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«Wir alle haben die Fans vermisst»

«Wir alle haben die Fans vermisst»

SRF-Aushängeschild Jann Billeter aus Rapperswil-Jona lässt im Interview seine Zeit beim Schweizer Fernsehen Revue passieren.

Fabio
Wyss
vor 1 Monat in
Sport
Aufbruch: Auf dem Hauptplatz in Rapperswil erzählt Jann Billeter beim Interview mit der «Linth-Zeitung», wie die Reaktionen auf seinen Wechsel vom SRF zu MySports waren.
Bild: Markus Timo Rüegg

In grossen Lettern steht auf dem Rapperswiler Hauptplatz «Aufbruch». Der Schriftzug passt zum in Jona wohnhaften Jann Billeter. Diese Woche ist bekannt geworden, dass der laut «Blick» beliebteste Sportmoderator des Landes das Schweizer Fernsehen verlässt.  Der 49-Jährige wechselt zum Privatsender MySports. Seither wird Billeter überall darauf angesprochen. Auch auf dem Hauptplatz, wo das Interview mit der «Linth-Zeitung» stattfindet. Für dieses nimmt er sich Zeit. Obwohl er sich zwingend auf das nächste Spiel an der Eishockey-WM im lettischen Riga vorbereiten müsste.

Jann Billeter, Sie sind stark mit der Eishockey-WM absorbiert, gleichzeitig wurde Ihr Abgang von SRF verkündet. Das hört sich nach einer intensiven Woche an.

Jann Billeter: Es ist gerade extrem und geht drunter und drüber. Irgendwie muss ich das alles unter einen Hut bringen. Ich habe mir das aber selber eingebrockt. Nach so einer Meldung will ich auch hinstehen und mir für die Welle von Reaktionen Zeit nehmen.

Wie fallen diese aus?

Es sind sehr positive. Viele beglückwünschen mich – seien es Arbeitskollegen, Leute aus der Eishockeyszene oder andere Bekannte. Das tut gut und gibt mir Energie für die Arbeit am Mikrofon. Ein paar Stunden nach der Bekanntmachung habe ich ja schon wieder ein Spiel kommentiert, einen halben Tag später folgte das nächste.

Sie kommentieren erstmals eine WM nicht vor Ort, sondern von Zürich aus. Wie wichtig ist das nun für die Kommunikation von Ihrem Wechsel?

Die Kommunikation meines Wechsels hat es vereinfacht. Ich wüsste nicht, wie das hätte klappen sollen aus Riga. Aber ich hätte gerne vor Ort kommentiert. Im Stadion hat man den viel besseren Überblick als vor dem Bildschirm in der Off-Kabine in Zürich. Wegen der Pandemie ist das nicht möglich. Es musste wohl so sein.

Kommen Sie so überhaupt ins WM-Fieber?

Das habe ich mich im Vorfeld auch gefragt. Im Stadion bin ich nahe dran, kann mit Trainern und Spielern sprechen, kann die Spiele aller Teams studieren und bekomme die Stimmung eins zu eins mit – und die ist unter normalen Umständen mit den tollen Schweizer Fans grandios. Jetzt sitze ich mit Mario (Co-Kommentator Mario Rottaris, Anm. d. Red.) im Kabäuschen vor einem Bildschirm weit weg vom Geschehen. Und das zwei Jahre nach dem letzten Spiel, das ich kommentiert habe. Aber die Schweizer Nationalmannschaft spielte, gleich im ersten Spiel, ein so mitreissendes Hockey, dass es mich wieder voll gepackt hat.

Für die Fussball-Europameisterschaften sind in Rapperswil-Jona diverse Public Viewings geplant, auch in die Stadien dürfen wieder Tausende Fans. Wie wichtig ist es als Kommentator, wenn aus einem Sport- wieder ein gesellschaftliches Ereignis wird?

Wir alle haben die Fans vermisst. Auch die Sportler, ich habe Riesenrespekt vor ihrer Leistung ohne Zuschauer im letzten Jahr. Zudem bestand die Gefahr, dass unsere Gesellschaft in eine Lethargie verfällt. Es ist schön zu spüren, dass das nicht passiert.

Sie waren bei SRF einen Teil von Sportgeschichte: Sie kommentierten Roger Federers ersten Wimbledon-Titel, die Silbermedaillen der Eishockey-Nati. Was war Ihr speziellster Moment?

Einen Moment herauszupicken, ist sehr schwierig. Aber die Silbermedaille an der Eishockey-WM 2013 in Stockholm war schon das Grösste.

Wieso?

Weil ich seit 1998 die Nationalmannschaft eng begleitet habe. Und gesehen habe, wie sich das Schweizer Eishockey kontinuierlich entwickelt und verbessert hat. Vor der WM bei einem Testspiel in Rapperswil-Jona gegen Deutschland hat noch nichts auf diese Medaille hingedeutet. Und dann gewinnt die Schweiz neun WM-Spiele in Folge – mit mutigem, sehr attraktivem Eishockey – und die erste Medaille nach 60 Jahren. Das hat in mir und in der Schweiz etwas Enormes ausgelöst. 1,2 Millionen Menschen verfolgten den Final vor dem Bildschirm, die beste Quote im ganzen Jahr. Davor wurde immer kritisiert, dass im Mai überhaupt noch Eishockey gespielt wird.

Jetzt wechseln Sie als 49-Jähriger nach fast einem Vierteljahrhundert den Job. Eigentlich etwas vom normalsten der Welt, aber viele Leute fragen sich: Was ist los beim SRF?

Ich habe von MySports ein tolles Angebot bekommen. Dieses Angebot habe ich mir gut überlegt und mich auch gefragt, ob eine solche Chance wohl jemals wiederkommen würde. Dann habe ich mich entschieden: Das Timing ist perfekt, mich erstmals in meiner Karriere als Journalist zu 100 Prozent aufs Eishockey zu konzentrieren. Darum geht es.

Also keine Krise beim Schweizer Fernsehen?

Ich hätte nicht 24 Jahre bei SRF gearbeitet, wenn es mir nicht gefallen hätte. Seit einiger Zeit investieren aber auch andere Unternehmen in Sportrechte. Es gibt in der Schweizer Medienlandschaft also einen Markt, den es früher gar nicht gab. Dadurch landete das Angebot von MySports auf meinem Tisch. Das nahm ich an, obwohl ich bei SRF aufregende Sachen erlebt habe und dafür sehr dankbar bin.

Darunter auch viel anderes als Eishockey. Was haben Sie da für spezielle Erinnerungen?

Ich weiss noch meine ersten Olympischen Spiele 2000 in Sydney. Triathlon feierte die Premiere an Olympia und zum ersten Mal zeigte das Schweizer Fernsehen Triathlon live – mit mir als jungem Kommentator. Und dann sitze ich da am ersten Wettkampftag auf einer Kommentatoren-Position auf der Treppe vor dem Opernhaus in Sydney und erlebe, wie die Schweiz bei den Frauen Gold und Bronze holt. Solche Momente verleihen einem sehr viel Energie und das ist gut, denn zum Arbeiten sind Olympische Spiele extrem streng.

Diese Vielfalt werden Sie in Zukunft nicht mehr haben.

Es ist so, ich hatte ein extrem aufregendes Portfolio. Und über all die Jahre habe ich so viele verschiedene Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Sportarten kennengelernt. Aber ich habe halt auch vieles mehrfach erlebt. Und so konnte ich für mich sagen, ich habe es gesehen, und es war gut.

Sie haben keine Angst, dass es zu eintönig wird, wenn Sie sich bei Ihrem neuen Arbeitgeber MySports 100 Prozent Eishockey um kümmern?

Eintönig und Eishockey – das passt nicht zusammen. Diese Sportart ist so attraktiv. Jedes Spiel ist anders, es gibt so viele Geschichten rundherum. Da ich als Kommentator im Stadion und als Moderator im Studio in zwei verschiedenen Rollen zum Einsatz komme, ist auch Abwechslung garantiert. Zudem werde ich künftig frei­beruflich vermehrt als Moderator  an Events, Kongressen und Galas im Einsatz sein.

Sie haben selber eine Vergangenheit als Eishockeyspieler, inwiefern spielt das eine Rolle für Ihren Wechsel?

Als ich angefangen habe, waren die Spieler, über die ich berichtet habe, noch gleich alt wie ich. Es gab eine Phase, da stand in jedem Team jemand unter Vertrag, mit dem ich schon beim HC Davos gespielt hatte. Viele Spieler waren Freunde. Bei einem Spieler in Lugano wurde ich sogar Götti seines Kindes. Jetzt könnten die Spieler vom Alter her meine Söhne sein. Wenn sie ohne Ausrüstung aus der Garderobe kommen, erkenne ich sie teils gar nicht mehr. Das soll sich wieder ändern.

Von etwas Wichtigem sind Sie aber künftig weiter weg: Die aktuelle Eishockey-WM ist Ihre letzte. Realisieren Sie das bereits?

Ja, das realisiere ich. Und darum bin ich froh, konnten wir meinen Entscheid bereits Anfang Woche kommunizieren. Jetzt wissen meine Kolleginnen und Kollegen, was Sache ist, und wir können diese Woche nochmals zusammen richtig geniessen.

Das Märchen wäre perfekt gewesen, wenn die Schweiz dort mitgespielt hätte. Wer ist nach dem Ausscheiden gegen Deutschland Ihr Favorit?

Es ist verrückt, alle Teams aus der Schweizer Gruppe sind im Viertelfinal ausgeschieden, sogar Russland. Es ist eine WM mit vielen Überraschungen. Darum tippe ich jetzt auf die USA. Die haben seit 1960 keinen WM-Titel mehr gewonnen.

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