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Mittelschulen wollen keinen Romanisch-Zwang

Das Rätoromanisch soll für romanischsprachige Schülerinnen und Schüler bis zur Matura obligatorisch sein – das schlägt Rico Valär, Professor an der Universität Zürich vor. Als Begründung nennt er den Mangel an gut qualifizierten Lehrpersonen. Bei den Mittelschulen stösst dies nicht auf viel Verständnis.

Bettina
Cadotsch
Mittwoch, 11. September 2019, 11:00 Uhr Professor schlägt es vor
Sprechen die romanischen Lehrpersonen zu schlecht? Und sind dafür die Mittelschulen verantwortlich?
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Gekoppelt mit der Zukunft der rätoromanischen Sprache braucht es gut ausgebildete Lehrer, das sagt Rico Valär, ausserordentlicher Professor für Rätoromanische Literatur und Kultur gegenüber dem Regionaljournal Graubünden. Deshalb fordert er für romanischsprachige Schülerinnen und Schüler einen lückenlosen und obligatorischen Romanisch-Unterricht – vom Kindergarten bis zur Matura. Dafür wäre jedoch eine Gesetzesänderung notwendig.

Bis dato werden die Schülerinnen und Schüler, die in der Rumantschia aufwachsen, vom Kindergarten bis zur Oberstufe auf Romanisch unterrichtet. Wer anschliessend eine Berufslehre absolviert, hat keinen Romanischunterricht mehr. Wer eine Mittelschule besucht, hat meistens die Wahl.

Schulen sind gefordert

An der Bündner Kantonsschule können Romanischsprachige beispielsweise eine zweisprachige Maturität absolvieren. Dabei haben sie einerseits Romanischunterricht und werden andererseits in drei Immersionsfächern (Geschichte, Biologie und Geografie) auf Romanisch unterrichtet. Pflicht – also obligatorisch – ist dieser zweisprachige Studiengang für die Schülerinnen und Schüler allerdings nicht. Gemäss Gion Lechmann, Rektor der Bündner Kantonsschule ist dieses Konzept bisher sehr erfolgreich. Die Schule führe die zweisprachige Maturität «rumantsch-tudestg» seit knapp 20 Jahren durch und konnte bereits rund 340 Schülerinnen und Schüler ausbilden. Die Notwendigkeit, ein Obligatorium einzuführen, sieht Lechmann deshalb nicht. Man müsse die zweisprachige Maturität lediglich schmackhaft machen. «Die Schülerinnen und Schüler sollen diesen Weg frei wählen können. Die Schule muss sich aber anstrengen, sie zu ermuntern, diesen Weg zu gehen. Der Unterricht muss spannend, fachlich fundiert und mit den modernsten digitalen Mitteln methodisch-didaktisch unterstützt sein.» Ausserdem müsse man die Mehrwerte wie beispielsweise die bessere Fremdsprachenkompetenz aufweisen, so Lechmann. Als öffentliche Mittelschule des Kantons hat die Bündner Kantonsschule einen Kantonsauftrag, die Minderheitensprachen zu fördern und somit auch die Pflicht, was sehr relevant ist, die Minderheitssprachen als Erstsprache anzubieten, erklärt er weiter. Nebst der zweisprachigen Maturität «rumantsch-tudestg» bietet die Schule auch die «italiano-tedesco» sowie die «Deutsch-Italienische» zweisprachige Maturität an.

Die Academia wünscht Druck

Bei der Academia Engiadina in Samedan stösst Valär mit seiner Forderung auf etwas mehr Zustimmung. «Es ist bestimmt eine gute Stossrichtung, Druck zu machen», sagt Rektor Ueli Hartwig auf Anfrage. Ein Obligatorium habe aber dennoch auch eine schlechte Seite und würde zur Verzettelung führen, ergänzt er. Die Academia Engiadina bietet ebenfalls ein Romanischangebot bis zur Matura an. Derzeit würden 24 Schülerinnen und Schüler davon Gebrauch machen und somit in ihrer Muttersprache sowie in einem Immersionsfach unterrichtet werden. Damit ist Etter zufrieden, er befürwortet jedoch eine Förderung sowie die Diskussion rund um die Leistungsvereinbarungen und Entschädigungen.

Überzeugt vom jetzigen System

Ein Angebot der zweisprachigen Maturität gibt es auch in der Surselva, im Gymnasium und Internat Kloster Disentis. Auch dort habe man bisher positive Erfahrungen gemacht, wie Rektor Tom Etter auf Anfrage sagt. Ausserdem habe man in den vergangenen Jahren die Lektionenanzahl gar angehoben. Ein Obligatorium empfindet Etter jedoch als Benachteiligung für Rätoromane. Dies, weil an vielen Universitäten neben Deutsch und Englisch auch Französisch zu beherrschen sei. «Notabene nimmt man ihnen die Wahlmöglichkeit und schränkt die Studienauswahl massiv ein», so Etter. Etter bestätigt jedoch, dass die Sprach- und Lesekompetenzen in den letzten zehn Jahren abgenommen haben. Dies betreffe jedoch nicht nur das Romanische. «Allgemein lesen die Jugendlichen viel weniger als früher. Es ist also ein allgemeines Problem der Bildung und der Gesellschaft und kann nicht nur durch die Gymnasien behoben werden», so Etter. 

Die Mittelschulen sind sich also einig, dass das Romanische weiterhin gefördert werden muss und sehen sich in der Verantwortung, einen guten Sprachdienst zu erweisen, damit die Schülerinnen und Schüler später über genügend gute Kompetenzen verfügen. Auf Valärs Seite und für ein Obligatorium, spricht sich jedoch zurzeit keine aus.

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