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Parc-Adula-Nein: «Verdikt eines undemokratischen Vorgehens»

Nur neun von 17 Tessiner und Bündner Gemeinden haben sich für den Parc Adula an der Urne ausgesprochen. Damit scheiterte das Projekt, welches als erste demokratisch legitimierte Nationalparkgründung in die Geschichte hätte eingehen können. Wir haben die Reaktionen der Gewinner und Verlierer.

Südostschweiz
27.11.16 - 17:37 Uhr
Politik

16 Jahre nach den ersten Vorbereitungsarbeiten ist das Nationalparkprojekt rund um das Rheinwaldhorn (Adula) am Sonntag in der Abstimmung gescheitert. «Wir sind enttäuscht vom Resultat», sagte Parc-Adula-Direktor Martin Hilfiker in Mesocco. Einige «Nein»-Voten seien überraschend gekommen – unter anderem das Nein aus Medel.

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Direktor Martin Hilfiker nimmt Stellung vor den Medien. Bild Marco Hartmann

Vor allem das Nein aus der Tessiner Kernzonengemeinde Blenio wog schwer. Die Kernzone des geplanten Parc Adula sollte 145 Quadratkilometer umfassen, wobei 54,5 Quadratkilometer auf Blenio entfielen. Der Artikel 16 der Pärkeverordnung des Bundes schreibt vor, dass die Fläche einer Nationalpark-Kernzone in den Alpen mindestens 100 Quadratkilometer betragen muss. Diese Mindestfläche konnte nun bei Weitem nicht erreicht werden.

13 von 17 Gemeinden hätten für den Parc Adula stimmen müssen – am Ende konnten sich aber nur neun Gemeinden für das Projekt erwärmen. Am deutlichsten gegen das Parkprojekt war stimmte die Gemeinde Vals mit 81 Prozent Nein-Stimmen. Das deutlichste Ja kam aus der Gemeinde Soazza mit 84 Prozent Ja-Stimmen. In absoluten Zahlen haben die Gegner mit lediglich 124 Stimmen Vorsprung gewonnen.

Regionalpark möglich

Das Nationalparkprojekt sei in dieser Form nicht möglich, sagte Fabrizio Keller, Präsident des Vereins Parc Adula, am Sonntag an der Medienkonferenz in Mesocco. Mit den Gemeinden mit relativ grossem Ja-Stimmen-Anteil rund um den San Bernadino könnten nun Gespräche aufgenommen werden, um gegebenenfalls einen Regionalpark zu gründen, so Keller.

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Fabrizio Keller hatte heute nichts zu lachen. Bild Marco Hartmann

Hörbar enttäuscht ist auch Patrick Walser vom Parc-Adula-Team. Im Interview mit RSO-Reporterin Lara Marty versuchte er, das Nein zu erklären. Man müsse dies nun aber akzeptieren:

Patrick Walser zum Abstimmungsergebnis

Auch das Netzwerk Schweizer Pärke zeigt sich in einer Mitteilung enttäuscht und schreibt: «Es ist das erste Mal, dass die Bevölkerung eines Nationalparks über dessen Existenz abgestimmt hat. Dass das Resultat negativ ausgefallen ist, macht die hohen Hürden deutlich, welche der Gesetzgeber an die Legitimation eines Parkprojektes stellt.»

Nun blickt die Vereinigung auf das nächste Projekt. Das Progetto del Parco Nazionale del Locarnese, welches sich vom Lago Maggiore über das Centovalli und das Onsernonetal bis nach Bosco Gurin erstrecken soll. Dieses wird allerdings frühestens Ende 2017 zur Abstimmung kommen.

Auch die Umweltschutzorganisation Pro Natura bedauert in einem Schreiben den Entscheid und sieht darin eine vergebene Chance. «Die öffentliche Diskussion hat aber gezeigt, dass es eine starke und aktive Minderheit gibt, die sich eine naturverträgliche, nachhaltige Entwicklung der Region wünscht», so SP-Nationalrätin Silva Semadeni.

Planung weitere Schritte

Der Parc Adula war ein Vorhaben bislang ungekannten Ausmasses in der Schweiz, wie Parkdirektor Martin Hilfiker im Nachgang zu den Abstimmungen sagte. 17 Gemeinden, fünf Regionen, zwei Kantone und drei Sprachgemeinden hätten beteiligt sein sollen. «Am Ende konnten wir es nicht allen recht machen», so Hilfiker.

Der Verein Parc Adula will nun die angefertigten Studien und Wissensbestände archivieren, um sie den interessierten Gemeinden zur Verfügung zu stellen. Über eine mögliche Auflösung des Vereins soll erst an einer Mitgliederversammlung entschieden werden.

Freude bei den Gegnern

Die Gegner des Parkprojektes zeigen sich natürlich erfreut über den Ausgang des Abstimmungssonntags. Peter Schmid schreibt im Namen des Nein-Komitees: «Man hat während 16 Jahren über die Köpfe der Einheimischen hinweg geplant und zum Schluss versucht, uns Berglern einzureden, wir hätten das so gewollt. Das Verdikt des Volkes legt eindrücklich Zeugnis für dieses undemokratische Vorgehen ab. Es ist für die Region keine Perspektive, in einem Reservat zu leben, wo die Bewohner mit Park-Beiträgen bei Laune gehalten werden.»

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