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Edgar Salis: «Zwei Teams, beide immer auf der Suche»

Edgar Salis steht in seiner siebten Saison als Sportchef der ZSC Lions. Der Bündner sieht im Play-off-Final viele Parallelen zwischen seiner
Mannschaft und jener des Widersachers aus Davos.

Südostschweiz
Samstag, 04. April 2015, 02:23 Uhr Eishockey Play-off-Final

Mit Edgar Salis sprach Kristian Kapp

Edgar Salis ist ein Churer. «Ich bin am Stadtrand beim Kinderheim Plankis aufgewachsen», erzählt der 44-jährige Sportchef der ZSC Lions. Salis, der ehemalige Schweizer Nationalverteidiger hatte von 1993 bis 2005 mit einem Abstecher nach Ambri-Piotta (1997 bis 1999) für die Zürcher gespielt. Die suedostschweiz.ch hat Salis am Karfreitag, einen Tag nach dem 3:0-Sieg der Löwen im ersten Play-off-Finalspiel gegen den HC Davos, in Zürich besucht und ihn vor Spiel Nummer 2 am Samstag in Davos (20.15 Uhr) zum Interview gebeten.

Wie viel Bündner steckt noch in Edgar Salis?

Edgar Salis: Sehr viel. Ich bin und bleibe ein Bündner, der sich in Zürich aber wohl fühlt. Aber «Einmal Bündner, immer Bündner!» Da bin ich stur. Und genau das beweist doch, dass ich wirklich Bündner bin. (lacht)

Was verbindet Sie noch mit Ihrem Heimatkanton?

Die Familie. Meine Mutter, alle meine Geschwister und gute Freunde leben in Graubünden.

Ist ein Duell mit dem HC Davos für Sie ein Derby?

In den letzten 15 Jahren wurden Spiele gegen Davos durch bestimmte Konstellationen wieder zum Derby. Sowohl für mich zunächst als Spieler und jetzt in dieser Position, aber auch generell für Zürich. Natürlich ist es speziell. Es gibt eine Bündner Tradition beim ZSC, Zürich ist die «grösste Bündner Stadt».

Lässt man Ihren Namen durch die Internet-Suchmaschine, erscheint weit oben die Schlagzeile «Edgar Salis, der Rappenspalter». Rufmord oder Wahrheit?

(lacht) Ich bin sicher nicht geizig. Ich glaube, das war ein Wortspiel eines Journalisten, der einen Aufhänger brauchte. Nein, ich bin kein Rappenspalter.

Zumindest als ZSC-Sportchef können Sie kaum Rappenspalter sein.

In so einer Position musst du auch haushalterisch umgehen können. Du musst hin und wieder auch probieren, ein Rappenspalter zu sein, statt das Geld zum Fenster hinauszuwerfen.

Aber es kann bei den Lions mit dem ganzen Erfolgsdruck ja nicht darum gehen, das möglichst billigste Team zusammenzustellen.

Du brauchst den Mix. Auch für uns gilt: Lieber billiger als teuer, aber logischerweise auf einem Niveau, das dir die Möglichkeit gibt, Erfolg zu haben.

Seit Januar 2009 sind Sie offiziell Sportchef der ZSC Lions. War dies zuvor Ihr grosses Ziel?

Nein, ich hätte mir das damals als Spieler nicht vorstellen können. Mein Vorgänger Peter Iten wechselte in die Privatwirtschaft, der ZSC suchte einen Nachfolger. Ich war gerade an meinem Studium der Sozialpädagogik. ZSC-CEO Peter Zahner, zuvor lange Zeit mein Chef in der Nationalmannschaft, dachte darum vielleicht, dass der Salis doch noch etwas im Kopf haben könnte. Etwas, das er bei mir als Spieler vielleicht nicht immer dachte. (lacht) So kam ich dann wie die Jungfrau zum Kind zu diesem Job.

Sie schlossen Ihre Ausbildung dennoch ab.

Ja, die ersten eineinhalb Jahre lief es parallel weiter. Im Nachhinein muss ich sagen, dass das eine schwierige Zeit war. Auch weil es mir mit meinem Job bei den Lions nicht wirklich rund lief.

Sie haben in knapp sieben Jahren als ZSC-Sportchef alle Rollen erlebt: Sündenbock mit drei Viertelfinal-Outs hintereinander, Held als Meistermacher 2012 und 2014.

Im Nachhinein bin ich froh, beides erlebt zu haben. Das erdet dich. Ich habe nicht das Gefühl, jetzt der Allerbeste zu sein. Aber im Misserfolg glaubte ich auch nicht, der Allerdümmste zu sein. Ich habe all das als Spieler ja genau gleich erlebt.

Aber als Sportchef stehen Sie vor allem bei Misserfolg viel mehr im Mittelpunkt. Als Spieler wird man nicht unbedingt als Alleinschuldiger hingestellt.

Doch, das habe ich auch erlebt! (lacht) Und ich finde es richtig, dass der Sportchef bei Misserfolg im Fokus ist. Das nimmt den Druck von der Mannschaft. Du bist dann wie ein Puffer.

Kamen in den ersten Jahren Zweifel auf?

Beim mir selbst oder im Umfeld?

Bei Ihnen natürlich.

Ich hatte an mir wahrscheinlich weniger Zweifel als das Umfeld. Es braucht immer eine gewisse Zeit, wenn du deine Ideen einbringen und etwas machen willst, auch wenn der Spitzensport dir nicht gerne Zeit gibt. Aber logisch hatte ich auch Zweifel. In Zürich drei Mal hintereinander im Viertelfinal auszuscheiden ist ein No-Go.

War der erste Titel speziell, weil die Zweifler verstummten?

Etwas Erstes ist immer speziell: Der erste Titel als Spieler, die erste Freundin, das erste Mal Autofahren, egal was. Der erste Titel als Sportchef verschaffte mir mehr Ruhe von den Medien und vom Umfeld.

Fürchteten Sie die Entlassung?

Ich merkte schon, dass es eng geworden wäre, wenn es nicht bei diesen drei Erstrunden-Outs geblieben wäre. «Befürchtet» ist aber nicht das wirklich richtige Wort.

Meister wurden Sie dann ausgerechnet 2012, als das Team nach der Qualifikation bloss auf Rang 7 stand.

Es war ein extrem schwieriges Jahr. Wir erwischten einen schlechten Start, verloren die ersten sechs Heimspiele. Bis Weihnachten war die Stimmung sehr negativ. Da wir an die Arbeit des damaligen Trainers Bob Hartley glaubten und sahen, wie hart und professionell diese war, blieben wir überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein.

Dann kam das 4:0 gegen Davos in der ersten Play-off-Runde …

… und das war ein Gefühl, wie nach langer Zeit unter Wasser ohne Luft auftauchen zu können. Plötzlich siehst du alles klarer. Nicht nur für mich, sondern für die ganze Organisation war das DER Schritt.

Ausgerechnet Davos. Der HCD war es auch, der Ihre Karriere beendete …

Ja, ich spielte 2005 mit dem ZSC mein letztes Spiel in Davos, beim Meistertor des HCD in der Overtime stand ich sogar auf dem Eis. Ich zog mir damals sozusagen meine eigenen Füsse weg.

Beim ZSC müssen Sie den Spagat zwischen der grössten Juniorenabteilung des Landes und der jährlichen Favoritenrolle bewältigen.

Mit Abstand das wichtigste dabei ist, einen Trainer zu haben, der das verinnerlicht. Einer, der den Mut dazu auch hat. Mit Hartley und jetzt auch Marc Crawford hatten und haben wir zwei Glücksfälle. Beide sind sich nicht zu schade, mehr Zeit zu investieren, während der ganzen Saison zwei Mal am Tag zu trainieren, innovativ zu sein. Das sind Dinge, die Arno Del Curto in Davos seit Jahren vorlebt. ZSC – HCD ist ein Final zweier Teams, die sehr viel investieren im Training, sei es mit speziellen Skill-Trainings, Powerskating oder Zusatzarbeit mit den jungen Spielern. Beide sind immer auf der Suche, wie man noch besser werden kann und geben diesbezüglich nie Ruhe. Wie ich von den Spielern höre, sind Crawford und Del Curto in vielem ähnlich. Beide «spinnen», im positivem Sinne natürlich, und das erleichtert in der Arbeit sehr vieles.

Die ZSC Lions stehen nun auch für den Einbau von jungen Spielern in die NLA-Mannschaft. Jahrelang mussten Sie sich aber auch die Kritik anhören, dass da trotz grosser Anstrengungen viel zu wenig herausschaue.

Die Grundidee vor über 15 Jahren sah auf dem Papier ja gut und schön aus. Aber bis das wirklich gelebt wird, kombiniert mit dem Erfolgsdruck, braucht seine Zeit. Dann brauchst du eben diese Trainer, die Mut und Erfahrung haben, nicht nur auf Transfers zu drängen, sondern dem Nachwuchs eine Chance zu geben. Und von unten muss auch die Qualität der Jungen stimmen. Es ist schnell gesagt, dass du Junge einbauen willst. Aber wir hatten und haben Geduld. Da muss dir auch egal sein, wie dies teilweise in den Medien kommentiert wird.

Der Interessanteste Ihrer jungen Spieler derzeit ist der 17-jährige Verteidiger Jonas Siegenthaler. Zumindest lockt er regelmässig die NHL-Scouts an die ZSC-Spiele. Wie gehen Sie mit so einem besonderen Talent um, wie verhindern Sie, dass er «abhebt»?

Er ist zu «schwer» zum Abheben. Das hängt auch mit dem Trainer, seinem Umfeld und seiner Erziehung zusammen. Wenn man von Talent redet, darf man eines der wichtigsten Talente nicht vergessen: Das Wissen, dass man jung ist und eine Chance hat – nicht mehr. Dass es zusätzlich noch harte Arbeit braucht. Es ist grundsätzlich wichtig in der Pädagogik, egal ob im Eishockey oder sonstwo. Du musst die Jungen gerade in diesem Teenageralter runterholen und auch aufbauen können. Du erlebst in dieser Phase oft genau die zwei Extreme: Die einen finden sich die Allerbesten, andere haben Mühe mit dem Selbstvertrauen. Da gibt es keine Grundsatzregeln, das ist individuell.

Sie haben mit Hartley und Crawford hintereinander zwei NHL-Trainer verpflichtet. Wollten Sie bewusst grosse Namen holen?

Nein, das hatte nichts mit den Namen zu tun. Vor Hartley wollten wir etwas Neues versuchen. Wir sahen, dass wir zu sehr in der Komfortzone gelebt hatten. Mit Hartley kam es eher zufällig zu einem Interview, er überzeugte uns aber mit seinem Plan: Viel Arbeit mit den Jungen, viel Training, mehr Training, noch mehr Training.

Also eher untypisch für einen Coach aus der NHL, wo während der Saison mehr gespielt als trainiert wird.

Das ist so. Aber Hartley wie auch Crawford wurden vom Coach wieder zum Trainer. Für beide war das zu Beginn ihrer Karriere der Grundgedanke. Wenn du dann im NHL-Gefäss drin bist, wirst du mehr und mehr zum Coach. Bei beiden war und ist es ein Wunsch, bei uns wieder den Weg zurück zum Trainer zu finden.

Also mussten sich die beiden gar nicht so sehr an unsere Gepflogenheiten anpassen, wie es oft bei nordamerikanischen Trainern heisst?

Nein, wir haben uns umgekehrt an sie angepasst. Wir brachen grundsätzliches auf. Eine der ersten Fragen zum Beispiel war: Warum trainieren wir am Montag nur einmal? Wir haben viele Junge, warum gehen wir mit ihnen nicht noch einmal aufs Eis? Heute ist das mittlerweile Usus.

Wenn in der NHL ein Trainer entlassen wird, kommt sofort der Name Crawford, oder vor drei Jahren Hartley, ins Gespräch. Ein Nachteil?

Man kann das auch anders fragen: Warum kommt Arno Del Curto immer ins Spiel bei anderen Klubs, wenn sein Vertrag in Davos ausläuft? Hast du also lieber einen Trainer, der nie zum Thema wird? Nein, weil dann hast du wahrscheinlich keinen Guten … Das ist bei den Spielern ja nicht anders. Lieber so als umgekehrt.

Reden wir über die Serie gegen Davos. Sie schienen nicht ganz so begeistert vom ersten Spiel wie andere …

Es war ein schnelles Spiel. Aber ich hatte nach dem Match das Gefühl, dass beide Teams besser spielen können. Es war ein gutes Spiel, aber mir fehlte der «Wow-Effekt».

Fakt ist: Alle NLA-Teams reden davon, aber nur der ZSC schafft es, das typische Davoser Transitionsspiel nicht entfalten zu lassen.

Wir sind schlittschuhläuferisch auch eine gute Mannschaft. Wir spielen gerne Eishockey. Das ist ein Grundsatz von Crawford: Eishockey spielen, nicht arbeiten.

Also im Gegensatz zum Verhindern?

Genau. Er ist kreativ, arbeitet mit Beispielen aus Filmen oder analysiert, wie Musik aufgebaut ist. Eine weitere Parallele zu Arno Del Curto. Crawford war immer schon kreativ, auch seine früheren Teams zeichnete Kreativität aus.

Dennoch: Warum schaffte es weder Zug noch Bern, dem HCD-Spiel dermassen gut zu begegnen wie die Lions? Auch der EVZ und der SCB haben gute Spieler.

Das spricht in erster Linie für die Davoser. Sie haben das «Arno-System» seit Jahren verinnerlicht. Und sie haben Talent. Nennen Sie mir weitere Teams, die im Sturm bezüglich Talent so ausgeglichen besetzt sind wie der HCD!

Sicher Ihre ZSC Lions.

Stimmt. Aber ansonsten können Sie noch lange suchen.

Die jungen Davoser Verteidiger überraschen aber alle. Auch Sie?

Für mich sieht das nach einem Plan aus, der Sinn macht. Grosse, junge Abwehrspieler. Wenn du diese im Nachwuchs hast, musst du mit ihnen arbeiten. Grosse Verteidiger tendieren oft dazu, behäbig zu sein. Also musst du mit ihnen viel arbeiten. Davos betreibt Powerskating, wir auch, zwei Mal in der Woche. Ein Siegenthaler muss bei uns in jedem Zusatztraining auf dem Eis stehen. «Ohne Fleiss kein Preiss». Ich hätte als Spieler auch nach diesem Motto leben sollen.

Auch Sie waren einst ein grosser Verteidiger.

Ja, behäbig war ich auch. (lacht) Aber ich habe zu wenig gearbeitet.

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