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«Wir wollen der beste Ausbildungsplatz der Schweiz werden»

Der 40-jährige Anders Olsson aus Göteborg trainiert lieber Nachwuchsspieler, Ausbildung ist sein Steckenpferd. Seit dieser Saison hat er die Verantwortung über die Elite-Junioren des HC Davos – und hat grosses vor.

Südostschweiz
21.01.16 - 13:24 Uhr
Eishockey

Interview Kristian Kapp

Er lässt seine Spieler auf der Promenade in Davos verdutzte Passanten mit Stock und Ball ausdribbeln, hetzt sie auf den Kinderspielplatz für 1:1-Situationen gegen schwingende Schaukeln, setzt auf eine Trainingsintensität, die die Spieler noch nicht kannten und nimmt damit Niederlagen in Kauf. Er war Nachwuchscoach des Jahres in seiner Heimat, sucht immer nach neuen Wegen. «Ich bin Anders», stellt sich Anders Olsson vor. Vielleicht meint er auch «anders». Ein Gespräch mit dem HCD-Juniorentrainer über Eishockeyausbildung in Schweden und der Schweiz.

 

Anders Olsson, warum kommt ein schwedischer Nachwuchstrainer in die Schweiz?

Anders Olsson: Ich suchte eine neue Herausforderung. Ich war bei meinem Team HV71 in Jönköping mit dem Ziel angetreten, die beste Juniorenorganisation Europas aufzubauen. Am Anfang lachte man mich aus. Ich denke aber, dass wir das nach sechs Jahren geschafft haben.

Skelleftea schimpft sich in Schweden auch als erfolgreichste Juniorenbewegung des Landes.

Ich habe das mit ihrem General Manager Lasse Johansson, der ein sehr guter Freund von mir ist, einmal ausgerechnet. Im Zeitraum, in dem wir beide in unseren Klubs waren, hat HV71 einen Spieler mehr in die erste Mannschaft gebracht. Also waren wir erfolgreicher (lacht). Im Ernst: Skelleftea macht genauso wie auch Frölunda eine sehr gute Nachwuchsarbeit. In Davos haben wir ein neues Ziel: Wir wollen der beste Ausbildungsplatz in der Schweiz werden.

Wirklich?

Ja, das ist möglich. Es geht auch um die Ausbildung von Trainern, nicht nur von Spielern.

Warum sind Sie eigentlich in Davos gelandet?

Ich hätte auch zu den Kloten Flyers als Assistenztrainer wechseln können. Die Herausforderung in Davos lag vor allem in Arno Del Curto. Wir trafen uns schon vor vielen Jahren. Er erklärte mir mit Zuckerbeuteln und einem Stift auf der Taktiktafel seinen Traum vom Eishockey. Die Tafel war am Ende komplett zugemalt. Diese Passion und seine Ideen überzeugten mich sofort. Ich sagte mir , ich will das auch erreichen. Auf diese Saison hin kam die Zusammenarbeit dann zustande.

Sportlich läuft es den Davoser Elite-Junioren nicht.

Die Resultate sind mir in dieser Saison völlig egal. Ich lasse sehr streng und hart trainieren. Ich habe einige Eistrainings gestrichen und durch Krafttraining ersetzt. Wir bringen zum Beispiel Langhanteln an die Auswärtsspiele und setzen diese gleich nach der Partie ein. Dazu kommt ebenfalls auch nach dem Spiel sehr viel Ausdauertraining. Über Weihnachten machten wir Läufe um den See. Die Spieler sind sich diese Intensität nicht gewohnt. Aber um das Niveau, das mir vorschwebt, zu erreichen, müssen wir so trainieren. Nächste Saison werden sich die Spieler an diese Art der Arbeit gewohnt haben. Dann werden auch die Ergebnisse besser. Um Spieler nach oben in die erste Mannschaft zu bringen, müssen wir auf dieser Stufe auf internationalem Standard trainieren. Und was die Resultate angeht: Gerade in den noch tieferen Stufen wie Mini und Piccolo dürfen sie keine Rolle spielen.

Ihre Mannschaft ist mitten im Strichkampf und könnte die Play-offs verpassen.

Das ist so. Wichtiger ist, dass wir jede Saison einen oder zwei Spieler ins NLA-Teams schicken können. Ein Jahr mit einem Meistertitel bei den Junioren ohne Spieler, die es nach oben schaffen, ist ein verlorenes Jahr. Das war schon bei HV71 mein Credo. Dort haben wir in den sechs Jahren 30 Spieler ins Fanionteam schicken können. Einige schafften es in die NHL: wie Niklas Hjalmarsson, David Ulstrom – oder auch der Schweizer Kevin Fiala.

Wie haben Sie Fiala erlebt?

Zu Beginn muss es für ihn ein Schock gewesen sein. In der Schweiz spielte er vorher alles, Überzahl, Unterzahl, einfach in allen entscheidenden Situationen. Bei uns wollte er aber keine Schüsse blocken und kein Auslaufen nach dem Spiel machen, und hat zu wenig Krafttraining gemacht. Also hat er am Anfang kaum gespielt. Wir gaben ihm später dann aber eine Chance in der ersten Mannschaft. Und weil die Nachricht bei ihm ankam , machte es «Bumm» und er blieb oben.

In der Schweiz gilt Kevin Fiala als Problemspieler.

Ich habe das nicht so erlebt. Er hatte mit seinem Talent lange einfach kaum Konkurrenz.

Ein «Künstler»?

Genau. Du kannst mit ihm hart sein, musst aber gleichzeitig «Liebe in den Augen» haben. Dann geht es.

Das ist bei den «Künstlern» oft so.

Ja. Wir haben hier im NLA-Team in Davos, ohne jetzt einen Namen zu nennen, auch so einen Schwedischen Künstler. (lacht) Die gibt es überall.

Reden wir über den CHL-Halbfinal Frölunda – Davos. Sie sind ein echter Göteborger.

Genau. Mein Grossvater gehörte zu den Gründern von Frölunda. Darum schlugen am Dienstag zwei Herzen in meiner Brust. Aber jetzt als Angestellter von Davos war klar: Ich hoffte, dass der HCD weiter kommt. Mein Herz ist jetzt hier, die Nationalität spielt keine Rolle.

Wie war Ihr Eindruck?

Im ersten Spiel war Frölunda klar besser. Vier ausgeglichene Blöcke, die im einzeltaktischen und auch teamtaktischen Bereich besser waren. Im Rückspiel war aber alles ausgeglichen. Ich war sehr stolz, wie die Davoser Mannschaft in Schweden auftrat.

Karlstad, Helsinki, Skelleftea, Göteborg. Der HC Davos reiste in der CHL vier Mal nach Skandinavien. Und vier Mal gab es interessante Feststellungen zu notieren. Schweden und Finnland produzieren überdurschnittlich viele gute Goalies, praktisch alle Teams verfügen über mindestens zwei, die in der NLA Starter sein können. Woher kommt dieser fast nicht endende Strom, der mittlerweile auch die NHL erfasst hat? Die Kanadier haben auf hohem Niveau mittlerweile so etwas wie Torhüterprobleme und erlauben in ihrer höchsten Juniorenliga keine Goalies aus Europa mehr.

Kontinuierliche Arbeit von ganz unten, also bereits auf Stufe Moskito und Mini. Alle arbeiten stets mit Goalietrainern. Übrigens: Ein weiterer Grund, warum ich nach Davos kam, war der Torhütertrainer. Mit Marcel Kull ist Davos in der europäischen Spitzengruppe voll dabei. Ich sage nur Hiller, Genoni, Berra. Seine Arbeit und sein Engagement ist auf allen Stufen wirklich beeindruckend. Dieser Ansatz gilt übrigens auch für die Feldspieler. Bis 13 Jahren soll Spiel und Freude im Vordergrund stehen. Und andere Sportarten sollen auch ausprobiert werden. Das ist wichtig. Nachher muss aber die ganze Ausbildungspalette beginnen.

Was vor allem bei Skelleftea und Frölunda auch auffiel, gerade im Training: Harte Pässe, extreme Scheibensicherheit, nicht nur bei den Stars. Davos konnte gerade im Rückspiel bei Frölunda trotz intensivem Forechecking viel weniger Turnovers kreieren, als das gegen ein NLA-Team der Fall gewesen wäre. Ein, zwei ruhige Pässe, und die Schweden waren in der Mittelzone.

In Schweden lernst du das Passspiel in den jungen Jahren im lockeren Tempo. Die Passqualität ist zunächst wichtiger. Mit dem Alter steigerst du das Tempo. Wenn du schon zu jung in zu hohem Tempo das Passspiel erlernst, wird dir später die richtige Technik fehlen.

Also gilt auch hier: Das Resultat ist zweitrangig.

Ja, bei HV71 und SKelleftea gilt schon im Nachwuchs strikt: Du sollst kein Icing produzieren, sondern die Situation mit Kreativität lösen. Natürlich begehst du darum am Anfang Fehler, die Gegentore als Folge haben. Aber in deiner Ausbildung gewinnst du etwas.

Sie machen etwas bei den Elite-Junioren, dass auch in der NLA nur Genf-Servette hin und wieder macht: Der Goalie fährt hinters Tor und hebt das Icing extra auf.

Ja, wir versuchen das hin und wieder. Der Vorteil mit dem Bully nach dem Icing vorne ist mir völlig egal. Es geht um das Üben des Spielaufbaus. Der Goalie soll quasi dritter Verteidiger sein. Die Philosophie vom schnelleren Eishockey, das ja auch die erste Mannschaft lebt, soll so gefördert werden. Wir versuchen sogar ganz leicht kontrollierter zu spielen als das NLA-Team.

Ein schnelles Transitionsspiel ist aber hin und wieder anfällig auf ein Icing.

Ja, aber wir müssen Spieler wie Félcien Du Bois und Jan von Arx entwickeln. Solche Verteidiger, die gut mit der Scheibe sind und im Powerplay als Quarterback eingesetzt werden können, kosten unglaublich viel Geld. Warum also nicht selber ausbilden? (lacht)

Nicht nur Kevin Fiala: Immer mehr Schweizer Junioren lassen sich in Schweden ausbilden.

Das ist für mich keine Überraschung. Unser Ziel in Davos muss sein, dass wir die gleiche Ausbildung und die gleiche Trainingsintensität bieten können wie Schweden. Damit so viele Jungs wie möglich hierbleiben. Im NLA-Team haben wir bereits einen Trainer, der den Jungen immer wieder Chancen gibt.

Was braucht es also im Nachwuchs noch?

Generell eine bessere Ausbildung in Taktik, Einzeltaktik, Kraft. Und eine bessere Zusammenarbeit im Kanton. Wir arbeiten bereits mit Chur und Prättigau zusammen. Diese Klubs dürfen nicht das Gefühl bekommen, dass wir nur nehmen. Wir müssen auch etwas zurückgeben.

Darum auch die Trainerausbildung?

Ja. Wir müssen eine grosse Perspektive haben. Über unsere grösste Herausforderung haben wir aber noch nicht geredet.

Und die wäre?

Die Ausbildung neben dem Eis. Die Zeiten der Trainings. Wir haben hier ein Morgentraining und dann ein Abendtraining um 19.30 Uhr. Besser wäre sofort nach der Schule, ab 17 Uhr. Nachher hast du den ganzen Abend frei und kannst die Hausaufgaben machen. Wenn du spät am Abend und nachher früh am Morgen trainierst, hat der Körper stets Stress.

Die Ernährung ist auch ein Thema.

Wir hinken da den Schweden noch ziemlich hinterher. Ein Beispiel: Dort erhalten die Junioren vor dem Morgentraining ein richtiges Früstück, alle zusammen, Junioren, erste Mannschaft, Büropersonal. Danach steht in der Schule wieder ein Essen auf dem Programm. Dann vor dem Nachmittagstraining noch eines. Und die reichsten Vereine servieren nach dem Training ein weiteres Essen. Das ist bei uns in der Schweiz eine Baustelle. Du fährst nach Genf mit einer Kochkiste, spielst dort und isst erst nachher. Dann fehlt die Kraft. Die jungen Spieler musst du auch mit der Ernährung aufbauen. Wenn du ohne Frühstück trainierst und nachher noch ins Krafttraining gehst, nützt das nichts. Wir sind daran, das Stück für Stück anzupassen.

Bei Frölunda kam im Rückspiel das 16-jährige Riesentalent Kristian Vesalainen zum Einsatz. Er hatte zwar nur ein paar Shifts, hinterliess aber nicht nur mit seinem grossen Körper einen bemerkenswerten Endruck. In der NLA dominiert der 18-jährige Auston Matthwes die Liga. Wie weit ist die Schweiz entfernt, solche Spieler zu produzieren?

Also Matthews würde auch in Schweden dominieren, wenn auch nicht im selben Ausmass. Es geht um Ausbildung und viele gute Trainer. In der Schweiz ist Eishockey immer noch zu oft Winterhobby. Die Schule ist wichtiger. In Schweden ist es umgekehrt.

Aber auch in Schweden schafft es ja nicht jeder ins Fanionteam. Was machen die «No Names», die scheitern?

In Schweden darfst du in den Eishockeygymnasien länger als andere an deiner Schulausbildung dran sein. Wenn du ein, zwei oder drei Jahre wegen schlechter Noten verpasst, kannst du das nach der gescheiterten Karriere nachholen. Generell muss man sagen: Die Pisa-Studien belegen, dass die Schulausbildung in der Schweiz besser ist. Die Eishockeyausbildung hingegen ist in Schweden besser. Es gilt, da den richtigen Mix zu finden.

Wo sind wir im Eishockey den Schweden voraus?

Mehr Fans, ein Eishockey, das mir aber auch den Zuschauern besser gefällt. In Finnland und Schweden gibt es mehr Taktik, hier mehr Torchancen. Im Moment schaue ich ein gutes NLA-Spiel lieber als eines in der «SHL» oder der «Liiga». Alle spielen in Schweden die selbe Taktik. Du könntest bei Mitte Spiel die Trikots tauschen und würdest kaum etwas merken. In der Schweiz haben wir klar verschiedene Systeme: Arno Del Curto in Davos und Chris McSorley in Genf zum Beispiel. Dennoch war die CHL ein «Augenöffner», auch für uns Trainer. Ich hoffe, dass wir weiterhin einen Austausch haben können.

Sprechen Sie auch die vorher erwähnte Trainerausbildung an, die Davos anstrebt?

Ja, wir möchten nächste Saison ein Trainerprogramm lancieren, das mehrere ganztätige Kurse beinhaltet. Als Ausbildner werden nicht nur Schweizer, sondern auch Schwedische Spitzenkräfte kommen. Skellefteas Lasse Johansson hielt vor dem Hinspiel in Davos einen Vortrag vor den HCD-Nachwuchstrainern. Krister Rockström war schon hier und wird wieder kommen, genauso wie Torgny Bendelin. Rockström ist derzeit Europascout der Montreal Canadiens. Vorher war er auch bei Detroit und den New York Rangers. Er ist für mich einer der besten Talentjäger: Er hat Raphael Diaz, Nicklas Lidström, Henrik Lundqvist oder Alexej Kowalew entdeckt. Bendelin baute das Schwedische Junioreneishockey, wie man es heute kennt, auf. Und er hat Erfahrungen als schwedischer U18-Nationalcoach.

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