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Ein Abgesang auf die markante Ledi-Haab in Mühlehorn

Das Hartschotterwerk in Mühlehorn gibt es nicht mehr, dessen gedeckte Ledi-Haab soll abgerissen werden. Dass man ihr im Glarner Seedorf nachtrauert, kommt wohl zu spät.

Fridolin
Rast
22.11.22 - 04:30 Uhr
Politik
Ledi-Haab ohne Zukunft: Der überdeckte Hafen des ehemaligen Hartschotterwerks Mühlehorn-Quinten wird wohl bald Geschichte sein.
Ledi-Haab ohne Zukunft: Der überdeckte Hafen des ehemaligen Hartschotterwerks Mühlehorn-Quinten wird wohl bald Geschichte sein.
Bild Sasi Subramaniam

Eine gläserne Schallschutzwand lässt den Trainspottern ihr Vergnügen, sie sehen auf Bildschirmen, welcher Lok-Typ gerade vorbeifährt und woher der nächste Zug kommt. Hauptattraktion ist aber die Ledi-Haab, der überdeckte Hafen des ehemaligen Hartschotterwerks Mühlehorn-Quinten. Die Haab vor allem ziehe die vielen Gäste an, die der Mühlehorner Videofilmer Rolf Günter in seiner Vision für die Haab fürs Jahr 2035 beschreibt. «Das Hafenbecken ist von einer filigranen Holzkonstruktion überdacht, Zeugnis von Zimmermannskunst vor 150 Jahren», schreibt er in der Vision. Das Gebäude am See mit den senkrechten Felswänden gehöre dannzumal zu den beliebtesten Instagram-Spots im Glarnerland. Und die renovierte Ledi-Haab samt Kiosk, Fitness-Treffpunkt und virtueller Wasserflugzeug-Schau sei zu einer Hauptattraktion am Walensee geworden. 

Vom Dorf her erscheint die nicht mehr vollständig mit Ziegeln gedeckte Holzkonstruktion wie ein grosses Zelt und fast unscheinbar. Vom See her gesehen ist die Ledi-Haab dagegen eine weitherum bedeutende Landmarke.

«Nur etwas Besseres rechtfertigt den Abbruch»

Beim Glarner Heimatschutz freut man sich sehr, dass in Mühlehorn ein Interesse bestehe, die «einzigartige» Haab zu erhalten. Laut Marc Schneiter, Interimspräsident des GHS, hat man die erwähnte Beschwerde ergriffen, weil noch gar kein Projekt vorliege, das den Abbruch der Haab rechtfertigen würde. Denn: «Die Haab ist eine spezielle, einzigartige Konstruktion.» Und die besondere exponierte Lage am Ufer präge das Horn in Mühlehorn stark. Und Schneiter schreibt: «Ein Abbruch dieses Wahrzeichens ist Sicht des Glarner Heimatschutzes nur denkbar, wenn eine Neuüberbauung ähnlich stark oder noch besser den Ort prägen kann.»

Trotzdem ist der GHS pessimistisch: Der aktuelle Eigentümer «will sich nicht um die prächtige Haab kümmern und will diese weghaben.» Aber, so Schneiter: «Die Haab und der Ort sind für Mühlehorn identitätsstiftend und wichtig.» Wenn sich eine Mehrheit der Bewohner bewusst werde, dass ein schönes Dorf wichtig sei, «dann wird auch ein Neubauprojekt an diesem Ort entsprechend beurteilt werden». 

Schneiter bezweifelt aber, dass ein Neubauprojekt heute möglich ist. Die Situation sei insofern vertrackt, dass mittelfristig das Bahnhofareal umgebaut werden müsse. Bis es – wenn die einspurige Strecke Mühlehorn–Tiefenwinkel endlich zur Doppelspur ausgebaut wird – dazu komme, würden aber noch 15, 20 oder mehr Jahre vergehen. So lange werde am heutigen Bahn-Areal kein Quadratmeter verändert werden, erwartet Schneiter, der von Haus aus Verkehrsplaner ist: «Und damit ist auch die Bebaubarkeit des Horns vermutlich gar nicht gegeben, weil die Erschliessung – vermutlich – nicht gewährleistet ist.»

«Einzigartige Perle am See»

«Wir freuen uns, dass die Mühlehorner gemerkt haben, dass sie sich um die Zukunft des Dorfes kümmern müssen», schreibt Schneiter weiter. Das Dorf sei zwar stark belastet durch die Autobahn und die Eisenbahn. «Mühlehorn ist aber auch eine einzigartige Perle: Es ist das einzige Dorf im Kanton, das an einem wunderschönen See liegt.»

Die Gemeinde Glarus Nord hat laut Agnes Heller, der Leiter Bau und Umwelt, Überlegungen zur Entwicklung des Areals gemacht, um dem Eigentümer aufzugeigen, welches hohe Potenzial dieses Areal zusammen mit der Ledischiff-Entladestation habe. Dafür und für mögliche Kaufverhandlungen hatte die Eigentümerin Sager und Partner Architektur und Immobilien GmbH in Freienbach aber offenbar kein Musikgehör. Weshalb die Gemeinde diese Absichten laut Heller nicht weiterverfolgt hat.

Das Bauprojekt für die Wohnungen hat Inhaber Marcel Sager laut eigener Aussage wegen des bisher geltenden und demnächst auslaufenden Planungsstopps zurückgestellt. Vorgesehen waren laut Sager ursprünglich 14 Wohnungen, doch seien mit der neuen Nutzungsplanung nur noch acht bis neun möglich. Was er als materielle Enteignung mit daraus folgender Entschädigungspflicht einschätze.

Die Tage sind wohl gezählt

Mit der Ledi-Haab hat der Eigentümer kurzfristigere Pläne. Marcel Sager beruft sich auf eine vorhandene Abbruchbewilligung und sagt, der Abbruch sei innerhalb der Frist begonnen und der Gemeinde angezeigt worden. Dass es so weit komme, dafür trage die Gemeinde die Verantwortung: «Sie hätte benachbarten Gemeindeboden mit der Haab abtauschen können, aber die Gemeinde ist nicht darauf eingestiegen.» Ausserdem habe diese von ihm verlangt, dass er ein Hotel oder Ähnliches baue.

Seinetwegen hätte «auch ein Vogelschutzverein» an der Haab Interesse haben können, sagt Sager genervt, «dann soll er es kaufen». Nun aber will er seine Pläne umsetzen: «Wir bauen Wohnungen, auch wenn wir dafür bis vor Bundesgericht gehen müssen.» 

Die Gemeinde Glarus Nord bestätigt, dass die Abbruchbewilligung – nach einer Beschwerde – rechtskräftig geworden und durch die Entfernung der Dachziegel bereits mit dem Abbruch begonnen worden sei. Die Ledi-Haab präge zwar das Horn, sie sei aber primär Zeuge vergangener Zeiten, erklärt Agnes Heller. Sie sei aber nicht mehr im eigentlichen Sinn nutzbar und eine Umnutzung sei als sehr schwierig eingeschätzt worden. Darum habe die Gemeinde eine Neugestaltung des exponierten und daher empfindlichen Geländes auf dem Landvorsprung in den See mit neuen Bauten als zielführender betrachtet. «Damit könnte man die Attraktivität des Dorfes Mühlehorn erhöhen.»

Besitzer Marcel Sager sagt nur: «Das Gebäude wird im Dezember abgebrochen.»

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