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75 Millionen Franken für Bildungsoffensive

Der Kanton St. Gallen will seine Nachwuchskräfte für die digitale Welt fit machen. Dafür plant er Massnahmen auf allen Bildungsstufen – von der Volksschule bis zur Universität. Nach dem Ja des Kantonsrats liegt der Ball beim Volk.

Südostschweiz
Mittwoch, 13. Juni 2018, 04:30 Uhr Bildungsoffensive
«Einzigartig»: Bildungschef Stefan Kölliker wirbt im Kantonsrat für die IT-Bildungsoffensive.
REGINA KÜHNE

Regierungspräsident Stefan Kölliker (SVP) kam gestern im Kantonsrat ins Schwärmen, als er über die IT-Bildungsoffensive debattierte. «Das Projekt ist einzigartig in der Schweiz!», rief er in den Saal. Der sonst nüchtern auftretende Bildungschef warb für die Vorlage in ungewohnt euphorischen Tönen: «In den letzten Jahren ist der Kanton St. Gallen bezüglich IT-Bildung zweifellos in die Defensive geraten, doch nun haben wir die Chance, uns landesweit an die Spitze zu setzen.»

Dies will sich der Kanton einiges kosten lassen: 75 Millionen Franken sollen in den nächsten acht Jahren in ein ganzes Bündel von Massnahmen auf allen Bildungsstufen fliessen. Der Kantonsrat bewilligte gestern in erster Lesung einstimmig einen Sonderkredit – nicht einmal die oft ausgabenkritische SVP fand den Betrag zu hoch.

Es geht auch um Standortpolitik

Das Ziel der IT-Bildungsoffensive ist es, die Nachwuchskräfte auf die digitalisierte Welt vorzubereiten und so den Fachkräftemangel zu lindern. Hinter den Ärzten stünden im Kanton die Informatiker und Programmierer auf Platz zwei und drei der Berufe, die am meisten davon betroffen seien, betonte Kölliker. Der Regierung gehe es dabei auch um Standortpolitik: «Wir wollen gute Bedingungen für wertschöpfungsstarke Firmen schaffen, denn dies bringt uns höhere Steuereinnahmen.» Heute sei die Steuerkraft des Kantons im schweizweiten Vergleich unterdurchschnittlich, rief Kölliker in Erinnerung.

Das vom Kantonsrat gutgeheissene Konzept sieht fünf Handlungsschwerpunkte vor:

• In der Volks- und Mittelschule sollen digitale Unterrichtsformen erprobt und dafür entwickelte Lehrmittel einem Praxistest unterzogen werden.

• In der Berufsbildung ist eine digitale Plattform für branchen- und schulübergreifende Module vorgesehen.

• An den Fachhochschulen plant der Kanton über das Internet ortsungebundene Studiengänge.

• Die Universität St. Gallen soll eine neue Abteilung schaffen, die Informatik und Wirtschaft zusammenbringt. • Zudem soll eine kantonsweite Vernetzungsplattform für Praktikumsplätze aufgebaut werden.

Mehr Geld für Berufsbildung

In der gestrigen Ratsdebatte zeigten sich mehrere Redner erfreut, dass die Regierung gegenüber ihrem ersten Entwurf mehr Mittel für die Berufsbildung vorsieht und dafür etwas weniger in die Forschung an der Universität investieren will. «Die Gelder sollten in erster Linie für praxisorientierte Anwendungen eingesetzt werden», sagte Isabel Schorer (FDP, St. Gallen) als Sprecherin ihrer Fraktion.

Im Namen der SVP warnte Bruno Dudli (Oberbüren) vor einem exzessiven Einsatz von digitalen Mitteln auf der Volksschulstufe. «Auch in Zukunft muss die persönliche Interaktion zwischen Lehrer und Klasse im Mittelpunkt stehen», forderte er. Die Schule dürfe nicht zu einer «digitalen Lernfabrik» werden. Bildungschef Kölliker entgegnete, dass Ängste vor einer übermässigen Digitalisierung des Unterrichts unbegründet seien: «Wir planen keine Spielgruppe 4.0», stellte er klar.

Wenn der Kantonsrat der Vorlage in der Septembersession auch in zweiter Lesung zustimmt, muss die St. Galler Bevölkerung über den 75-Millionen-Kredit befinden. Die Abstimmung ist für den 10. Februar 2019 geplant. Die Massnahmen sollen ab dem Schuljahr 2019/2020 umgesetzt werden.

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