×

«Der Entscheid gegen den Windpark ist fatal und unsolidarisch»

Jürg Rohrer, Präsident der Energieallianz Linth, kann nicht nachvollziehen, dass dem Windpark in der Linthebene der Stecker gezogen wird.

Daniel
Graf
Dienstag, 07. Mai 2019, 04:30 Uhr Unverständnis beim Präsidenten
Jürg Rohrer fordert mehr Solidarität, um die Energiewende rechtzeitig zu schaffen.
PRESSEBILD, NOEMI TIRRO

Der Glarner Landrat hat dem Windpark in der Linthebene den Stecker gezogen. Diesen Entscheid kann Jürg Rohrer nicht nachvollziehen. Der Professor für erneuerbare Energien an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil und Präsident der Energieallianz Linth findet, dass man nicht immer nur von der Energiewende reden, den Ball aber anderen zuspielen könne.

Jürg Rohrer, Sie kritisieren den Entscheid des Landrats. Warum?

Ich finde den Entscheid fatal, wir fühlen uns vor den Kopf gestossen. Weltweit sucht man händeringend nach Massnahmen, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Dazu ist ein rascher Umstieg auf Elektromobilität und Wärmepumpen notwendig, was den Stromverbrauch erhöhen wird. Trotzdem könnten wir in Zukunft den gesamten Strombedarf aus einheimischen, erneuerbaren Energien decken. Die Glarner Regierung, respektive der Landrat, hat die Möglichkeit vertan, einen wichtigen Beitrag dazu zu leisten. Der Entscheid ist zudem unsolidarisch: Der Kanton nimmt gerne Geld aus dem Finanzausgleich oder lässt sich die Umfahrungsstrasse vom Bund bezahlen. Aber wenn er selber einen Beitrag mit Windenergie zur Schweizer Energieversorgung leisten soll, ist es vorbei mit der Solidarität.

War der Entscheid mutlos?

Es gibt zwei Philosophien, denen ein Politiker folgen kann: Entweder er fragt sich, was das Volk will, und tut das, was der Mehrheit gefällt. Oder er hat eigene Visionen und führt die Leute an etwas heran. In Krisenzeiten braucht ein Land mehr Politiker von der zweiten Sorte, die auch bei – im wahrsten Sinne des Wortes – starkem Gegenwind an einer Idee festhalten. Mir kommt es so vor, als hätte der Landrat einfach auf diejenigen gehört, die am lautesten geschrien haben.

Sollten Entscheidungen über Standorte für Windparks dem Bund obliegen?

Ich kenne mich mit der Kompetenzverteilung in der Raumplanung nicht detailliert genug aus, um diese Frage beantworten zu können. Klar ist für mich: Es geht nur über stärkere Einflussnahme vom Bund. Es kann nicht sein, dass die Interessen Einzelner über das Gesamtwohl gestellt werden, wenn irgendwo ein Windpark gebaut werden soll. Sonst schiebt man den Ball nur hin und her, und am Schluss passiert aber gar nichts.

Bei dem massiven Widerstand gegen das Projekt scheint es sich aber nicht bloss um «Einzelne» gehandelt zu haben.

Was mir extrem bewusst geworden ist: Die «Linthwind»-Gegner haben mit ihrer Angstkampagne begonnen, bevor überhaupt die Fakten auf dem Tisch lagen. Als dann vor gut drei Wochen über den Umweltverträglichkeitsbericht informiert wurde, waren viele Meinungen bereits gemacht. Dann war keine sachliche Diskussion mehr möglich. Viele, die objektiv gesehen gar nicht betroffen gewesen wären, hatten Angst, die Windräder hätten Einfluss auf ihre Gesundheit oder auf ihre Lebensqualität oder würden den Wert ihrer Immobilien mindern.

Wurde zu spät informiert?

Ich fand die Informationspolitik der St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke AG (SAK) transparent und vor allem ehrlich: Wenn sie etwas nicht oder noch nicht gewusst haben, haben sie das auch gesagt. Vielleicht waren sie sogar etwas zu ehrlich, aber lieber so als umgekehrt. Man muss sich vor Augen halten: Es handelt sich um ein kommerzielles Projekt einer Firma. Da ist es immer einfacher, Gegner zu finden als Befürworter. Ausserdem waren die Gegner gut koordiniert: In Leserbriefen widmeten die Gegner sich immer schubweise demselben Aspekt.

Die SAK hat 1,5 Millionen investiert und alles für eine Realisierung des Projekts getan. Gescheitert ist es trotzdem. Hat das eine Signalwirkung für andere Investoren?

Ich hoffe eher auf eine umgekehrte Signalwirkung: Der Bund muss einsehen, dass es nicht sein kann, dass solche Projekte immer wieder verhindert werden, wenn wir die Energiewende schaffen wollen. Das Thema war ja immerhin schweizweit in der Presse präsent.

Ist Windenergie für die Energiewende tatsächlich notwendig?

Es ist eine perfekte Ergänzung zur Solarenergie, da nachts und im Winter besonders oft der Wind weht. Wenn wir auf die Windkraft verzichten, müssen wir dafür viel mehr Energie speichern. Das hätte auch bauliche Massnahmen zur Folge. Ausserdem ist der technologische Fortschritt bei der Windkraft beachtlich: Heutige Windräder sind schon bedeutend leiser, als diejenigen, die vor 15 Jahren gebaut wurden. Windräder haben ausserdem den Vorteil, dass man sie restlos zurückbauen kann, sollten sie einmal nicht mehr gebraucht werden.

Müssen sie wirklich in besiedelten Gebieten stehen?

Der einzige Ort in der Schweiz, an dem es keine Häuser hat, sind die Alpen. Dort gibt es aber wieder Konflikte mit dem Landschaftsschutz oder dem Weltkulturerbe. Es ist falsch zu sagen: Wenn Häuser in der Nähe stehen, können keine Windparks gebaut werden. Es geht um den Kampf gegen eine Klimakatastrophe. Eine solche würde unser Leben und das Leben unserer Nachfahren viel stärker beeinflussen als Windturbinen. Wir müssen die Energiewende schaffen und diese muss zwingend über den Interessen Einzelner stehen. Dafür müssen wir sämtliche zur Verfügung stehenden Kapazitäten nutzen.

Öffentlicher Vortrag von ETH-Professor Anton Gunzinger zum Thema «Kraftwerk Schweiz: Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft», Mittwoch, 15. Mai, 19.30 Uhr, Aula Kantonsschule Glarus, anschliessend Apéro, Eintritt frei. www.energieallianz-linth.ch

 

Kommentar schreiben

Kommentar senden

Die Energiewende ist nur mit Kernenergie zu schaffen.
Wer cool auf die Geschichte der Kernreaktoren blickt, erkennt: Atomkraftwerke sind die bislang sicherste Versorgung mit elektrischer Bandenergie. Durch ihren Betrieb hat sich im Westen kein einziger Todesfall ereignet. Kernkraftwerke waren und sind so zuverlässig wie Wasserkraftwerke (Link). Die Energiewende ist im Gange, mit dem heissen Sommer erst recht. Anton Gunzinger, Tausendsassa in Supercomputern, weibelt landauf landab für Null CO2 mit den neuen Erneuerbaren. Wer wie Gunzinger von seiner Mission derart eingenommen ist und sich als Schwarzmaler für Kernenergie outet, ist vielleicht auf einem Auge blind. Was propagiert Gunzinger eigentlich? Er will die Schweiz mit 100 Prozent erneuerbarem Strom versorgen und unabhängig von Stromimporten machen. Dazu wären 150 Quadratkilometer Solarpanels und 2250 Hochleistungs-Windturbinen mit je 2 Megawatt Leistung (140 m Höhe) notwendig. Dazu müssten alle 2 Millionen Gebäude mit Solardächern möglichst rasch (zwangsweise) eingedeckt werden. Windturbinen brauchen viel Platz. Der minimale Abstand beträgt 800 Meter zum nächsten Haus, das ergibt eine Gefahrenzone von zwei Quadratkilometern um jedes Rad. Also benötigen die 2250 Windräder 4500 Quadratkilometer Landfläche. So viel Landwirtschaftsland besitzt die Schweiz. Und dennoch konstatiert auch Gunzinger eine riesige Versorgungslücke im Winter, die er durch zahlreiche Biogas-Kraftwerke schliessen möchte. Biogaskraftwerke produzieren Methan, ein wichtiges Treibhausgas, und mehrere für Menschen gefährliche Gase (Link). Man sollte das eine tun und das andere nicht lassen. Für eine zeitweise reichliche und CO2-neutrale Stromversorgung begrüssen wir die neuen erneuerbaren Energien, ohne Zwang und wo es passt. Um nicht zu scheitern, müssen wir auch den Weg für eine Erneuerung unserer Atomkraftwerke frei machen. Die im Bau befindlichen Reaktoren Typ III+ sind noch sicherer. Sie sind sogar erneuerbare Energiequellen, da der noch sehr energiereiche Atommüll wiederverwendet und die Menschen auf unabsehbare Zeit versorgen wird. (Hintergrund auf https://computerwelten.blogspot.com )

Alle Kommentare anzeigen