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Wie mit Sprache Wunden heilen können

An ihrer letzten Rede als Standespräsidentin setzte sich Tina Gartmann-Albin für psychisch Erkrankte ein.

Ursina
Straub
Donnerstag, 29. August 2019, 04:30 Uhr Abschiedsrede
Augustsession 2019 Grosser Rat Grossrat
Die letzte Eröffnungsansprache von Standespräsidentin Tina Gartmann.
OLIVIA AEBLI-ITEM

Die abtretende Standespräsidentin Tina Gartmann-Albin beendete ihr Präsidialjahr so, wie sie es begonnen hatte: indem sie in ihrer Eröffnungsansprache psychische Krankheiten thematisierte. Psychisch Erkrankte würden heute immer noch stigmatisiert, also ausgegrenzt, sagte die SP-Politikerin und Verwaltungsrätin der Psychiatrischen Dienste Graubünden. Als Grund dafür ortete sie Angst: «Es ist die Angst, die uns antreibt, selber psychisch zu erkranken. Und es hilft uns, uns von der betroffenen Person zu unterscheiden, diese zu deklassieren und diskriminieren.»

Nur jede zweite Person behandelt

Laut Gartmann-Albin ist jede zweite Person im Verlauf ihres Lebens von einer ernsthaften, behandlungsbedürftigen Erkrankung betroffen. Die Ausgrenzung von psychisch Erkrankten führe aber dazu, dass nur die Hälfte der Betroffenen professionelle Hilfe in Anspruch nehme. «Umso wichtiger ist es, Tabus aufzubrechen», betonte Gartmann-Albin. «Entstigmatisierung, frei übersetzt Wundheilung, tut dringend Not», unterstrich sie.

Einen Teil zu dieser Wundheilung trage der Kanton Graubünden bei, erklärte Gartmann-Albin. So werde etwa momentan die Psychiatriegeschichte Graubündens von einem Team der Universität Basel um Professor Martin Lengwiler wissenschaftlich aufgearbeitet. Das Pilotprojekt «Bündner Bündnis gegen Depression» sensibilisiere die Bevölkerung bereits seit zehn Jahren für diese Krankheit. Zudem bilde die psychische Gesundheit einen Schwerpunkt in der kantonalen Gesundheitsförderung und Prävention.

«Sprechen Sie!»

Dennoch sei eine psychische Erkrankung noch immer nicht so akzeptiert wie etwa ein Beinbruch, bedauerte Gartmann-Albin. Deshalb könnten und müssten alle einen Beitrag leisten. Aber wie? Über die Sprache, lautete die Antwort der SP-Politikerin. «Achten Sie auf Ihre Alltagssprache», empfahl sie. «Sie ist voll von abwertenden Begrifflichkeiten in Sachen psychischer Erkrankung.» Ihr zweiter Rat: «Sprechen Sie offen darüber!» Als Betroffene mit Angehörigen und Freunden. Aber auch umgekehrt: als Arbeitgeber, Freundin oder Verwandte mit Betroffenen.

Dass sich eine solche Entstigmatisierung, also Wundheilung, lohne, lasse sich an Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern nach einem Besuch in der Psychiatrie ablesen, sagte Gartmann-Albin. So erklärte etwa eine Schülerin nach dem Psychiatriebesuch: «Ich habe gelernt, mit diesen Leuten umzugehen.»

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