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«Eine Schweiz 
ohne Ausländer»

«Eine Schweiz 
ohne Ausländer»

Ein Viertel der Schweizer Gesellschaft komme im Programm der SRG gar 
nicht vor, sagt Filmemacher Samir. Und wenn doch, dann meist als Problem

Südostschweiz
vor 5 Jahren in
Politik
Der Schweizer Regisseur Samir tritt meist nur mit seinem Vornamen auf. Bild Keystone

mit Samir 
sprach Robert Ruoff*

Das Thema Service public begleitet den Filmemacher Samir durch sein ganzes Leben in der Schweiz. Und er stellt 
fest: Es braucht wieder mehr ungeschönte Nähe zum Volk.

Samir, hat der Service public der SRG für Ihre Integration eine Rolle gespielt?
Samir:
Seit ich neun war, haben mir Radio und Fernsehen der SRG die Schweiz nach Hause gebracht. Die SRG hatte damals eine einzige, gemeinsame «Tagesschau» für alle Sprachregionen. Es ist schade, dass der Service public keine regelmässige, gemeinsame Sendung mehr hat, die unser Land und unseren Staat abbildet.

In der Deutschschweiz hat die Fernsehdirektion vor 30 Jahren das Schweizerdeutsch als schweizerisches Programmmerkmal gegen die ausländische private Konkurrenz entdeckt. Ist das provinziell oder für Einwanderer auch ein Mittel der Integration?
Tatsächlich lernen die meisten Ausländer oder Nicht-Schweizer am meisten von der Sprache über die Medien und die Arbeit. So gesehen, habe ich damit überhaupt kein Problem. Jedes Volk darf doch seine Sprache verwenden. Das ist sicher ein Mittel der Integration. Aber das Wort «Integration» lässt mich aufspringen.

Warum?
Weil das Wort die Wirklichkeit verdreht. Das Integrationsproblem sind nicht die Eingewanderten. Das Integrationsproblem sind die 30 Prozent der Eingeborenen, also der ewigen «Ur-Schweizer», die noch nicht verstanden haben, dass dieses Land kein Polizist-Wäckerli-Land mehr ist.

Was heisst das?
Die Schweiz ist weltweit an der Spitze der Wettbewerbsfähigkeit, gehört zur Avantgarde der Globalisierung. An den 30 Prozent «Ur-Schweizern», die noch immer in der vergangenen, abgeschotteten Schweiz leben wollen, ist diese Entwicklung vorbeigegangen. Diese Leute müssen die Integration in die globalisierte Gesellschaft noch leisten.

Und die Eingewanderten?
Die sind doch in die globale Gesellschaft voll integriert. Sie haben sich zu uns durchgeschlagen. Wenn sie sich nach ein, zwei Jahren in den Arbeitsprozess integriert haben, bei der Migros einkaufen und Steuern zahlen, dann fühlen die sich integriert. Aber wenn sie immer wieder auf diese Grenze stossen, an der man ihnen sagt: «Du bist doch ein Ausländer», dann ist das ein bisschen mühsam.

Secondos finden Sie in sichtbaren Positionen am ehesten in den Privatsendern.

Wo sehen Sie denn die Ursache?
Wir haben so etwas wie eine stille Apartheid. Offene Apartheid,  wenn Gemeinden in der Schweiz sich freikaufen von der Anwesenheit von «Ausländern», die vor Krieg oder Diktatur zu uns flüchten. Und stille Apartheid, also Ausgrenzung, wenn man den Secondos auch in der dritten Generation das Bürgerrecht noch nicht geben will.

Nun müsste der Service public bei der Integration ja helfen, gemäss SRG-Konzession.
Richtig, und da frage ich mich: Warum gibt es beim Personal des Service public so wenige Menschen, die durch den Namen, die Sprache, die Erscheinung als Eingewanderte erkennbar sind?

Ist das anderswo anders?
Sicher. Bei der BBC und auch in Frankreich. Sogar bei der Zürcher Polizei wird darauf geachtet, dass die Vielfalt der Gesellschaft erkennbar im Korps vertreten ist. Und das englische Fernsehen ist das beste Beispiel dafür, dass ein Gemisch von Menschen aller Farben und Herkunft als Moderatorinnen, Moderatoren und Korrespondenten die Bevölkerung auf eine Weise repräsentieren, dass gar niemand mehr auf die Idee kommt, dass das etwas Besonderes sein könnte. Wenn Sie die Schweizer Service-public-Medien schauen, sehen Sie «white, white, white» – also: durchgehend weiss. Secondos finden sich in sichtbaren Positionen am ehesten in den Privatsendern. Man muss sich fragen, warum das so ist.

Was ist Ihre Antwort?
Die Antwort finden wir im Programm, das uns im Service-public-Fernsehen laufend begegnet. Ich sage nicht, dass ich das nicht mag. Ich schaue zum Beispiel gerne diese Kochsendung …

… Landfrauenküche?
Ja, Unterhaltung und Kochkunst und Tischsitten, möglicherweise noch verbunden mit wirtschaftlichem Erfolg. Es ist genau die Schweiz, die die «Ur-Schweizer» sehen und verewigen wollen. Aber es ist, alles in allem, in dieser ganzen Serie «Bi de Lüüt» und anderen Sendungen dieser Art, vor allem eine geschönte Schweiz. Ein ganzer Teil der schweizerischen Gesellschaft wird ausgeblendet.

War das nicht immer schon ein Teil des Fernsehens, dass es nur einen Teil der Wirklichkeit zeigt?
Wenn ich mir das Schwarz-Weiss-Fernsehen ansehe aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, mit Sendungen wie der «Antenne», bin ich immer wieder erstaunt, wie nahe man an die Wirklichkeit gegangen ist. Man hat nicht nur das Schöne gezeigt, sondern auch das Schwierige und die Härte des Arbeitslebens. Aber in diesem Arbeitsleben machen heute nicht mehr die Schweizer die Knochenarbeit in den Spitälern, bei der Strassenreinigung und in den Fabriken. Vor allem bei den sogenannten «niedrigen Arbeiten» ist «Arbeiter» und «Ausländer» gleichbedeutend geworden.

Sogar bei der Zürcher Polizei wird darauf geachtet, dass die Vielfalt der Gesellschaft erkennbar im Korps vertreten ist.

Und diese Leute sieht man nicht?
Weil diese «arbeitenden Massen» nicht Schweizer sind, werden sie ganz einfach nicht bemerkt. Sie sind politisch nicht repräsentiert, und so kommen sie auch in den Medien nur dann vor, wenn sie als Konsumenten eine interessante Zielgruppe für Werbung sind. Das sind sie vor allem in Gratiszeitungen und in privaten Radio- und TV-Programmen. So gesehen ist die Schweiz im Service public weitgehend eine Schweiz ohne Ausländer. Die «Ur-Schweizer» hingegen mit ihrer Angst vor dem Arbeits- und Aufstiegswillen der Fremden sind politisch durch eine starke Partei vertreten. Und so kommen sie im Programm des Service public ständig vor.

Das würde ja heissen, das Programm des Service public ist von der Politik bestimmt?
Ich sage nicht, dass das zurückzuführen ist auf direkten Einfluss der Parteien und bewusste Anpassung der Medienschaffenden. Aber man kann schon sagen, dass das Hauptprogramm reflexartig von der Politik besetzt wird. Auch zu Fragen, die die Gesellschaft als Ganzes betreffen – Rentenalter, Schule, Asyl, Ausländer – werden selten Menschen mit bestimmten persönlichen Eigenschaften, also Christen, Juden, Muslime, Atheisten, Rentner, Schüler, Lehrer oder gar Ausländer befragt, sondern immer schon SVP, FDP, SP, CVP und so weiter. So gesehen kann man sagen: Das Hauptprogramm ist in der Information von den Parteien besetzt.

Da gibt es aber auch die anderen, sehr erfolgreichen Sendungen wie «Voice of Switzerland»?
Das ist ja gerade interessant. Da, wo das Fernsehen mit realen Menschen zu tun hat, also nicht mit interessierten Experten und parteilichen Politikern, da taucht dann plötzlich das wahre, globalisierte Schweizer Leben auf. Auf einmal sind die Mehrzahl der Schweizer Talente dann Migranten, weil das ihre grösste Chance ist, sich überhaupt einmal bemerkbar zu machen. Das bringt genau zum Ausdruck, dass sie am andern Ort fehlen. Wenn im Programm eine Diskussion über Ausländer stattfindet, gibt es in dieser Diskussion in der Regel keine Migranten und schon gar nicht in einer gleichberechtigten Rolle. Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung erscheint im Service public entweder überhaupt nicht oder in einer untergeordneten Rolle und ausserdem vorwiegend als negatives Problem. Der einzige Ort sind populäre Shows, wo du dann deine aussergewöhnlichen Talente darstellen darfst.

Was müsste sich also ändern?
Der Service public muss partizipativer werden.

Das heisst?
Es heisst zuerst: mehr ungeschönte Nähe zum Volk. Es gab noch in den Achtzigerjahren Sendeformen wie die «Telearena», in der Vertreter gesellschaftlicher Gruppen zu brennenden Fragen zu Wort und zu sehr lebendigen, fast chaotischen Live-Diskussionen kamen. Selbstverständlich protestierten die Parteien, aber der Service public ist ja nicht ihr Privateigentum. Und die Frage ist, warum der Service public seinen Integrationsauftrag nicht auch so versteht, dass er in geeigneter Form dem «Publikum», also Eingeborenen und Eingewanderten, Mikrofon, Kamera oder Internet zur Verfügung stellt, um sich auszudrücken und – unter journalistischer Anleitung – selber zu einer Community, einer Gemeinschaft von Produzenten zu werden. Die Menschen benutzen das Internet ja schon so. Ausländer sowieso.

Und was wäre dann die «Swissness», das Bild der Schweiz im Service public?
Ich sage das jetzt ganz bewusst, auch wegen meiner Herkunft: Die Schweiz ist ein Vorbild, wie man ein Land schafft, das aus verstreuten, unterschiedlichen Kulturen, Eingeborenen und Eingewanderten besteht, und wie man aus Verschiedenheit eine Qualität schafft. Das wünschte ich mir von unserm Service public repräsentiert.

Die Serie «Service public: Die SRG-Debatte» leistet einen Beitrag zur Diskussion über 
den Service public der SRG, die in der Wintersession der Eidgenössischen Räte in die heisse Phase kommt. Der Publizist und Medienkritiker Robert Ruoff spricht für die «Südostschweiz» mit engagierten Köpfen über Stärken und Schwächen und eine mögliche Zukunft des Schweizer Service public. Bereits erschienen sind Interviews mit: Jakob Tanner, Historiker, am 12. November; Ladina Heimgartner, SRG-Geschäftsleitungsmitglied, am 19. November.

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