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Die Conways: Eine gespaltene Familie in Trumps gespaltenem Amerika

US-Präsidentenberaterin Kellyanne Conway wurde mit einem Schlag international bekannt, als sie im Januar 2017 einen Ausdruck prägte, der in gewisser Hinsicht für die Amtszeit von Donald Trump stehen könnte: Es ging um Falschaussagen der Regierung, die Conway zu «alternativen Fakten» umdeutete. Die USA sind über Trump gespalten, was nicht nur seinem Umgang mit der Wahrheit geschuldet ist, auch durch manche Familien ziehen sich Gräben. In keiner Familie wird die Spaltung öffentlich so sichtbar wie bei den Conways. Beim Parteitag der Republikaner dürfte Kellyanne Conway am Mittwochabend (Ortszeit) ihren vorerst letzten grossen Auftritt gehabt haben.

Agentur
sda
Donnerstag, 27. August 2020, 16:59 Uhr Washington
Kellyanne Conway, Beraterin von US-Präsident Trump, spricht während des Parteitages der Republikaner. Foto: Susan Walsh/AP/dpa
Kellyanne Conway, Beraterin von US-Präsident Trump, spricht während des Parteitages der Republikaner. Foto: Susan Walsh/AP/dpa
Keystone/AP/Susan Walsh

TRUMPS MITSTREITERIN DER ERSTEN STUNDE

Kellyanne Conway war Wahlkampfmanagerin Trumps. Nach dem Sieg 2016 wurde sie zu seiner Beraterin. Trumps Personalkarussell drehte sich in den vergangenen Jahren oft in atemberaubender Geschwindigkeit, ausserhalb des Zirkels von Trump-Angehörigen gehört die 53-Jährige zu den wenigen, die seit der ersten Stunde dabei sind. Den Präsidenten verteidigt sie bedingungslos. Die «Washington Post» bezeichnete Kellyanne Conway einst als «Chefarchitektin und Spitzenverkäuferin des Trumpismus». Was ihren Job nicht leichter macht: Ihr Ehemann George Conway gehört zu den erbittertsten Gegnern des Präsidenten.

EIN DACH - ZWEI BUNKER

«Sie arbeitet für Trump. Er kann ihn nicht ausstehen», schrieb die «Washington Post» schon vor zwei Jahren in einem langen Porträt über die Eheleute. «Sie leben unter einem Dach, aber in unterschiedlichen Bunkern.» Zur Ironie der Geschichte gehört, dass der konservative Anwalt George Conway (56) seine Ehefrau Trump einst selber vorstellte, wie US-Medien berichteten. Während Kellyanne Conway beim Parteitag am Mittwoch erneut für eine zweite Amtszeit des Präsidenten warb, kämpft George Conway seit langem für dessen Abwahl im November.

TRUMP ALS «KREBSGESCHWÜR FÜR DIE PRÄSIDENTSCHAFT»

Der Anwalt geht dabei alles andere als zimperlich vor. In Gastbeiträgen für die «Washington Post» schrieb er im vergangenen Jahr, Trump sei untauglich für das Amt, ein «Krebsgeschwür in der Präsidentschaft» und ein Rassist. Auch Trumps Geisteszustand stellte George Conway öffentlich in Frage. In der Zeitschrift «The Atlantic» schrieb er im vergangenen Oktober: «Wenn es je einen pathologischen Lügner gab, dann ist es Trump.»

«EIN EHEMANN AUS DER HÖLLE»

Die tiefe Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. «George Conway, von denen, die ihn kennen, oft als Mr. Kellyanne Conway bezeichnet, ist sehr eifersüchtig auf den Erfolg seiner Frau», schrieb Trump im März vergangenen Jahres auf Twitter. «Ich kenne ihn kaum, aber sehen Sie ihn sich an, ein eiskalter Verlierer und ein Ehemann aus der Hölle!» Im vergangenen November sagte Trump im Sender Fox News: «Kellyanne ist grossartig. Sie ist mit einem totalen Spinner verheiratet.»

TWITTER-BATTLE ZWISCHEN EHELEUTEN

Die Eheleute trugen ihren Konflikt bisweilen auf Twitter aus - etwa bei der Ukraine-Affäre. Trump soll die Ukraine im vergangenen Jahr zu Ermittlungen gegen Ex-Vizepräsident Joe Biden gedrängt haben, der als Kandidat der Demokraten bei der Wahl am 3. November gegen ihn antritt. Kellyanne Conway schrieb damals über den «schläfrigen» Joe Biden: «Wer braucht die Hilfe der Ukraine, um diesen Typ zu besiegen?» George Conway antwortete: «Dein Chef dachte das offenbar.»

Ende vergangenen Jahres rief George Conway dann gemeinsam mit anderen Konservativen das «Lincoln Project» ins Leben - benannt nach dem früheren Präsidenten Abraham Lincoln, der trotz des amerikanischen Bürgerkriegs im 19. Jahrhundert die Einheit der Nation bewahrte. Die Überschrift der Gründungsmitteilung: «Wir sind Republikaner, und wir wollen, dass Trump besiegt wird.»

VIRALE VIDEOS GEGEN TRUMP

Das «Lincoln Project» sorgt mit viralen Videos, die sich schnell in sozialen Netzwerken verbreiten, für Aufmerksamkeit. Der Titel des düsteren Videos «Mourning in America» («Trauer in Amerika») spielt auf den optimistischen Werbespot «Morning in America» («Morgen in Amerika») des damaligen Präsidenten Ronald Reagan für dessen Wiederwahl 1984 an. Im Video des «Lincoln Project» vom Mai wird Trump vorgeworfen, das Coronavirus ignoriert zu haben. «Unter seiner Führung ist das Land schwächer, kränker und ärmer geworden», sagt ein Sprecher. Das ist das exakte Gegenteil von Trumps Wahlkampfbotschaft.

Eingefleischte Trump-Anhänger werden die Videos nicht überzeugen. Trump ärgern sie allemal. Nach dem Video vom Mai wetterte er auf Twitter, die Leute vom «Lincoln Project» seien «Verlierer-Typen». Der Name des Projekts sei eine «Schande» für Lincoln. Auch George Conway bekam eine Breitseite ab: «Ich weiss nicht, was Kellyanne ihrem gestörten Verlierer von Ehemann, Mondgesicht, angetan hat, aber es muss wirklich schlimm gewesen sein», schrieb Trump.

DER RÜCKZUG DER CONWAYS

Der Konflikt hat die Familie in Mitleidenschaft gezogen, eine 15 Jahre alte Tochter der Conways rebelliert seit Wochen in sozialen Medien gegen das kontroverse Engagement ihrer Eltern. Am Sonntag gab Kellyanne Conway überraschend bekannt, dass sie das Weisse Haus zum Monatsende verlassen werde. «Fürs Erste und für meine geliebten Kinder wird es weniger Drama und mehr Mama geben», teilte sie mit. George Conway schrieb auf Twitter, er ziehe sich aus dem «Lincoln Project» zurück, um der Familie mehr Zeit zu widmen. Er fügte aber hinzu: «Es versteht sich von selbst, dass ich das »Lincoln Projekt« und seine Mission weiterhin unterstütze. Mit Leidenschaft.»

EIN FRAUEN-SCHUB FÜR TRUMP ZUM ABSCHIED?

Kurz vor ihrem Abschied versuchte Kellyanne Conway beim Parteitag am Mittwoch noch, eine offene Flanke des Präsidenten zu schliessen: Sie pries Trump dafür, seit Jahrzehnten für die Rechte der Frauen zu kämpfen. Trumps Image des Präsidenten ist nicht das eines Frauenrechtlers, im Wahlkampf 2016 wurden frühere frauenverachtenden Äusserungen bekannt, die weit unter der Gürtellinie lagen. In Umfragen liegt Biden bei Frauen derzeit meilenweit vor Trump. Kellyanne Conway betonte nun, Trump respektiere nicht nur die Meinungen von Frauen, «er besteht darauf, dass wir Männern gleichgestellt sind». Trump sei «der Präsident, den wir für vier weitere Jahre brauchen».

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