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Ein Crashkurs für den neuen Gemeindepräsidenten

Ein Crashkurs für den neuen Gemeindepräsidenten

Mit einem «Startpaket für Gemeindepolitiker» will die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur neuen Amtsträgern den Einstieg in die kommunale Politik erleichtern.

Südostschweiz
vor 2 Jahren in
Politik
Die HTW Chur will Gemeinden bei der Personalrekrutierung und neuen Amtsträgern beim Einstieg helfen.
ZVG

von Stefanie Studer

In rund der Hälfte aller Schweizer Gemeinden mangelt es an Kandidaten für die Exekutive. Das zeigen die ersten veröffentlichten Zahlen des Schweizer Gemeindemonitorings 2017. Rund 40 Prozent der befragten Kommunen bezeichnen die Besetzung von Exekutivämtern als «schwierig», neun Prozent gar als «sehr schwierig».

Diese gesamtschweizerischen Zahlen decken sich mit jenen in Graubünden, wie Thomas Kollegger, Leiter des kantonalen Amts für Gemeinden, sagt. «Aktuell ist die Situation im Kanton zwar gut, und die Ämter sind weitestgehend vollständig besetzt. Wir stellen aber fest, dass es nicht einfach ist, geeignete Kandidaten zu finden.»

Für Amtsträger und Gemeinden

Die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Chur will nun Hand bieten. Kürzlich hat sie ein «Startpaket für Gemeindepolitiker und Gemeindepolitikerinnen» herausgegeben. Die schwierige Suche nach geeigneten Amtsträgern und Amtsträgerinnen sei Haupttreiber gewesen, den Leitfaden auszuarbeiten, erklärt Ursin Fetz, Leiter des Zentrums für Verwaltungsmanagement an der HTW. Dieses hatte den Leitfaden mit Unterstützung des Schweizerischen Gemeindeverbandes herausgegeben. Zudem wisse man aus Erfahrung, dass sich der Einstieg in das neue anspruchsvolle Amt oftmals als Herausforderung gestalte, so Fetz. Denn in vielen Gemeinden bestehe keine institutionalisierte Amtsübergabe. «Dann hängt die Übernahme stark vom Goodwill des Vorgängers ab.»

Das Startpaket richtet sich einerseits direkt an die neuen Amtsträger. Andererseits kann es den Gemeinden auch als Werbung für offene Ämter dienen, indem der Leitfaden an mögliche Kandidaten abgegeben wird, wie Fetz erklärt.

Grossbestellung aus Zürich

Seit Publikation des 24-seitigen Startpakets wurden fast 2500 Exemplare verkauft. Allein vom Amt für Gemeinden des Kantons Zürich wurden 1500 Exemplare bestellt und an die Gemeinden verteilt. 400 Startpakete bezog der Kanton Thurgau, für den die HTW einen für die Thurgauer Gegebenheiten spezifizierten Anhang ausgearbeitet hatte. Und mehr als 500 Exemplare wurden von einzelnen Gemeinden angefordert – aus anderen Kantonen, aber auch aus Graubünden selbst.

«Die Herausforderung war zu gewährleisten, dass der Leitfaden gesamtschweizerisch genutzt werden kann.» Denn nur schon im Kanton Graubünden selbst bestünden grosse Unterschiede bei den Gemeindestrukturen, meint Fetz.

Von Staatskunde zu den Finanzen

Bei der Ausarbeitung wurden Interviews mit neuen Amtsträgern geführt, aber auch eigene Erfahrungen beigezogen – auch jene von Fetz, der als Gemeinderatspräsident von Domat/Ems selbst in einem kommunalen Amt tätig ist. «Die Rucksäcke der gewählten Behördenmitglieder sind extrem unterschiedlich», weiss Fetz. Defizite bei neuen Amtsträgern seien unter anderem beim Wissen um die politischen Abläufe im juristischen Bereich, aber auch bei den Gemeindefinanzen festgestellt worden.

So widmet sich der Leitfaden verschiedenen Themen: Er vermittelt staatskundliches Basiswissen wie den Aufbau der Gemeinde in die Ebenen Legislative, Exekutive und Verwaltung, aber auch vertiefte Kenntnisse in der strategischen und operativen Steuerung sowie in der Kommunikation in der Gemeinde. «Etwas übertrieben genannt soll der Leitfaden ein Crashkurs sein», sagt Fetz.

Gute Einarbeitung

Einer der jüngst gewählten Gemeindepolitiker ist Rico Tuor, der am 10. Juni zum Gemeindepräsidenten von Medel/Lucmagn bestimmt wurde. «Es gibt sicher Personen, die Hemmungen haben, ein Amt zu übernehmen», meint er. Deshalb sei ein Leitfaden, wie ihn die HTW herausgegeben habe, bestimmt sinnvoll.

Wie er sich selber auf seine neue Aufgabe vorbereite, wisse er noch nicht, meint Tuor. Durch seine frühere Tätigkeit als Gemeinderat von Disentis und als Mitarbeiter des Parc Adula kenne er das Gemeindewesen aber bereits gut. Eine Herausforderung sehe er bei der Einarbeitung in die konkreten Geschäfte der Gemeinde. «Hier ist eine gute Übergabe sicher wichtig», sagt Tuor. Und schliesslich sei auch der Gemeindeschreiber eine zentrale Figur für einen guten Start ins kommunale Amt.

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