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Hartnäckig, verbissen – und erfolgreich

Eveline Widmer-Schlumpf hat die Schweiz gespalten wie kein Politiker vor ihr – abgesehen von Christoph Blocher, ihrem grossen Gegenspieler. Von der SVP verstossen, war die Bündnerin im Volk beliebt. Nun tritt sie von der grossen Bühne ab, die sie einst via Hintereingang erklomm.

Südostschweiz
28.10.15 - 21:12 Uhr
Politik

von Dennis Bühler

Der Bundesratssprecher versuchte noch, Eveline Widmer-Schlumpf dazu zu bewegen, das Medienzentrum durch den Hintereingang zu betreten. Ersparen wollte er ihr so den Spiessrutenlauf zwischen Fotografen, Kameramännern und Journalisten hindurch, schützen wollte er sie vor deren Bildern und Fragen, noch bevor die Pressekonferenz begann.

Widmer-Schlumpf aber wählte den Haupteingang, als wollte sie damit ausdrücken, keiner Verantwortung aus dem Weg gehen zu wollen und genau zu wissen, was sie tut: Drei Minuten später erklärte sie ihren Rücktritt auf Ende Jahr; ein Rücktritt als Kontrast zu ihrem Auftritt acht Jahre zuvor.

Eigensinnige «Königsmörderin»

Am 12. Dezember 2007 betrat sie die nationale Ebene durch die Hintertür, vom Parlament überraschend gewählt, während sie im Zug gerade dem Zürichsee entlang fuhr. Nach 20-stündiger
Bedenkzeit erklärte sie Annahme der Wahl. Für ihre damalige Partei, die SVP, war sie die «Verräterin», die Christoph Blocher gestürzt hatte, eine eigensinnige «Königsmörderin». Entsprechend hart waren die ersten Monate im Amt. In ihrem Briefkasten im bündnerischen Felsberg fand sie ihre eigene Todesanzeige. Vandalen sprayten die Zahl «187» auf das Garagentor, die Nummer, die im kalifornischen Strafgesetzbuch für Mord steht. Die SVP, die sie und die gesamte Bündner Fraktion bald aus der Partei ausschloss, brachte ihr totale Verachtung entgegen. Diese habe dazu geführt, dass sie im ersten halben Jahr nicht ganz sie selbst gewesen sei, sagte Widmer-Schlumpf mal in einem Interview. «Erst ab Sommer 2008 hatte ich wieder Boden unter den Füssen.»

Je gehässiger ihr feindlich gesinnte Politiker über sie sprachen, desto mehr Unterstützung erfuhr sie in der Bevölkerung. Im April 2008 ermutigten sie auf dem Bundesplatz 12 000 Personen mit Transparenten und Sprechchören zum Durchhalten, als die SVP sie mittels Ultimatum zum Austritt aus der Partei bewegen wollte. Ein paar Monate später wählte das TV-Publikum die nun der neugegründeten BDP angehörende Politikerin zur «Schweizerin des Jahres».

Als Justizministerin machte Widmer-Schlumpf in den ersten drei Jahren ihrer achtjährigen Regentschaft keine allzu gute Falle. Empörung löste sie etwa 2009 aus, als sie Tanten und Grossmütter zwingen wollte, Bewilligungen fürs Kinderhüten einzuholen und Kurse zu besuchen, bei Bussandrohung von bis zu 5000 Franken. Gleichzeitig tauschte sie im damaligen Bundesamt für Migration derart viel Spitzenpersonal aus, dass die versuchte Reorganisation zur Korrektur der blocherschen Politik nicht gelingen konnte. Erst ihre Nachfolgerin als Justizministerin, Simonetta Sommaruga, trieb diesen Prozess vorwärts – indem sie Widmer-Schlumpfs Reform zu einem guten Teil rückgängig machte.

Kundige Finanzministerin

Hans-Rudolf Merz’ Herzinfarkt war das Ereignis, das Widmer-Schlumpf neues Leben einhauchte, die Finanzkrise jenes, das ihr erlaubte, Profil zu entwickeln. Als Stellvertreterin des erkrankten FDP-Magistraten übernahm sie das Finanzdepartement 2008 über Nacht und rettete die bankrotte Grossbank UBS mit einer Pflichtwandelanleihe durch den Bund und der Übernahme ihrer Schrottpapiere durch die Nationalbank. Zwei Jahre später ergriff sie die Gelegenheit und wechselte ganz ins Finanzdepartement. Hier, unter Bergen von Zahlen und Akten, fühlte sie sich wohl. Und auch die inhaltliche Kritik an ihrer Arbeit verstummte weitgehend. Als Finanzministerin war die BDP-Bundesrätin mehr als bloss die Frau, die Christoph Blocher aus dem Bundesrat geworfen hatte. Nicht einmal ihre ärgsten Widersacher warfen ihr jetzt noch mangelnde Kompetenz vor.

Widmer-Schlumpf verbiss sich mit einer Hartnäckigkeit in ihre Dossiers, die ihresgleichen suchte. Nicht selten verstand sie die teils hochkomplexen Geschäfte besser als ihre Chefbeamten – Zeugnis ihrer Intelligenz, aber auch ihres Fleisses. Legendär sind Erzählungen, wie sie mit dem Rotstift noch auf der letzten Seite eines Gutachtens Kommafehler korrigiert haben soll.

Eine geborene Kommunikatorin hingegen war die Tochter von alt Bundesrat Leon Schlumpf nur schon deshalb nicht, weil sie ihr Publikum oftmals mit ihrer Fachkenntnis und ihrem Tempo überforderte. Und so wird man sich an Widmer-Schlumpf nicht wegen ihres Unterhaltungsfaktors erinnern, sondern wegen ihrer Beharrlichkeit, mit der sie Reformen durchzog, von denen sie überzeugt war oder die sie auch nur als unausweichlich erachtete. «Unter den Entwicklungen, die uns nicht gefallen, gibt es solche, die wir beeinflussen können, und andere, die wir einfach akzeptieren müssen», sagte sie zuletzt an ihrer 1.-August-Rede im baselbieterischen Titterten. Es war ihr Mantra: Widmer-Schlumpf verwies gerne auf internationalen Druck, wenn sie dazu ansetzte, den Schweizer Finanzplatz umzukrempeln. Und das tat sie stärker als je ein Finanzminister vor ihr.

Geordneter Rückzug

Als das Bankgeheimnis nach der Finanzkrise immer stärker unter Druck geriet, entschied sich Widmer-Schlumpf für den geordneten Rückzug. Schritt für Schritt weichte sie es für Kunden aus dem Ausland auf. Als sie im Mai dieses Jahres schliesslich den automatischen Informationsaustausch ankündigte, protestierte selbst die SVP nur noch leise.

Es war der vielleicht grösste Triumph Widmer-Schlumpfs: Nach Jahren schossen Politiker, die sie hassten wie der Teufel das Weihwasser, kaum mehr auf sie. Wohl wollten diese sie noch immer aus dem Bundesrat verbannt sehen, aber nur noch, weil sie der SVP vor der Sonne stand, nicht mehr unbedingt, weil sie Widmer-Schlumpf hiess. In diesem Wissen konnte sie die Bühne für ihre Rücktrittsankündigung gestern getrost via Haupteingang betreten.

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