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Das sind die interessantesten Bündner Wahlorte

Wo wählen die Bündner Stimmbürger am Puls des Kantons? In welcher Gemeinde legt praktisch jeder Stimmbürger einen Zettel in die Wahlurne? Und wo sind die Stimmbürger am unzufriedensten? Ein Streifzug durch den Kanton Graubünden.

Kristina
Schmid
Montag, 07. Oktober 2019, 04:30 Uhr Extreme
In keiner anderen Gemeinde der Schweiz gehen die Menschen so fleissig zur Urne wie in Lohn.
ARCHIV

Die Kandidaten für den National- und Ständerat kennen wir. Ihre Geschichten und Beweggründe für die Kandidatur ebenfalls. Wer es tatsächlich ins Parlament schafft, ist hingegen noch offen. Das entscheiden die Wähler in gut zwei Wochen.

Doch vergessen wir kurz die wichtigen Ergebnisse, und widmen uns den interessanten Erkenntnissen aus den Bündner Gemeinden. Wir haben Zahlen und Fakten gewälzt, um die ungewöhnlichsten Wahlorte in Graubünden zu finden – und wurden fündig.

Die wahl-einseitigste Gemeinde: Disentis/Mustér

THEO GSTÖHL

In diesem Dorf sind sich fast alle einig: Hier wählt man die CVP. Gut 70 Prozent aller Bürger, die am Wahltag 2015 abgestimmt haben, gaben der CVP ihre Stimme. Die CVP ist denn auch die einzige Partei, die es schafft, in einer Bündner Gemeinde so viele Stimmen auf sich zu vereinen. Das ist im Kanton Graubünden eher ungewöhnlich.

Jede Partei hat ihre Hochburg. Eine Gemeinde mit dem höchsten Anteil an Parteistimmen. Im Gegensatz zur CVP kann man bei den übrigen Parteien aber nicht von einseitigen Gemeinden sprechen. Dafür ist der Prozentanteil zu gering.

  • CVP: Disentis/Mustér mit 69,6 Prozent der Stimmen.
  • SVP: Conters im Prättigau mit 54,0 Prozent der Stimmen.
  • BDP: Sufers mit 47,3 Prozent der Stimmen.
  • SP: Verdabbio mit 37,1 Prozent der Stimmen.
  • GLP: Haldenstein mit 22,9 Prozent der Stimmen.

Die wahl-freudigste Gemeinde: Lohn

OLIVIA ITEM-AEBLI

Man kann es kaum glauben, aber es stimmt: In der der kleinsten Bündner Gemeinde Lohn lag die Stimmbeteiligung 2015 bei 94,7 Prozent. In keiner anderen Gemeinde in der ganzen Schweiz war die Beteiligung so hoch wie in Lohn. Von den 38 stimmberechtigten Personen nahmen 36 an den Nationalratswahlen teil. 

Dass fast jeder Bürger in Lohn wählen geht, ist nicht überraschend. In den kleinsten Gemeinden ist diese Tendenz schweizweit zu beobachten. Dies liegt oft auch daran, dass viele Bürger ein öffentliches Amt bekleiden und dadurch mit der Politik eng verbunden sind.

Ebenfalls eine hohe Wahlbeteiligung konnten die Gemeinden Sufers (72,2 Prozent) und Urmein (70,8 Prozent) verzeichnen.

Die wahl-faulste Gemeinde: Calanca

Landarenca
PRESSEBILD

Nirgendwo in der ganzen Schweiz gaben 2015 weniger Wähler ihre Stimme ab als in der Gemeinde Calanca im Misox. Gerade einmal 29,5 Prozent betrug hier die Wahlbeteiligung. Anders ausgedrückt: Von zehn Wählern gaben sieben ihre Stimme nicht ab.

Wie Toni Theus am Donnerstag auf Anfrage der «Aargauer Zeitung» erklärte, war ihm der Negativrekord in Calanca nicht bekannt. «Unser Dorf ist nicht politikverdrossen oder dergleichen», sagte er. Der Grund ist ein anderer. Wie die «Aargauer Zeitung» bei der Standeskanzlei Graubünden herausfand, liegt die tiefe Wahlbeteiligung am überdurchschnittlich hohen Anteil an Auslandschweizer-Stimmberechtigten. Denn Auslandschweizer beteiligen sich deutlich weniger an Wahlen und Abstimmungen.

Auffallend bleibt, dass auch in anderen Gemeinden in der Region Misox die Wahlbeteiligung 2015 nicht viel höher ausfiel. Platz 2 und 3 belegen Cama mit 30,4 Prozent und Leggia mit 31,1 Prozent Wahlbeteiligung.

Die wahl-unentschlossenste Gemeinde: Chur

MARCO HARTMANN

Ein Privileg der Demokratie ist es, seine Stimme abgeben zu können, ohne jemandem seine Stimme geben zu müssen. «Lieber leer einlegen», nennt sich das im Volksmund. Am meisten Leerstimmen in der ganzen Schweiz verbuchte bei den Wahlen 2015 die Gemeinde Stans im Kanton Nidwalden. 392 Stimmen waren leer, was einem Anteil von elf Prozent entspricht.

Am meisten leere Stimmen im Kanton Graubünden verzeichnete die Gemeinde Chur – mit fast so vielen leeren Stimmen wie Stans. In Chur waren 317 Stimmen leer. Im Gegensatz zu Stans entspricht diese Zahl in Chur aber einem kaum nennenswerten Anteil von 0,6 Prozent, gab es immerhin ein Total von 52'808 Stimmen.

Die wahl-unzufriedenste Gemeinde: Leggia

PRESSEBILD

Wir wissen nun, dass in Chur 2015 die meisten Leerstimmen eingeworfen wurden. Mit Blick auf die gesamte Anzahl der abgegebenen Stimmen war dies aber sehr wenig.

Schaut man also, in welchen Gemeinden die Anzahl Leerstimmen mit Blick auf die gesamte Anzahl abgegebener Stimmen prozentual am höchsten ausfällt, kommt man auf andere Gemeinden im Kanton Graubünden. 12 von 143 Stimmen waren in der Gemeinde Leggia leer, was einem Anteil von 8,4 Prozent entspricht. In der Gemeinde Verdabbio entspricht es einem Anteil von 6,4 Prozent – und in Rossa einem Anteil von 4,4 Prozent. 

Tatsächlich sind Leerstimmen meist Ausdruck eines Protests. Die Wähler wollen damit ihre Unzufriedenheit mit der Kandidatenauswahl verdeutlichen. Unter Staatsrechtlern umstritten ist die Frage, wie und ob eine leere Stimme als bewusster Willensakt betrachtet werden muss.

Die Frage bleibt offen, ob die Gemeinden in der Region Misox unzufrieden mit der Auswahl an Kandidaten sind, oder ob es tatsächlich ein Versehen war.

Die wahl-durchschnittlichste Gemeinde: Cazis

ARCHIVBILD

Kann man in Cazis den politischen Herzschlag des Kantons Graubünden spüren? Zumindest ist Cazis die durchschnittlichste Gemeinde des Kantons. Hier wählten die Stimmenden 2015 fast identisch wie der Kanton als Ganzes, wie unsere Berechnungen ergaben.

Die Ergebnisse in Cazis weichen kaum vom kantonalen Ergebnis ab. Bei den vergangenen Wahlen lagen die Caziser zwischen 0,2 und 1,2 Prozentpunkten daneben. Also praktisch gar nicht bis minim. 

  • Heinz Brand erzielte in Cazis 26,5 Prozent der Stimmen, im Kanton 25,4 Prozent.
  • Martin Candinas erzielte in Cazis 23,2 Prozent der Stimmen, im Kanton 23,8 Prozent.
  • Magdalena Martullo-Blocher erzielte in Cazis 20.5 Prozent der Stimmen, im Kanton 20,7 Prozent.
  • Silva Semadeni erzielte in Cazis 15,1 Prozent der Stimmen, im Kanton 16,3 Prozent.
  • Duri Campell erzielte in Cazis 14,7 Prozent der Stimmen, im Kanton 13,8 Prozent.

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Im Prinzip interessante Zahlen. Zwei Bemerkungen zu einzelnen Wörtern:
1. Es gibt keine leeren „Stimmen“, wenn schon, gibt es leere „Stimmzettel“.
2. Es gibt keine „Caziser“, man nennt die Bewohner dieser Gemeinde „Cazner“!
l

Lohn (GR) 2013 ärmste Gemeinde der Schweiz,
Lohn (GR) 2015 höchste Stimmbeteiligung aller Gemeinden in der Schweiz
https://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/drei-der-aermsten-schwe…
Comment:
Dennis Briechle
So eine kleine Info am Rande: In den beiden ärmsten Gemeinden, Schelten und Rebévelier, wurde die 1:12-Initiative haushoch mit über 70% angenommen.
https://www.watson.ch/schweiz/gesellschaft%20&%20politik/914795494-lohn…

Ja, machen Sie das, Hans Wattenhofer, die Redaktion Südostschweiz machte das vor gut zwei Jahren auch: zuerst fand sie das Dorf quasi ausgestorben, keine Menschenseele. Dann zeigte sich, dass im Dorf/Tal die Magendarmgrippe grassiert. Ein bisschen gruselig wie im Mittelalter zu Zeiten der Pest?

https://www.suedostschweiz.ch/aus-dem-leben/2017-09-05/der-dorfklatsch-nervt

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