×
Kommentar

Wer nicht wählt, soll schweigen

Die National- und Ständeratswahlen im Kanton Graubünden sind vorbei. Prognosen wurden gemacht, verworfen, neu aufgestellt und widerlegt. Der Spuk ist vorüber, die unzähligen Plakate an Hauswänden und auf Zugwaggons können endlich abgehängt werden.

Mara
Michel
Dienstag, 22. Oktober 2019, 05:01 Uhr Meinung
Wenn man nicht gewählt hat, ist Schweigen für die nächsten vier Jahre Gold.
PIXABAY

Was nach diesem Wahlsonntag bleibt, ist eine Zahl. Die Prozentzahl der Wahlbeteiligung. In Graubünden gingen 42.9% der Stimmberechtigten an die Urne. 3.1% weniger als 2015. Im Jahr des Frauenstreiks, der aufstrebenden Klimajugend und einem generellen politischen Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit und Sozialgerechtigkeit.

Es spielt überhaupt keine Rolle, was die 57.1% Nichtwähler davon abgehalten hat, wählen zu gehen. Es ist egal, ob bei ihnen das Couvert ungeöffnet im Altpapier gelandet ist, ob die Stimmunterlagen ausgefüllt in einer Handtasche vergessen gingen oder ob die Nichtwähler zu bequem waren, sich mit den Kandidierenden zu befassen. Wählen ist keine Pflicht. Wählen ist auch nur bedingt ein Privileg. Wählen ist das Wahrnehmen einer Verantwortung. Nicht-Wählen ist das Nicht-Wahrnehmen dieser Verantwortung. Jede Handlung hat Konsequenzen. Jede Unterlassung auch. Die Bündner haben am Sonntag ihre Vertreter nach Bern geschickt. In ihrer Verantwortung als Stimmbürger. Die Gewählten im Bundeshaus haben die Aufgabe, sich für die Bündner einzusetzen. Ihr Handeln in Bern hat Konsequenzen für die Bevölkerung Graubündens. Auch für jene Menschen, die ihre Wahlunterlagen nicht eingereicht haben. Sie müssen mit den Konsequenzen leben, die aus dem Handeln von anderen resultieren. Von denen, die gewählt haben. Das kann frustrierend sein. Bloss: Beschweren dürfen sich die Nichtwähler nicht. Es spielt keine Rolle, wann und wie sie betroffen sind. Auch wenn ihnen ihr Hab und Gut unter dem Hintern weggezogen würde. Die Nichtwähler haben ihre Verantwortung nicht wahrgenommen. Sie haben die Verantwortung abgegeben und müssen mit den Folgen leben. Mucksmäuschenstill.

Die Wähler hingegen können sich auf vier Jahre des Diskutierens und Debattierens, des Stänkerns und Lamentierens, des Maulens und Kritisierens freuen. Dazu haben sie nämlich jedes Recht. Sie haben gewählt.

Kommentar schreiben

Kommentar senden

Ich bin da noch extremer:
Nicht wählen und abstimmen heisst: Ich bin so oder so mit dem Ergebnis einverstanden. Links-grüne Nichtwähler sind also z.B. mit der Wahl von Frau Martullo-Blocher einverstanden. SVP - Anhänger/innen, die nicht wähl(t)en, sind mit der Abwahl von Heinz Brand bzw. der Wahl von Frau Locher Benguerel einverstanden.

Super fundiert, hervorragend und kompent verfasst, sehr geehrte Frau Mara Michel! Ein grossartiger Kommentar von ganz beeindruckender Klarheit und Aussagekraft bezüglich Wahrnehmen oder eben Nichtwahrnehmen einer Verantwortung, Tragen der Konsequenzen, möglicher Folgen, sollten diese auch sehr einschneidend und ganz stark schmerzend sein.
Aber ganz unschuldig sind leider auch unsere Politikerinnen und Politiker keineswegs und sie dürfen diesbezüglich nicht reingewaschen werden. Auch sie tragen eben eine enorm grosse Verantwortung gegenüber den Wählenden aber halt auch gegenüber den Nicht- oder infolge Frust und Enttäuschungen eben Nichtmehrwählenden. Und in Bezug auf Umsetzung von Abstimmungen gibt es da leider gar nicht nur Ruhmesblätter und das hat dann eben auch nachfolgend sich auswirkende Konsequenzen und Folgen.
Danke herzlich, Frau Michel

Jein, Frau Michel, so einfach finde ich es nicht (zumal in der Demokratie jeder dasselbe Werbebudget bzw. am besten jeder eine Seite im Wahlkatalog haben sollte und sonst nichts, also gleichlange Formalspiesse, sodass nur die Ideen zählen würden, und das sollte das Staatswesen sein: ein Ringen um die besten Ideen). Wenn ein Multimilliardär die Direktdemokratie super findet, nährt das meine Zweifel. Denken Sie an den Lynchmob im Wildwest, und dass das Volk prosaisch Hammelherde genannt wird in Westernromanen. Wie wollen Sie für quasi medizinische Akutmassnahmen am Weltkörper eine Mehrheit bekommen beim "Mensch, dem Gewohnheitstier" (ich sähe da nur die indirekte Prototypprinziplösung)?
https://www.watson.ch/schweiz/wissen/895022858-nach-diesen-22-zitaten-u…

Alle Kommentare anzeigen