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Die Charme-Offensive aus dem «Ländle»

Der FC Vaduz kehrt in die Fussball-Super-League zurück. An der Spitze steht mit Ruth Ospelt (55) eine Frau, die vor elf Jahren noch als Klub-Sekretärin gearbeitet hat.

Südostschweiz
Montag, 05. Mai 2014, 12:18 Uhr
Ruth Ospelt.

Fussball. – Noch immer schwingt ein Hauch Exotik mit, wenn eine Frau in die Machowelt Fussball eindringt. Aber neben der Geschlechterfrage gilt es noch andere Aspekte zu erkunden. Beispielsweise: Wie hat es Ruth Ospelt geschafft, von der Sekretärin zur Präsidentin aufzusteigen? Oder: Wie schafft es diese Frau, Single zu sein?

Es sollte eine Frau aus dem Fürstentum Liechtenstein sein. Eine Katholikin. Doch  Ospelts Vater verguckte sich ausgerechnet in eine Protestantin aus der Bündner Herrschaft, was damals noch verpönt war. So sehr sie die familiäre Bande schätzte, litt sie auch unter der Enge ihrer geografischen Umgebung.

Flucht aus dem «Ländle»

Der Vater sei zwar nicht erfreut gewesen, als sie ihn mit 19, nachdem sie die Ausbildung zur Keramikmalerin absolviert hatte, mit dem Entschluss konfrontierte, für ein Jahr in den USA als Babysitterin zu arbeiten. «Aber er wusste auch, dass mich keine 20 Pferde zurückhalten könnten.»

Es blieb nicht ihre einzige Flucht aus dem 37 000-Einwohner-Staat. Sobald ihr das Leben zur Routine geworden ist, suchte sie das Weite. Mal verbunden mit Arbeit als Teamleiterin für Swarovski. Oder mal für ein Jahr mit Rucksack und einem 6-Dollar-Tagesbudget durch Zentralamerika.

Obwohl sie nicht viel Ahnung von Fussball hatte, bewarb sie sich vor elf Jahren, als der FC Vaduz eine Stelle als Sekretärin ausgeschrieben hatte. Als eineinhalb Jahre später ihr Vater krank wurde, zog sie sich aus dem Berufsleben zurück. Sie unterstützte ihre Mutter bei der Betreuung und Pflege des Vaters und engagierte sich für humanitäre Zwecke. Noch heute hilft sie im Flüchtlingsheim in Vaduz und unterstützt eine Schule in Tansania, die eine Bekannte aufgebaut hat.

Wahl mit Nebengeräuschen

Dem FC Vaduz blieb sie als Präsidentin der Gönnervereinigung Premier Club verbunden. Dabei erlebte sie 2008 mit dem Aufstieg in die Super League den grössten Erfolg der Klubgeschichte, der aber viel kaputt gemacht hat. Vaduz galt eh schon als Eldorado für windige Spielervermittler und Auffangbecken für Auslaufmodelle. Was sich mit dem Aufstieg 2008 in die Super League noch akzentuierte.

Ospelts Wahl im vergangenen September ging nicht ohne Nebengeräusche über die Bühne. Opposition kam ausgerechnet vom Premier Club, den sie während Jahren präsidiert hat. «Das wurde nicht ganz korrekt dargestellt», sagt Ospelt. «Nicht der ganze Club, sondern bloss mein Nachfolger hatte ein Problem mit mir. Wahrscheinlich, weil ich eine Frau bin.»

«Ich meide die Routine»

Während Gigi Oeri, die erste Präsidentin im Schweizer Fussball, den FC Basel mit ihren Millionen alimentierte, verzichtet Ospelt auf Finanzspritzen aus der eigenen Tasche. Selbst wenn das Budget nach dem Aufstieg von 3,5 auf 5 Millionen Franken angehoben wird. Dafür arbeitet Ospelt, die mit Immobilien und einer kleinen Import-Export-Firma Geld verdient, unentgeltlich für den FC Vaduz. 17 Spieler sind vertraglich für die nächste Saison gebunden.

Zurück zur Männerfrage. Oder wie sie es schafft, Single zu sein. «Ich war mal verheiratet. Aber in unserem kleinen Land hat jeder Mensch eine Etikette umgebunden. Auf meiner steht ‹selbstbewusst, stark, unabhängig›. Das schreckt vielleicht einige Männer ab.» Und das Fernweh von einst? Ist das etwa verheilt? «Nein. Aber ich meide die Routine wo nur möglich. Und wenn es mir doch mal zu eng wird, steige ich ins Auto und fahre den Berg hinauf nach Malbun. Dort oben ist die Luft so klar und das Wasser so kalt, dass man zwangsläufig wieder mit sich und der Umgebung ins Reine kommt.» (so)

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