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Menschen mit Beeinträchtigung und ihr Alltag in der Corona-Krise

Das Coronavirus stellt auch die Behinderten-Institutionen vor ungewohnte Herausforderungen. Die Valida in St. Gallen geht nach einem eigenen Pandemieplan vor. Jeden Tag müssen die Massnahmen angepasst werden. Ein Besuch bei Menschen mit Unterstützungsbedarf.

Agentur
sda
Dienstag, 24. März 2020, 10:04 Uhr St. Gallen

Erwin Frei gehörte zum Bild des St. Galler Lachen-Quartiers. Jeden Abend drehte der pensionierte Bewohner der Valida mit seinem Rollator seine Runden. «Das geht jetzt natürlich nicht mehr», sagt Martin Mock, Ressortleiter Arbeit, Bildung und Integration bei der Valida St. Gallen. Für den Einzelgänger sei dies schwierig zu akzeptieren. «Wir mussten ihm gut zureden», sagt Mock. Der 74-Jährige ist nicht der einzige Bewohner, der von den strikten Massnahmen betroffen ist. «Die Sicherheit unserer Mitarbeiter hat oberste Priorität», erklärt Martin Mock.

Die Valida begleitet seit über 90 Jahren Menschen mit Unterstützungsbedarf in der Ausbildung, bei der Arbeit, beim Wohnen und in der Freizeit. Das soziale Unternehmen bietet an sechs Standorten rund 500 Arbeitsplätze und ein Wohnangebot für 90 Menschen an und ist damit eine der grössten Behinderten-Institutionen der Ostschweiz.

Situation erklären

«Wir befinden uns in einer noch nie dagewesen Situation», sagt Valida-Direktor Beda Meier. Zum Glück habe man einen eigenen Pandemieplan aus der Schublade ziehen können. Dieser gilt seit drei Wochen. Die erforderlichen Massnahmen würden täglich angepasst - auch nach den Empfehlungen des Bundes. Am wichtigsten sei, dass die Wohnbegleitung aufrecht erhalten werden könne, sagt Meier.

Den Angehörigen geben die Verantwortlichen zu jeder Tages- und Nachtzeit Auskunft. «Wenn die Eltern über 65 Jahre alt sind, bleiben die Betreuten auch übers Wochenende bei uns», so Beda Meier. Rund 100 Personen, die selbst einer Risikogruppe angehören, kommen nicht mehr zur Arbeit. Vier Fünftel davon sind Menschen mit IV-Leistungen.

Zutritt zu den Gebäuden erhalten nur noch Berechtigte. Der Verkaufsladen im Quartier musste geschlossen werden. «Es ist jetzt ganz wichtig, viel zu kommunizieren und die Situation immer wieder zu erklären», sagt der Valida-Direktor, der täglich mit seinen Mitarbeitenden im Homeoffice telefoniert.

Umarmen verboten

Das Coronavirus beeinträchtigt auch das Zusammenleben in den Wohngruppen. Die Bewohner dürfen sich schon seit fünf Tagen nicht mehr umarmen. Zuerst gab es eine Begrüssung per Faust oder Ellenbogen. Jetzt gilt zwei Meter Abstand für alle. «Paare werden nicht getrennt», sagt Mock.

Beim Besuch am Hauptsitz treffen wir eine junge Mitarbeiterin in der Wäscherei. Sie ist gerade daran, Wäschestücke zu beschriften. Domenica Rütsche trägt zum Schutz gegen das Coronavirus dünne Handschuhe und eine Plastikschürze, ihre Arbeitskollegin zudem noch einen Mundschutz. Es wird im Schichtbetrieb gearbeitet. «Mir gefällt das. Es ist viel ruhiger», sagt die 22-Jährige. Ihr Freund arbeitet in der Schreinerei und lebt selbstständig in einer Wohnung. Ab und zu dürfen sie sich besuchen.

Menschen mit Unterstützungsbedarf sollen auch in der Corona-Krise dank individueller Begleitung so selbstständig wie möglich leben. Die Teilhabe an alltäglichen Aufgaben wie kochen und waschen wird stark gefördert. «Unsere Leute machen sehr gut mit», sagt Martin Mock. Es gebe aber auch viele, die oft weinen. Arbeiten und klare Tagesstrukturen würden helfen.

Krisen bewältigen

An diesem Morgen musste er bereits eine Krise bewältigen. Eine Mitarbeiterin, die extern wohnt, kam völlig aufgelöst an ihren Arbeitsplatz. Sie wolle unbedingt arbeiten, zuhause halte sie es nicht mehr aus, sagte sie. Mock redete ruhig auf die Frau ein und brachte sie dazu, sich in einem separaten Zimmer als Springerin zur Verfügung zu halten.

Das Unternehmen steht auch während der Corona-Krise im ständigen Spannungsfeld, die Menschen mit Beeinträchtigung nicht zu überfordern, aber auch nicht zu unterfordern. Martin Mock nennt ein Beispiel: Eine Mitarbeitende sei eine Expertin für Reinigungsarbeiten geworden und putze jetzt mit grossem Eifer selbstständig die Toiletten - was sie vorher nur ungern alleine gemacht habe.

Die wichtigste Massnahme innerhalb der Valida ist: «Die Menschen der verschiedenen Betriebe und Wohngruppen sollen sich im Alltag nicht mehr begegnen», sagt Mock. Es wurden neue Arbeitswege ausgeschildert, Mitarbeitende umgeteilt und auf Schichtbetrieb umgestellt. In den Ateliers läuft das Beschäftigungsprogramm weiter - nur die Gruppen sind viel kleiner. Die Speisesäle mussten getrennt werden. «Wir standen am ersten Morgen nach den Änderungen um 6 Uhr vor dem Personalrestaurant und erklärten den Leuten die Neuerungen», sagt Meier.

Beim Rundgang um das Haupthaus fällt im ersten Stock ein Mann auf einem Balkon auf. Er winkt dem Direktor und dem Besuch zufrieden zu und macht ein paar Turnübungen. «Hans Sulser musste zur Sicherheit in Quarantäne», erklärt Beda Meier. Der 71-Jährige mit Down-Sydrom lebt schon seit über 50 Jahre bei der Valida.

Kurzarbeit anmelden

Menschen, die aufgrund einer Beeinträchtigung keine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt finden, bietet die Valida Arbeitsplätze in elf Berufen. Die Institution verfügt über eine eigene Schreinerei, Gärtnerei, Industriebetriebe, Ateliers und eine Wäscherei. «Wir beliefern auch zwei Altersheime mit frischer Wäsche», sagt Mock. Über 20 Tonnen Wäsche gehen jährlich durch die Hände des Personals. Auch das soziale Unternehmen spürt Einbussen und muss beim Kanton Kurzarbeit anmelden.

Die Valida ist an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr für ihre Bewohner da. Die Bandbreite von Menschen und ihre Reaktionen sei sehr gross, sagt Martin Mock: «Wir versuchen alles, damit die Situation nicht eskaliert.» Wenn jemandem vom Personal alles zu viel werde, schicke er die Person lieber nach Hause.

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