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Allemann macht Schluss – Planspiele um die VCS-Spitze

Mit Evi Allemann tritt die Präsidentin des Verkehrs-Clubs der Schweiz ab – zwei grüne Frauen sind in der Poleposition für die Nachfolge.

Südostschweiz
Mittwoch, 15. November 2017, 04:30 Uhr Wer wird Nachfolgerin?

von Antonio Fumagalli

Der Verkehrs-Club der Schweiz – besser bekannt als VCS – existiert seit 1979 und ist gemäss Eigenwerbung «schweizweit der grösste Verkehrsverband, der sich für eine nachhaltige Mobilität einsetzt». Der bürgerliche Bruder Touring-Club Schweiz (TCS) vereinigt zwar deutlich mehr Mitglieder (1,5 Millionen gegenüber gut 100 000), dennoch ist der VCS über die Jahre hinweg zu einer der gewichtigsten Stimmen in der Verkehrspolitik geworden.

Entsprechend begehrt ist das Amt an dessen Spitze – in den nächsten Monaten dürfte ein Gerangel darum entstehen. Denn wie Recherchen der «Südostschweiz» zeigen, tritt die aktuelle Präsidentin Evi Allemann im nächsten Frühsommer zurück.

Der Regierungsrat ruft

Die SP-Nationalrätin kandidiert für den Berner Regierungsrat, die Wahl findet am 25. März statt. Stand heute hat sie beste Chancen, gewählt zu werden. In Bezug auf ihr VCS-Präsidium macht das allerdings keinen Unterschied – Allemann hat sich entschieden, das Amt so oder so niederzulegen. Bei einer Wahl sei der Fall ohnehin klar, sagt die 39-Jährige. Denn das VCS-Präsidium ist eine (entlöhnte) Teilzeitstelle, das Regierungsratsamt ein Vollzeitjob. Vor allem aber wären Interessenskonflikte programmiert. Doch auch im Falle einer Nichtwahl will sich Allemann beruflich neu orientieren. Aufgrund der SP-internen Amtszeitbeschränkung dürfte sie bei den Nationalratswahlen 2019 nicht noch einmal antreten, höchstwahrscheinlich würde sie ihren Posten schon zuvor räumen.

Fünf Jahre im VCS-Präsidium seien zudem «eine gute Zeitspanne» für einen Wechsel. Sie habe einiges erreicht. Allemann nennt den Rückzug der ÖV-Initiative zugunsten des Bahninfrastrukturfonds oder die Thematisierung des Diesel-Skandals in der Schweiz. Sie hat mit dem verlorenen Abstimmungskampf zur zweiten Gotthardröhre aber auch Rückschläge erlitten.

Kein grünes Frauenduell

Im Hintergrund laufen natürlich schon Gespräche: Wer wird die neue starke Frau oder der neue starke Mann beim VCS? Die politische Vernetzung in Bern ist zentral, ein Amt als Bundesparlamentarier ist es nicht. Alles andere als die Nominierung einer nationalen Legislativpolitikerin wäre allerdings eine grosse Überraschung. Denn mit wem man auch spricht – es fallen immer die gleichen zwei Namen: Lisa Mazzone (Genf) und Regula Rytz (Bern). Beide sind Nationalrätinnen der Grünen, beide sind ausgewiesene Verkehrspolitikerinnen. Die 29-jährige Mazzone engagiert sich auf lokaler Ebene seit Jahren für Veloanliegen, präsidiert die VCS-Sektion Genf und ist seit diesem Jahr Vizepräsidentin des VCS Schweiz. Rytz ihrerseits war als Berner Stadträtin für Verkehrsfragen zuständig, war Präsidentin von Pro Velo Bern und ist seit 2013 Mitglied der nationalrätlichen Verkehrskommission.

Fragt man die beiden Nationalrätinnen direkt an, gibt es die praktisch gleiche Antwort: «Ich schliesse eine Kandidatur als VCS-Präsidentin heute nicht aus. Doch es sind noch viele Fragen offen», sagt Rytz. «Das Amt würde mich durchaus reizen. Noch ist aber offen, ob ich dafür kandidiere», sagt Mazzone.

Rytz’ Überlegungen hängen unter anderem davon ab, ob sie zwei weitere Jahre Grünen-Präsidentin bleiben möchte. Sie wird sich noch im November festlegen. Mazzone wiederum muss Rytz’ Entscheidung abwarten. Ihr junges Alter könnte ihr – als Ausdruck der Erneuerung – zum Vorteil, die mangelnde Vernetzung in der Deutschschweiz zum Nachteil gereichen. In ihrer Partei gilt die Genferin als aufstrebende Hoffnungsträgerin, auffallend oft wird sie mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut. Klar ist: Einen Zweikampf zwischen den beiden Grünen wird es nicht geben.

Kein SP-Personal in Sicht

Da die politische Schnittmenge zwischen dem VCS und linken Parteien am grössten ist, wird traditionell auch das Präsidium entsprechend besetzt. Aus den Reihen der SP drängt sich derzeit kein Verkehrspolitiker auf – Jacques-André Maire (Neuenburg) und Edith Graf-Litscher (Thurgau) schliessen eine Kandidatur aus. Thomas Hardegger (Zürich) und Philipp Hadorn (Solothurn) würden es sich überlegen, wenn sie gefragt würden. Abgesehen von ihrer Mitgliedschaft waren sie beim VCS aber nie aktiv.

Ähnlich tönt es bei Aline Trede (Grüne). Sie trat 2013 gegen Allemann an – und unterlag. 2015 wurde sie aus dem Nationalrat abgewählt. Seither hat sie ihr Leben neu organisiert und nicht zuletzt deshalb kaum erneute Ambitionen aufs VCS-Präsidium. «Die Konstellation müsste so sein, dass ich sicher gewählt würde», sagt sie. Das sei derzeit nicht realistisch.

Wie das Rennen um das einflussreiche Amt ausgehen wird, entscheidet sich am 23. Juni 2018. Dann wählen die VCS-Delegierten aller Voraussicht nach ihren neuen Präsidenten. Oder, viel eher: ihre neue Präsidentin.

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