mit vielen Köpfen erschaffen. Es gibt nicht den Weg, es zu besiegen. Schlägt man einen Kopf ab, beisst der nächste. Das Davoser Spiel, so einmalig es auch sein mag, ist nicht weniger berechenbar als all die Systeme anderer NLA-Teams. Jeder weiss, was ihn gegen die Bündner erwartet. Aber das Davoser Kader ist facettenreicher: Von Künstlern bis hin zu den beim Gegner gefürchteten «Irren», alles ist vertreten, mehrere Spieler nehmen unterschiedlichste Rollen gleichzeitig ein.

Speed: Hauptkopf des «Monsters». Es findet sich kein langsamer Stürmer im Kader. Solche werden gar nicht erst verpflichtet, und seien ihre anderen Fähigkeiten noch so beeindruckend.

Physis: Der HC Davos stellt das jüngste, grösste und schwerste Kader der Liga. Die Wucht entlang der Bande machte in der Serie gegen Kloten den grössten Unterschied aus. Davos verfügt wie jedes andere auf Physis konzipierte Team über mindestens so viele «Bandenhobler», die in den Ecken Pucks in Zweikämpfen erobern oder behaupten. Vorreiter ist Dino Wieser, der nebenbei immer wieder auch als Skorer glänzt. Der HC Davos widerlegt auch die Mär, dass die Zukunft des Eishockeys den kleinen, wendigen Spielern gehört. Kein Team auf der Welt in einer kompetitiven Liga gewinnt Titel, wenn es explizit auf «Kleine» setzt. Der Zuger Lino Martschini (168 cm/65 kg) ist einer der faszinierendsten Akteure der Liga. In den Play-offs konnte sich der «Zauberzwerg» in einem physisch generell unterlegenen Team wie schon letzte Saison (gegen Davos) nicht profilieren. Man stelle sich aber den Schaden vor, den ein Martschini inmitten einer ansonsten physisch starken Mannschaft anrichten könnte.

Härte: Das gibt Kloten am meisten zu denken. Der HC Davos kann zwar den Hammer auspacken wie sonst nur Genf und vielleicht Bern. Aber er musste es nicht tun. In Spiel 2 waren es gar die Bündner, die von aufopferungsvoll kämpfenden Zürchern hin und wieder herumgeschubst wurden. Dieses Element hat der HCD noch im Köcher, er wird es im Halbfinal gegen Bern benötigen. Andres Ambühl, Mauro Jörg, Alex Picard, Devin Setoguchi, die Wiesers, Chris Egli, Dick Axelsson oder der verletzte Gregory Sciaroni: Es mangelt nicht an Spielern, die dem Gegner mit Checks unter die Haut gehen können.

Schmirgelpapier: Es ist mittlerweile unmöglich, Davos mit Provokationen aus dem Tritt zu bringen. Der bei Gegnern und Refs unbeliebte Axelsson und Picard, aber auch die Wiesers sowie Beat Forster, der trotz etwas «Altersmilde» immer noch Respekt verbreiten kann, Gregory Sciaroni, Andres Ambühl, Claude Paschoud, Sven Jung oder Félicien Du Bois: Die Liste jener, die Konfrontationen nicht scheuen oder gar aktiv suchen, ist lang. Dass der HCD seit Jahren auch deshalb zu den meistbestraften Teams gehört, stört ihn nicht. Keine andere NLA-Equipe ist im Unterzahlspiel konstant so gut.

Arbeitsethik: Boxplay ist unterschätzte Drecksarbeit. Sie wird in Davos auch von den Künstlern und Stars verrichtet. Dick Axelsson und vor allem Topskorer Perttu Lindgren, offensiv der überragende Davoser, gehören zu den wichtigsten Unterzahlspielern. Lindgrens Beispiel ist nicht selbstverständlich: Ligatopskorer Pierre-Marc Bouchard, ebenfalls einer der Sorte genialer Künstler, lässt sich in Zug vom Boxplay dispensieren. Uneingeschränkten Respekt bei Mitspielern holt sich aber auch ein Künstler nur, wenn er sich nicht bloss im Glanze des offensiven Spektakels profilieren will. Lindgrens Tor in Spiel 1 gegen Kloten ist symbolisch: Drei Nachschüsse im Slot, während er von Crosschecks in den Rücken malträtiert wird. Die wenigsten Künstler gehen dorthin. Eine Davoser Besonderheit ist auch die tief verwurzelte Fähigkeit zur Selbstkritik. Man mag vielleicht Trainer Del Curtos Tiefstapelei nicht mehr hören. Doch seine ständige Unzufriedenheit ist es, die die Mannschaft nicht ruhen lässt. Und auch ein Betrachter darf feststellen, dass Davos gegen Kloten weit von seinem besten Spiel entfernt war. «Schuld» ist das Team, weil es die Messlatte in der Champions League so hoch legte.

Talent: Im Sturm ist Davos mit einer Breite an Talent gesegnet, die nur bei den ZSC Lions übertroffen wird. Auch in diesem Bereich hat Davos Trümpfe, die noch stechen können: Marcus Paulsson, Mauro Jörg, Samuel Walser, Dario Simion oder Marc Aeschlimann: Sie alle sind noch ohne Play-off-Tor.

Der Goalie: Leonardo Genoni hat eine für seine Verhältnisse durchzogene Qualifikation hinter sich. Statistisch ist es die schlechteste seiner neun Davoser Jahre. Der Hauptgrund: zu viele Einsätze. Aber ob Champions League oder nun die Play-offs: Wenn es darauf ankommt, ist er der stärkste Goalie der Liga – vor allem mental.

Der Coach und seine Intuition: Wenig erscheint bei Del Curtos Arbeit normal. Und er mag stur sein, was «sein» Eishockey angeht, konservativere Systeme sind ihm ein Gräuel. Seine Bauchentscheide sind aber bemerkenswert. Zwei Beispiele aus einer langen Liste: kaum ein Spiel, das er mit denselben Linien durchzieht. Und man soll sich dabei von den offiziellen Line-ups nicht verwirren lassen, diese sind oft ein Muster für die Medien ohne Wert. Statistiken interessieren ihn kaum, doch er sorgt für ausgeglichene Eiszeiten wie kein Zweiter. Die Besten müssen so oft wie möglich aufs Eis? Nicht in Davos. Wenn Captain Andres Ambühl die 20-Minuten-Marke knackt, ist das genauso eine Ausnahme, wie jene über 22 in der Abwehr für Félicien Du Bois oder Samuel Guerra.

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