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Das lange Warten auf den Scheck

Eine Geschichte von einem, der mit dem Wissen aufgewachsen ist, dass er nichts kann und nichts ist.

Pierina
Hassler
Sonntag, 19. Mai 2019, 04:30 Uhr Rolf, das Verdingkind
Verdingkinder
Gedenkstätte für Opfer fürsorglicher Zwangsmassnahmen beim Fürstenwald Chur.
MARCO HARTMANN

Rolf Brunner* war ein Verdingkind. Sein Vater starb, seine Mutter war mit dem siebten Kind schwanger – die Behörden griffen ein. Eine ganz normale Familie wurde auseinandergerissen. Als ob der Verlust des Vaters nicht schon genug schwierig gewesen wäre. Er und seine ältere Schwester wurden einem Bauern im Emmental zugeteilt respektive verdingt. «Mir ging es dort gar nicht so schlecht», sagt er. «Meine Schwester vertraute mir allerdings erst vor fünf Jahren an, dass sie vom Bruder des Bauern missbraucht wurde.»

Eine Entschuldigung

Brunner stammt ursprünglich aus dem Kanton Bern. Seit ein paar Jahren wohnt er in Graubünden. Er war Beamter, obwohl er von dieser Kategorie wenig hält. «Irgendwann hatte ich aber genug von dieser Arbeit und wanderte nach Italien aus.» Im Jahr 1994 wurden grosse Teile des Piemonts überschwemmt. Brunner verlor bei dieser Umweltkatastrophe sein ganzes Weingut. Und kehrte heim in die Schweiz, zuerst nach Bern.

«Uns nimmt man in Bern doch einfach nicht ernst.» Rolf Brunner, Verdingkind

Das war vor zwölf Jahren. «Damals fing man gerade so mit der Aufarbeitung des Unrechts gegenüber Verdingkindern und administrativ Versorgten an», sagt Brunner. Es habe ihn etwas durchgeschüttelt, erst dann habe er nämlich gemerkt, dass er seine Vergangenheit lange Jahre erfolgreich verdrängt habe. «Ich engagierte mich im Verein Netzwerk-verdingt», sagt Brunner. Der Verein wurde in Bern von ehemaligen Verdingkindern gegründet. Er ist politisch und konfessionell neutral. Und vertritt die Anliegen der Betroffenen gegenüber den Institutionen. «Damals im April 2013, als sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga im Namen der Schweizer Regierung bei uns entschuldigt hat, habe ich ihr sogar die Hand geschüttelt», erzählt Brunner. Wer aber jetzt glaubt, Brunner sei stolz auf diesen Händedruck, täuscht sich. Er nimmt ihr die Entschuldigung nicht mehr ab. Denn spätestens seit dem Debakel bei den Auszahlungen der Solidaritätsgelder sagt er: «Uns nimmt man in Bern doch einfach nicht ernst.»

Ein paar Notizen

In der Zwischenzeit zügelte er nach Graubünden. «Wegen des versprochenen Solidaritätsbeitrags musste ich meine Akte besorgen.» Er suchte sich Hilfe bei der Opferhilfe Graubünden. «Als ich dann die Akte bekam, waren das zwei, drei lose Blätter mit falschen Angaben.» Er sei wirklich schockiert gewesen, als er die handschriftlichen Sätze gelesen habe. Die «Südostschweiz» konnte übrigens einen Blick in die Original-Akte werfen – von einer «Akte» zu reden, ist übertrieben. Allenfalls ein paar Notizen hat Brunner vom Berner Staatsarchiv erhalten.

Die Opferhilfe Graubünden hat ihm geholfen, die Akte zu bereinigen. Dann verschickte Brunner die Unterlagen termingerecht an das Bundesamt für Justiz. Das war im April 2018 – seit dann hat er nichts mehr aus Bern gehört. Keine Empfangsbestätigung, nichts. Im Grunde weiss das ehemalige Verdingkind nicht einmal, ob er überhaupt zu seinem Recht kommt.

Ein Verwirrspiel

Der Bund hat 300 Millionen Franken bewilligt – als Zeichen der Anerkennung des von den Opfern erlittenen Unrechts. Jede Frau und jeder Mann erhält 25 000 Franken. Steuerfrei, betreibungsfrei – wie immer sie das Geld ausgeben wollen, so soll es sein. Der Bund hatte rund 12 000 Begehren erwartet, gemeldet haben sich etwas über 9000 Personen. Dass es eine Weile dauert mit der Auszahlung des Betrags, kritisiert niemand. Aber was der Bund macht, ist einerseits eine sogenannt Nicht-Kommunikation und andererseits ein Verwirrspiel. Ursprünglich wollte man es mit der Auszahlung so halten: Die Schwerkranken, dann die Ältesten, bis dann zuletzt die jüngsten Opfer an die Reihe gekommen wären. Mittlerweile ist das Durcheinander perfekt. Während ein knapp 60-Jähriger sein Geld erhalten hat, wartet Brunner, der um einiges älter ist, immer noch auf ein Zeichen aus Bern.

Nun könnte man über die Berner Beamten sagen: Alles muss überprüft werden. Das dauert. Das ist richtig, nur wusste man das von Beginn weg. «Weshalb haben sie dann nicht ein paar Zusatzstellen geschaffen», fragt Brunner. «Es scheint so, als ob wir die kein bisschen interessieren.» Menschen wie er seien mit dem Wissen aufgewachsen, «du kannst nichts, du bist nichts». Mit dieser Auszahlpraxis würde man genau dies wieder einmal bestätigen.

*Name der Redaktion bekannt.

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Jedesmal wenn ich über diese Thematik lesen darf, werde ich wütend, traurig und fühle mich machtlos.
Was machen unsere Politiker/innen in Bern? Sind es einfach normale Bürogummis (sorry ) einfache Menschen die gewählt wurden ,....... Oft frage ich mich wie man gewisse Menschen überhaupt wählen kann!!!
Echt bei solchen Angelegenheiten, schäme ich mich Schweizer zu sein. Wieso muss der arme Rolf noch auf sein Geld warten? Es ist die tiefste Gedemütigung. Schön, dass die Journalistin Pierina Hassler der Artikel geschrieben hat. Bravo!
Mehr Menschen einstellen, damit die Sache vielleicht ein Ende findet? Lächerlich, einfach lächerlich und respektlos., denn wie sollen diese Bürog.... was verstehen? Sie sind einfach sehr dankbar, ein Lohn zu erhalten und haben sicher kein Interesse, dass die Angelegenheit speditiv vorwärts geht.
Bern wacht auf, endlich, auch wenn das Schweizer Volk so desinteressiert ist.

Es ist schon so, dass die in Bundesbern keine Ahnung haben, was sich da überhaupt für Tragödien stattgefunden haben ! Auch glaube ich der Sommaruga kein Wort ihrer heuchlerischen Mitleidsbezeugungen ! Gerade jetzt, als die Geschädigten dringend Hilfe benötigen, lässt der Staat diese Menschen im Stich ! Keine Rückmeldung, keine Empfangsbestätigung der eingereichten Dokumente, einfach Stillschweigen ! Der Verdacht kommt auf, dass die Politik das ganze Prozedere absichtlich in die Länge zieht, um auch noch einiges an Geld zu sparen, dass eigentlich den Geschädigten zusteht ! Es werden einige unter ihnen sein, die das Geld nie sehen werden, da sie vermutlich vorher sterben und weil es auch keine Erben gibt, sackt der Staat das Geld wieder ein !!! Es ist nur noch ein Zeichen der Schande in diesem Land ! So etwas wäre zu Zeiten der Bundesräte Hürlimann und Ritschard niemals vorgekommen ! Die heutigen Politiker haben keine Eier mehr in der Hose und hängen ihre Fahne lieber in den Wind...! Der eigene Geldseckel ist ihnen wichtiger, als das sie für etwas einstehen würden ! Es lebe die Meinungsfreiheit !