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Husarenstück in Caracas: Guaidó will Maduro die Macht entreissen

Nach dem Soldaten-Aufstand gegen die Regierung des venezolanischen Präsidenten Maduro haben sich Demonstranten und Sicherheitskräfte in Caracas schwere Auseinandersetzungen geliefert. Fernsehbilder zeigten, wie ein gepanzertes Fahrzeug einen Demonstranten überrollte.

Agentur
sda
Dienstag, 30. April 2019, 23:51 Uhr Caracas/Washington/Moskau

Der Dienstag hatte aber ganz anders begonnen. Über den Hügeln von Caracas ging gerade die Sonne auf, als der selbsternannte Übergangspräsident Juan Guaidó dem venezolanischen Staatschef Nicolás Maduro offen den Kampf ansagte.

«Als Interimspräsident von Venezuela, als rechtmässiger Oberkommandierender der Streitkräfte, rufe ich alle Soldaten dazu auf, sich uns anzuschliessen», sagte der Oppositionsführer am Dienstag auf einer Schnellstrasse nahe dem Luftwaffenstützpunkt La Carlota.

Neben Guaidó stand der vor Jahren inhaftierte Oppositionsführer Leopoldo López, den aufständische Soldaten gerade aus dem Hausarrest befreit haben. «Alle Venezolaner, die sich Freiheit wünschen, sollen kommen», sagte der Gründer von Guaidós Oppositionspartei Voluntad Popular. «In diesem Moment sollen alle Venezolaner, mit Uniform und ohne, auf die Strasse.» Mehrere Dutzend überwiegend junge Soldaten schlossen sich dann vor dem Luftwaffenstützpunkt nahe der Hauptstadt Caracas dem selbst ernannten Übergangspräsidenten an und lieferten sich Schusswechsel mit Militärs, die dem sozialistischen Staatschef Maduro die Treue halten.

Panzerwagen rast in die Menge

Kurz darauf lieferten sich Demonstranten und regierungstreue Sicherheitskräfte schwere Auseinandersetzungen. Vermummte Regierungsgegner griffen gepanzerte Militärfahrzeuge an. Ein Panzerwagen raste in die Menge, wie im kolumbianischen Fernsehsender RCN zu sehen ist. Ob dabei Demonstranten verletzt wurden oder ums Leben kamen, ist zunächst unklar. Bei den Zusammenstössen seien 36 Menschen verletzt worden, teilte ein Spital später mit.

Nahe dem Luftwaffenstützpunkt La Carlota schleuderten Demonstranten Steine auf Nationalgardisten auf Motorrädern. Die Sicherheitskräfte feuerten Tränengaskartuschen in die Menge. Verteidigungsminister Vladimir Padrino sagte, ein Oberst sei in den Hals geschossen worden, er müsse notoperiert werden. «Ich mache dafür die politische Führung der Opposition verantwortlich», schrieb er auf Twitter.

Bislang liess Maduro seinen Herausforderer Guaidó weitgehend gewähren. Nach dem Putschversuch könnte die sozialistische Regierung nun andere Saiten aufziehen und Guaidó verhaften lassen. «In diesem Moment sammelt die Generalstaatsanwaltschaft Beweise gegen jene, die in diese illegale Verschwörung verwickelt sind», sagt Generalstaatsanwalt Tarek William Saab.

Zunächst tat die Regierung den Aufstand allerdings als kläglichen Putschversuch einiger Weniger ab. «In diesem Moment schalten wir eine kleine Gruppe verräterischer Soldaten aus», schrieb Kommunikationsminister Jorge Rodríguez auf Twitter.

Generäle profitieren von Maduro

Das Militär gilt als der entscheidende Faktor im Machtkampf in Venezuela. Guaidó hat die Streitkräfte immer wieder dazu aufgerufen, die Seiten zu wechseln - bislang allerdings nur mit geringem Erfolg. Die Generäle profitieren ohnehin vom System Maduro und haben daher wenig Interesse an einem Machtwechsel. Kleinere Aufstände einfacher Soldaten gegen Maduros Regierung wurden bereits mehrfach niedergeschlagen.

Agenten des kubanischen militärischen Geheimdienstes sollen die einfachen Soldaten der venezolanischen Streitkräfte kontrollieren und Aufstände sowie Verschwörungen bereits im Keim ersticken. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Control Ciudadano sitzen in Venezuela 193 Militärs wegen politischer Vergehen in Haft.

Während auf den Strassen von Caracas noch um die Macht gerungen wird, bringen sich die internationalen Verbündeten der verfeindeten Lager in Stellung. Die USA, viele EU-Staaten wie Deutschland und Frankreich und zahlreiche lateinamerikanische Länder haben Guaidó bereits als rechtmässigen Übergangsstaatschef anerkannt - dagegen halten Russland, China, die Türkei sowie die linken Regierungen in Kuba, Nicaragua und Bolivien weiterhin Maduro die Treue.

USA stehen hinter Guaidó

«Die US-Regierung unterstützt das venezolanische Volk vollkommen in seinem Verlangen nach Freiheit und Demokratie», schrieb US-Aussenminister Mike Pompeo am Dienstag auf Twitter. Der Nationale US-Sicherheitsberater John Bolton rief das Militär dazu auf, Guaidó zu unterstützen.

US-Präsident Donald Trump drohte der kommunistischen Regierung in Kuba wegen der Unterstützung für den venezolanischen Staatschef Maduro mit scharfen Wirtschaftssanktionen. Sollten kubanische Truppen und Milizen nicht sofort militärische und andere Operationen einstellen, würden die USA ein komplettes Embargo und Sanktionen gegen Kuba verhängen, schrieb Trump am Dienstag auf Twitter. «Hoffentlich kehren alle kubanischen Soldaten schnell und friedlich auf ihre Insel zurück!», fügte er hinzu.

Die Europäische Union forderte «grösste Zurückhaltung» im Machtkampf in Venezuela. Es könne nur einen «politischen, friedlichen und demokratischen Weg» aus der Krisensituation des Landes geben, erklärte die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini am Dienstag. Die EU lehne «jede Form von Gewalt» ab und rufe dazu auf, «den Verlust von Leben und eine Eskalation» zu vermeiden.

Der deutsche Aussenminister Heiko Maas erklärte, die deutsche Regierung unterstütze Guaidó nach wie vor. «Was wir nicht wollen, ist, dass die Waffen sprechen. Wir brauchen eine politische, keine militärische Lösung», schrieb Maas im Kurzbotschaftendienst Twitter.

Maduros Verbündete hingegen stärken dem venezolanischen Präsidenten den Rücken. «Wir verurteilen diese putschistische Bewegung, die darauf abzielt, das Land mit Gewalt zu überziehen», schrieb der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel auf Twitter. Der bolivianische Staatschef Evo Morales teilte mit: «Wir verurteilen diesen versuchten Staatsstreich in Venezuela aufs Schärfste.»

Russland warnt vor Eingreifen

Russland warnte vor einem Eingreifen von aussen. Es gebe Kräfte, die nur einen Vorwand für ein gewaltsames Einschreiten suchten, schrieb der Chef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Föderationsrat, Konstantin Kossatschow, bei Facebook.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schrieb auf Twitter: «Diejenigen, die sich in Venezuela, wo das Volk herrscht und der Präsident gewählt wurde, darum bemühen, einen postmodernen Kolonial-Gouverneur zu berufen, sollen wissen, dass nur durch demokratische Wahlen bestimmt werden kann, wie ein Land geführt wird.»

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