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Clinton hat Schwein, dass ihr Gegner Trump heisst

Hillary Clintons bester Wahlhelfer ist Donald Trump. Weil der Republikaner alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, fallen ernste Probleme seiner Konkurrentin im Rennen um das US-Präsidentenamt unter den Tisch.

Südostschweiz
Freitag, 19. August 2016, 18:33 Uhr US-Wahlen 2016
E-Mail-Affäre, Vetternwirtschaft, Interessenkonflikte: Die Kandidatin Clinton böte eigentlich viele Angriffsflächen.Bild Carolyn Kaster/Keystone

von Thomas J. Spang

In einem gewöhnlichen Wahljahr stünde Hillary Clintons Wahlkampfzentrale in Flammen. Das FBI übermittelte dem US-Kongress gerade erst die auf dem privaten Server der Demokratin sichergestellte E-Mail-Kommunikation. Selbst wenn diese offiziell vertraulich behandelt werden muss, handelt es sich um potenzielle Munition für die Republikaner im Wahlkampf. Kurz zuvor hatte die konservative Organisation Judical Watch E-Mails veröffentlicht, die Interessenkonflikte zwischen Clintons ehemaliger Rolle als US-Aussenministerin und ihrer gemeinnützigen Clinton Foundation dokumentieren.

Ausserdem veröffentlichten die Clintons ihre Steuererklärung des vergangenen Jahres, die das Power-Ehepaar als Mitglied des 0,1-Prozent-Clubs der Superreichen outeten. Nicht gerade eine überzeugende Position, für eine Kandidatin, die sich als Sprachrohr der kleinen Leute verkauft. Erst recht nicht, nachdem ganz nebenbei herauskam, wie Tochter Chelsea mithilfe eines millionenschweren Freundes der Familie für 9,3 Millionen Dollar eine Wohnung in Manhattan kaufte.

Genug Munition wäre vorhanden

Jede dieser Geschichten für sich würde einem versierten Wahlkämpfer genügend Stoff liefern, um die Präsidentschaftskandidatin massiv unter Druck zu setzen. Das gilt nicht für Donald Trump, der es in den zurückliegenden Wochen schaffte, Hillarys Problemzonen komplett vergessen zu machen.

Statt die E-Mail-Affäre, den Verdacht der Vetternwirtschaft oder Clintons politischen Opportunismus zu thematisieren, lieferte Trump seinen Gegnern eine Steilvorlage nach der anderen. Er legte sich mit den Eltern eines in Irak getöteten Kriegshelden an, suggerierte Waffengewalt gegen eine potenzielle Präsidentin Clinton und behauptete, Präsident Barack Obama sei der Gründer des Islamischen Staates.

Der Rechtspopulist macht Clinton täglich Geschenke. Zuletzt mit der Affäre um seinen Wahlkampfmanager Paul Manafort, der als Berater des pro-ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch 12,7 Millionen Dollar Schwarzgeld erhalten haben soll.

Sie muss sich nur zurücklehnen

Clintons Glück lässt sich messen. Während Trump in den Umfragen derzeit wie ein Stein im Wasser sinkt, steigt die an sich wenig geliebte Kandidatin auf wie die Morgensonne am Himmel. Dafür braucht sie nicht mehr zu tun, als sich zurückzulehnen und die Bühne Trump zu überlassen. Clintons Wahlkampfmanager Robby Mook hält sich eisern an diese Strategie. Warum den Dolch zücken, wenn der Gegner vor laufender Kamera Selbstmord begeht? Statt selber Initiativen vorzustellen oder nach Wegen zu suchen, um Trump anzugreifen, braucht Clintons Wahlkampfteam nur die Bälle ins Tor zu schieben, die der Republikaner ein ums andere Mal auf den Elfmeterpunkt legt.

Analysten sehen in der Berufung Steve Bannons zum neuen starken Mann in Trumps Wahlkampfmannschaft am Mittwoch die Garantie, dass es so weitergehen wird. Der Chef der ganz rechts aussen angesiedelten Breitbart-Medien ist ein Verfechter der verrückten Verschwörungstheorien, denen Spitzenkandidat Trump anhängt, und hat ein äusserst fantasievolles Verhältnis zur Wirklichkeit.

Der Kolumnist Nicholas Kristof zeigt in der «New York Times» treffend auf, warum Clintons E-Mail-Affäre und ihre Interessenkonflikte bisher keine Rolle spielten: Die Flunkereien und Halbwahrheiten der Demokratin, sagt er, bewegten sich auf der Skala unabhängiger Faktenprüfer auf dem Niveau ganz gewöhnlicher Politiker. «Trump würde olympisches Gold verdienen» für seine Irreführungen, Clinton «eine lobende Erwähnung im lokalen Fitnessclub».

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