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Seit einem Jahr Ankunftszone für ukrainische Flüchtlinge

Seit einem Jahr bietet das Kinderdorf Pestalozzi Geflüchteten aus der Ukraine eine sichere Ankunftszone. Inzwischen finden auch Asylsuchende aus anderen Ländern Schutz in den heimeligen Appenzellerhäusern oberhalb von Trogen AR.

Agentur
sda
23.02.23 - 09:59 Uhr
Politik
Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen AR nimmt seit Beginn des Krieges Flüchtlingen aus der Ukraine auf. Die Schutzsuchenden finden in Appenzell Ausserrhoden für 4-6 Wochen einen sicheren Zufluchtsort. (Archivbild)
Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen AR nimmt seit Beginn des Krieges Flüchtlingen aus der Ukraine auf. Die Schutzsuchenden finden in Appenzell Ausserrhoden für 4-6 Wochen einen sicheren Zufluchtsort. (Archivbild)
KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Am 24. Februar jährt sich der russische Angriff auf die Ukraine. Tausende Menschen sind in diesem Krieg getötet worden, mehrere Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer wurden zur Flucht gezwungen und das Kriegsende ist nicht in Sicht.

Am ersten Tag nach dem Einmarsch der russischen Truppen entschied die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi, den Menschen auf der Flucht in Trogen AR Schutz zu bieten. «Wir wollten den Geflüchteten eine schnelle und pragmatische Lösung anbieten», sagt Max de Boer, Sprecher des Kinderdorfes, auf Anfrage von Keystone-SDA.

Der Bundesrat aktivierte im März 2022 für die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine erstmals überhaupt den Schutzstatus S. Damit bekamen diese Flüchtlinge ohne ordentliches Asylverfahren ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz. Bis Ende 2022 erhielten 72'611 Personen den Schutzstatus S.

Ruhe vor dem Krieg

In einer Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Appenzell Ausserrhoden verpflichtete sich das Kinderdorf Pestalozzi, 100 Plätze für Schutzsuchende aus der Ukraine zur Verfügung zu stellen. Auch ein Jahr später sei das Kinderdorf weiterhin eine «Ankunftszone» für die Flüchtlinge, so de Boer.

325 Menschen aus der Ukraine - vor allem Frauen und Kinder - erhielten seit dem Kriegsausbruch in Trogen einen Ort, wo sie während 4-6 Wochen Schutz und Ruhe fanden. Die Häuser sind sehr klein. Die Menschen leben eng aufeinander. «Um Reibereien zu verhindern, wurde etwa mit gemeinsamen Abendessen der Dialog verstärkt», sagt de Boer.

Der Schutzstatus S und die Integration sind die Hauptthemen. Trotz Rückkehrorientiertheit ist für die Betroffenen eine Perspektive wichtig. Zu den Familien, die das Kinderdorf verlassen haben, besteht spärlicher Kontakt. «Wir bekommen ab und zu Dankeskarten oder Emails», so de Boer. Zudem beantworte man Fragen zum Asylsystem, zur Arbeitsintegration oder zum Schulsystem, welche immer mal wieder von ehemaligen Gästen gestellt würden.

Entlastung für Asylzentrum

Nach ersten intensiven Monaten waren die Kapazitäten im Kinderdorf nicht ausgelastet. Seit Mitte Dezember werden in Trogen vorübergehend auch Asylsuchende aus anderen Ländern aufgenommen. Das Kinderdorf entlastet damit das Asylzentrum Sonneblick in Walzenhausen AR. Dort wurde der Platz wegen steigender Zuweisungen von Flüchtlingen knapp. «Wir wollten die Gleichstellung unter den Flüchtlingen gewährleisten», erklärt de Boer.

Aktuell leben sechs Flüchtlinge aus Iran, Afghanistan, Türkei, Brundi und Kongo sowie 12 Flüchtende aus der Ukraine mit dem Schutzstatus S im Kinderdorf. Die Plätze stehen vorwiegend Familien, Paaren oder Frauen mit und ohne Kinder zur Verfügung.

Das Kinderdorf war schon immer ein Ort, wo Menschen Schutz suchen konnten. Die Stiftung wurde 1946 gegründet und ist heute als Hilfswerk international tätig. Begonnen hat die Geschichte des Kinderdorfes mit der Aufnahme europäischer Kriegswaisen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ab 1960 wurden Flüchtlingskinder aus Tibet vom Kinderhilfswerk aufgenommen.

Heute treffen Schweizer Schulklassen auf Kinder aus Südosteuropa und lernen in Austauschprojekten die Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens. Neben den Projekten im Kinderdorf setzt sich die Stiftung in zwölf Ländern weltweit für den Zugang zur Bildung für benachteiligte Kinder ein.

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