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Richtig taktiert ist halb gewonnen

Seit 1971 wurde viermal eine Politikerin oder ein Politiker aufgrund von geschickt eingefädelten Listenverbindungen in den Nationalrat gewählt. In drei von vier Fällen konnte das Mitte-links-Lager von speziellen Konstellationen profitieren.

Patrick
Kuoni
Freitag, 24. Mai 2019, 22:46 Uhr Wahltaktiker
Wurde auch dank einer Listenverbindung gewählt: Silva Semadeni (rechts).
ARCHIV / YANIK BUERKLI

Die vier Politiker, die auch dank geschickten Listenverbindungen den Sprung ins Bundeshaus geschafft haben, dürften politinteressierten Leserinnen und Lesern auch heute noch ein Begriff sein.

Andrea Hämmerle: Auch dank einer Listenverbindung schaffte er es 1991 nach Bundesbern.

Der grosse Gewinner der Wahlen 1991 heisst Andrea Hämmerle. Der damalige Präsident der SP Graubünden und Grossrat holte sich einen Sitz in der Grossen Kammer. Dank einer Listenverbindung mit der Verda sicherte er dem linken Lager einen zweiten Sitz in Bundesbern. 7589 Stimmen vereinte der Biobauer aus Pratval auf sich und stach damit auch die parteiinterne Konkurrenz – in Person von alt Regierungsrat Martin Jäger – um gut 400 Stimmen aus. Den Sitz eroberte die SP von der CVP. Als Grund wurde damals die Abspaltung der CSP von ihrer Mutterpartei – der CVP – und die fehlende Unterlistenverbindung der CSP mit der Autunna Verda gesehen. Dies sah zumindest der damalige FDP-Parteipräsident Martin Röthlisberger so. Er bedauerte in der damaligen Montagsausgabe der «Bündner Zeitung», dass nun die SP zwar kantonal nur 24 Prozent Wähleranteile aufweise, aber 40 Prozent der Nationalratssitze in Bern halte. «Ich kann dieses Resultat – verursacht durch abtrünnige CVPler – nicht ‹fressen›», erklärte er zornig. Leidtragender der ganzen Sache war der abgewählte CVP-Nationalrat Theo Portmann. Dieser erreichte zwar 5500 Stimmen mehr als der gewählte Hämmerle, stand am Ende aufgrund der Listenverbindungen und Unterverbindungen aber trotzdem mit leeren Händen da.                                

 

Silva Semadeni half die Listenverbindung 1995 für den Sprung in den Nationalrat.

Nach den Nationalratswahlen 1995 vertraten erstmals zwei Frauen die Bündner im Nationalrat. Einen grossen Erfolg feierte die auch heute wieder im Nationalrat sitzende Silva Semadeni. Dank einer grossen linken Listenverbindung mit der La Verda, den Unabhängigen Frauen und Jung 91 konnte die Linke insgesamt 61 862 Stimmen auf sich vereinen und somit ihren 1991 eroberten zweiten Sitz halten. Die bürgerlichen Parteien CVP, FDP und SVP marschierten alle getrennt in die Wahl und konnten so den zweiten SP-Sitz nicht gefährden. Silva Semadeni schaffte mit 8320 Stimmen den Sprung in die Regierung. Der CVP-Kandidat Fabrizio Keller kam auf 10523 Stimmen, musste aber trotz Verbindung mit der CSP den Sitz den Linken überlassen. Am nächsten kam der linken Verbindung die SVP in Kombination mit ihrer Jungpartei. Sie konnten insgesamt 59 119 Stimmen für sich gewinnen und waren damit mit 25,6 Prozent auf dem Papier die wählerstärkste Partei. Doch aufgrund des Proporzsystems und der Listenverbindungen reichte dies trotzdem nicht, um sich den zweiten Nationalratssitz zu holen. «Das letzte Restchen Sympathie für das Proporz-Wahlsystem dürfte nun nach diesem Wahlsonntag in der SVP und andernorts definitiv vorüber sein», hiess es danach in den Kommentarspalten.

Josias F. Gasser schaffte die Wahl 2011.

2011 ist die GLP mit der SP und Verda eine Listenverbindung eingegangen. Mit dieser links-grünen Listenverbindung tat die GLP einen Glücksgriff. Es gelang ihr, der FDP ihren Sitz abzujagen. Tarzisius Caviezel wurde abgewählt und musste Josias F. Gasser weichen. Mehr als 3200 Listenstimmen fehlten der FDP, um den Sitz zu verteidigen. Hätte nicht das links-grüne Bündnis das Restmandat erobert, wäre es an die SVP gegangen. Die FDP hätte es in der Hand gehabt, mit einer Listenverbindung mit einer oder beiden Mittelparteien BDP und CVP ihren Sitz zu verteidigen. Der Alleingang erwies sich im Nachhinein als taktischer Fehler. Gasser schaffte mit 16 123 Stimmen das drittbeste Wahlresultat. Er stach Caviezel auch ohne Listenverbindung um fast 3000 Stimmen aus und sorgte für eine Wahlüberraschung. Nachdem er 2008 in den Churer Gemeinderat und 2010 in den Grossen Rat gewählt wurde, war dies der Höhepunkt in Gassers Polit-Karriere. Vier Jahre später folgte dann die Ernüchterung. Der Sitz der GLP ging an die SVP. 2019 nimmt Gasser nun einen neuen Anlauf. Ob es für Gasser ein zweites Mal nach Bundesbern reicht, wird auch mit den Listenverbindungen zusammenhängen. Entscheidend dürfte zudem sein, ob das Klima-Thema bis zum Herbst an Gewicht auf der politischen Agenda behält.

Hansjörg Hassler jagte 1999 Silva Semadeni den Nationalratssitz ab.

«Der Bürgerblock schlägt zurück», titelte die «Südostschweiz» am Montag nach der Nationalratswahl 1999. Was damit gemeint war: Die 1995 überraschend in den Nationalrat gewählte Silva Semadeni musste auf Kosten von Hansjörg Hassler (SVP) die Segel streichen. Sie war Opfer des Systems geworden, von dem sie bei den Wahlen vier Jahre zuvor noch profitiert hatte. Obwohl sie mit über 20 000 Stimmen das zweitbeste Ergebnis aller 57 Kandidatinnen und Kandidaten auf den 13 Wahllisten verbuchen konnte, musste sie ihren Sitz an die SVP abtreten. Denn die Bürgerlichen und insbesondere die SVP, die bei den Wahlen 1995 eine Listenverbindung mit den anderen Bürgerlichen noch abgelehnt hatte, hatten aus ihrer Wahlschlappe vier Jahre zuvor gelernt und waren eine Allianz eingegangen, die von der CVP bis zur SVP reichte. Und so kam es, dass die SP zwar erstmals als stärkste Partei aus dem Wahlrennen hervorging, aber ihren zweiten Sitz im Nationalrat trotzdem nicht halten konnte. Die SVP verdiente sich den zweiten Sitz mit rund 2000 Stimmen Rückstand auf die Sozialdemokraten. Das Wahljahr 1999 belegte somit eindrücklich, was für einen grossen Einfluss eine grosse, bürgerliche Listenverbindungslösung haben kann – die im Wahljahr 2019 wieder als eher unwahrscheinlich gilt.

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