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«Ich bin nicht Teil des Schulwesens und sehe das Präsidium als politisches Amt»

Stadträtin Tanja Zschokke kandidiert für das Schulpräsidium und will damit vom Neben- ins Hauptamt wechseln. Die UGS-Politikerin möchte in allen Schulen ein Elternforum einführen und überprüfen, ob es bereits im Kindergarten Computer im Unterricht braucht.

Samstag, 23. Februar 2019, 04:30 Uhr Rapperswil-Jona
Die UGS-Stadträtin Tanja Zschokke will in die Fussstapfen von Schulpräsident Thomas Rüegg (FDP) treten.
BILD MANUELA MATT

Vor zwei Jahren wurde die Landschaftsarchitektin Tanja Zschokke in den Stadtrat von Rapperswil-Jona gewählt. Nun möchte die 53-jährige UGS-Politikerin das Schulpräsidium erobern und die Schule weiterentwickeln, auf dass diese in der Lage sein wird, Kinder auf Berufe in der Zukunft vorzubereiten, die es jetzt noch gar nicht gibt.


Tanja Zschokke, wie gut kennen Sie die Schule Rapperswil-Jona? Wie viele Kinder gehen in der Stadt zur Schule?
TANJA ZSCHOKKE: Es sind etwa 3000 Schüler, 450 Lehrer und 15 Schulhäuser.


Knapp daneben: Es sind 2714 Schüler, 520 Lehrer und 14 Schulen. Welche Qualifikationen und Erfahrungen befähigen Sie für das Amt?
Ich habe meine drei Kinder während der Schulzeit interessiert begleitet und dabei einiges über unser Schulwesen erfahren. Ich habe das Elternforum in der Schule Paradies-Lenggis mitbegründet und mich für einen besseren Austausch zwischen Eltern und Lehrern engagiert. Beispielsweise können Eltern dank des Forums am ersten Kindergartentag bei einem Kaffee auf dem Schulhausareal verweilen und sich austauschen. Den Dialog zwischen Elternhaus und Schule, aber auch den Dialog unter den Eltern, erachte ich als wichtig für die schulische Laufbahn eines Kindes. Ich bin eine Person, die gerne Verantwortung übernimmt und seit über 25 Jahren als Teilhaberin eines kleinen Unternehmens tätig ist.


Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Schulzeit?
Ich habe mich an meinem ersten Schultag auf den vordersten Tisch gesetzt und meine Füsse auf dem Stuhl platziert. Die Lehrerin hat erstaunlicherweise mein Verhalten toleriert, so habe ich dies immer wieder mal wiederholt. Ich wollte mit der Lehrerin zusammen unterrichten. Allerdings bin ich dann später nicht Lehrerin geworden, aber Schulpräsidentin zu werden, passt doch durchwegs zu mir.


Was war damals besser oder schlechter im Schulwesen als heute?
Damals wurden alle Kinder in den gleichen Topf geworfen. Man ist nicht individuell auf die Schüler und ihre Fähigkeiten eingegangen. Die Lehrer agierten damals als Einzelmasken, heute arbeiten sie im Team zusammen. Auf der anderen Seite geraten Kinder heutzutage früh schon in Stress und sind Burnout-gefährdet. Das hat vermutlich mit dem gesellschaftlichen Wandel durch die Digitalisierung und dem ungebremsten Gebrauch digitaler Medien zu tun: Hier muss die Schule gemeinsam mit den Eltern noch Lösungen erarbeiten, wie den Kindern ein unproblematischer Umgang mit den Medien gelehrt werden kann.


Was hebt Sie von den anderen Kandidaten ab?
Ich habe keine pädagogische Ausbildung und bin jetzt auch nicht Teil des Schulwesens. Demnach betrachte ich unsere Schule aus einer anderen Perspektive und sehe das Amt als ein politisches Amt. Das pädagogische Fachwissen ist bei den Lehrern, in der Schulleitungskonferenz und bei unserem Pädagogischen Leiter vorhanden. Daher werde ich übergeordnet und unvoreingenommen in den Ressorts Bildung und Familie sowie Gesellschaft und Alter agieren können. Zwar wird bei dieser Wahl das Schulpräsidium besetzt. Dennoch ist es mir ein grosses Anliegen, beiden Ressorts die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Nur gemeinsam mit allen Generationen können wir unsere Stadt weiterentwickeln.


Reizt Sie das Schulpräsidium auch deswegen, weil es ein Vollamt ist?
Ich möchte diesen Aspekt nicht in den Vordergrund rücken. Ein nebenamtlicher Stadtrat arbeitet strategisch, übergeordnet und nicht operativ. Damit einher geht naturgemäss der Verlust der Ressort-Verantwortung, die nun die hauptamtlichen Stadträte beziehungsweise die Verwaltung tragen. Dementsprechend tragen auch die drei Hauptamtlichen die Verantwortung nach aussen, obwohl der Gesamtstadtrat die strategischen Entscheidungen fällt.

«Kinder geraten wegen der Digitalisierung früh in Stress und sind Burnout-gefährdet.»


Nebenamtliche Stadträte haben immer wieder die Reform kritisiert. Und es kann wohl kein Zufall sein, dass es jetzt zwei Nebenamtliche zum Vollamt drängt...
Hauptsächlicher Grund für die Reform war der Umstand, dass das Nebenamt auch von Personen ausgeführt werden kann, die mindestens 80 Prozent in ihrem Beruf arbeiten. Dieses Milizsystem bedingt, dass das Pensum auf zwanzig Prozent halbiert wurde. Eine erneute Reform des Stadtratssystems wäre angebracht, wenn eines Tages ein Stadtparlament eingeführt wird.


Schulpräsident Thomas Rüegg war mehr als zehn Jahre im Amt. Haben Sie viel Respekt, in solch grosse Fussstapfen zu treten?
Thomas Rüegg hat vorzügliche Arbeit geleistet und verfügt sicherlich über ein grosses Know-how. Er hatte die Chance, in das Amt hineinzuwachsen, weil er bereits vor der Fusion Schulrat war, als Rapperswil und Jona noch eigene Schulgemeinden hatten. Er war also viel länger Schulpräsident als die zehn Jahre seit der Vereinigung. Die Chance der Einarbeitung sollte auch der neuen Schulpräsidentin zugestanden werden. Da unsere Schule sowohl in der Verwaltung als auch in den einzelnen Schuleinheiten gut aufgestellt ist, traue ich mir zu, seine Nachfolge anzutreten.


Mit Thomas Rüegg war das Schulpräsidium in liberaler Hand. Welchen anderen politischen Blickwinkel würden Sie als UGS-Politikerin mitbringen?
Im Schulpräsidium wird keine Parteipolitik betrieben. Bei dieser Wahl geht es schlicht um Köpfe, nicht um die Ausrichtung einer bestimmten Partei. Wichtige strategische Entscheidungen werden im Schulrat getroffen, und der Kanton gibt vieles vor, das von den Gemeinden umgesetzt werden muss.


Welche Ziele haben Sie als Schulpräsidentin?
Mir ist wichtig, eine gute funktionierende Schulstruktur aufrechtzuerhalten. Jedes Kind soll seinen Platz finden, an dem es ihm wohl ist. Mittels Elternforen in allen Schuleinheiten soll nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule gestärkt werden, sondern auch der Eltern und Kindern untereinander. Ich habe festgestellt, dass es viele Kinder gibt, die bereits in der zweiten Primarschulklasse unter dem Schuldruck leiden. Diese Kinder fallen im Schulalltag nicht auf und schreiben genügend gute Noten. Da muss gemeinsam genauer hingeschaut werden. Natürlich ist Stress auch ein gesellschaftliches Problem und muss vielschichtig angegangen werden. Wichtig ist zudem, weiterhin in die Weiterbildung der Lehrer zu investieren. Diese muss aber bedarfsgerecht sein. Auf dass wir auch in Zukunft ein motiviertes Schulleitungsteam bei uns haben, bei deren Entscheidungen das Kind im Mittelpunkt steht.

«Wir wissen noch nicht, wie sich die Strahlen­belastung auf unsere Kinder auswirken wird.»


Wie soll die Digitalisierung in das Schulprogramm aufgenommen werden?
Naturgemäss zeigt sich der gesellschaftliche Wandel auch im Schulwesen. Die Schule muss sich die Frage stellen, wie sie die Kinder auf Berufe in der Zukunft vorbereiten kann, die es jetzt noch gar nicht gibt. Mit Bestimmtheit wird Kreativität gefragt sein, und die Schule muss Agilität und Flexibilität fördern. Bezüglich der Digitalisierung setze ich doch ein paar Fragezeichen. Im Kindergarten und der Unterstufe sollten Computer und Tablets zurückhaltend eingesetzt werden. Noch wissen wir nicht, wie sich die Digitalisierung und mit ihr die Strahlenbelastung längerfristig auf unsere Kinder auswirken. Zum Ausgleich zum Arbeiten am Computer sollte der Unterricht vermehrt draussen stattfinden.


Was halten Sie von der geplanten Schliessung von Oberstufenstandorten?
Ich halte die seinerzeit vom Schulrat festgelegte Oberstufenstrategie 5-4-3 für sinnvoll. Den Oberstufenschülern, die zumeist mit dem Velo unterwegs sind, ist ein etwas längerer Weg durchaus zuzumuten. Bei den Kindergärten wäre eine solche Schulraumentwicklung problematisch. Da muss vermutlich in naher Zukunft ein Kindergarten in Jona Ost auf die Schulraum-Agenda aufgrund der Wohnbautätigkeiten.


Wo harzt es aktuell im Ressort Gesellschaft und Alter?
Es harzt nicht im Ressort, sondern in der Gesellschaft selbst. Unsere Stadt hat heute weniger Familien, dafür viele Senioren. Eine Herausforderung wird in Zukunft sein, die Generationen zusammenzuhalten. Für die ältere Bevölkerung sollten gute Bedingungen geschaffen werden gegen die Vereinsamung und für ein selbstbestimmtes Leben. Für Familien ist bezahlbarer Wohnraum wichtig. Bezüglich Kesb finde ich, dass die Professionalisierung der Behörde damals richtig war. Anstelle des Sitzgemeindemodells die Kesb in einen Zweckverband zu verlegen, halte ich für einen gangbaren Weg.


Wie sehen Sie Ihre Chancen, am 10. März gewählt zu werden?
Ich denke, dann wird das absolute Mehr von keinem Kandidierenden erreicht werden. Ich rechne mir aber gute Chancen aus.


Ist es ideal, dass sich zwei Linke gegenseitig im Wege stehen und damit Manharts Chancen auf den Wahlsieg steigen?
Es werden Köpfe für dieses Amt gewählt, nicht Parteien. Deswegen ist die parteipolitische Ausgangslage nicht matchentscheidend. Der Anspruch der SP auf einen Sitz im Stadtrat ist unbestritten, der Anspruch der Frauen auf ein Hauptamt ebenso.

Zur Person

Tanja Zschokke ist am 13. April 1965 in Männedorf geboren und in Rapperswil-Jona aufgewachsen. Sie studierte nach der Matura an der HSR Landschaftsarchitektur und machte sich mit ihrem eigenen Unternehmen selbstständig. Vor zwei Jahren wurde Tanja Zschokke als UGS-Politikerin in den Stadtrat gewählt. Ihre Hobbies sind Gartenarbeit, Wandern, Reisen und Lesen. Tanja Zschokke ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. (ml)

 

 

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