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Ein umstrittener Wanderprediger

Der um­strit­te­ne His­to­ri­ker Da­nie­le Gan­ser tritt im Ho­tel «Bünd­te» in Je­nins auf – und das Pu­bli­kum liegt ihm zu Füs­sen. Er ist ein Wan­der­pre­di­ger, der mit al­len Was­sern ge­wa­schen ist. Auch mit trü­ben.

Südostschweiz
Sonntag, 19. März 2017, 19:00 Uhr Daniele Ganser in Graubünden
Daniele Ganser hat in Jenins zum Vortrag geladen. Archivbild

von Pierina Hassler

Volles Haus am Mittwochabend im Hotel «Bündte» in Jenins. Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser hält einen Vortrag zur Weltpolitik der USA. Das Publikum, das sich an diesem schönen Frühlingsabend in der Herrschaft versammelt hat, besteht aus auffällig vielen jungen Männern. In der Pause sagen sie später, der Ganser mache Lust auf Geschichtslektionen. Aus Frauen in den Vierzigern mit geschmackvollen Deux Pièce und aus Mittfünfzigern mit elegant geschnittenen Anzügen. Auf jeden Fall eine interessante Mischung, die Ganser anzieht.

Die Tafel ist angerichtet

Bevor Ganser mit seinem Vortrag beginnt, schaltet Organisator Aquapresén live auf der Bühne noch ein paar Werbeminuten. Die Firma aus Sevelen (St. Gallen), stellt Naturkosmetika aus «aktiviertem» Wasser her. Gegen Fussgeruch, zum Gurgeln, einreiben. Für Mensch, Hund und Katze, heisst es. Und natürlich gibts für die Zuschauer Müsterli.

Von der Kosmetika zur Politik, zu Gaddafi, zu Erdöl, zu Gold, zu den bösen Medien – Aquapresén-Moderatorin Elke Capilari versteht das Handwerk: Die reich gedeckte Tafel ist angerichtet, das Publikum in Stimmung gebracht. Daniele Ganser hat freie Fahrt.

Charmant, witzig, eloquent

Der Wilhelm Tell unter den Historikern – so nennt ihn Organisator Aquapresén, betritt die Bühne. Attraktiv, eloquent, charmant, witzig. «Siehst du, das ist der aus der ‘Arena’», flüstert eine Frau zu ihrer Kollegin. «Ich wollte den unbedingt mal live sehen.»

Stimmt, es ist der Mann aus der «Arena». In der SRF-Sendung vom 24. Februar zum Thema «Trumps Krieg» zeigte Moderator Jonas Projer dem Publikum eine E-Mail. Geschrieben hatte sie Daniele Ganser. Adressiert an die SRF-Sendung «Einstein», welche im Januar über Verschwörungstheorien berichtet hatte. Ganser war ein Thema, weil er die gängige Theorie zum Einsturz des World Trade Centers vom 11. September 2001 im New Yorker Stadtteil Manhatten anzweifelt. Ganser schrieb nach der Sendung auf Facebook, er habe jetzt live erlebt, wie die Presse funktioniere.

Das Wort «Lügenpresse» nimmt Ganser übrigens während seines Vortrags nicht in den Mund. Aber eins steht trotzdem ganz zu Beginn seiner Präsentation schon fest: Was das Publikum vereint, ist ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber den Medien. Und Ganser weiss, wie man dieses Misstrauen befeuert. Er zählt sogenannte Fake News auf und lässt sich dafür von den Leuten beklatschen. «Ich glaube denen sowieso nichts mehr», sagt ein Mann in der Pause. Mit «denen» meint er Zeitungen, Radio, Fernsehen.

«Obama hat keinen Friedensnobelpreis verdient, er ist ein Kriegsverbrecher.»

Aber seine Frau weiss jetzt genau, was ein Imperium ist. Ganser hat dies zuvor in epischer Länge erklärt. «Ich werde Amerika auf keinen Fall mehr Supermacht nennen», sagt sie. «Mit super meint man etwas Gutes, und die USA sind nicht gut. Die zetteln Kriege an.» Naja, so ganz hat sie Gansers Worte womöglich nicht verstanden. Aber etwas ist haften geblieben.

Gansers Vortrag über «die Weltpolitik der USA, gestern und heute» dauert gute zweieinhalb Stunden. Spannende zweieinhalb Stunden, findet das Publikum. Im Saal ist es vielen Leuten heiss geworden. Männer ziehen ihre Vestons aus. Frauen entledigen sich ihrer Seidenschals und der Deux-Pièce-Jacke. Ganser spricht und spricht … und auf sämtlichen der rund 200 Folien seiner Präsentation ist sein aktuelles Buch «Illegale Kriege» abgebildet. Am Schluss des Abends werden sich die Leute auf das Buch stürzen. Ein guter Redner, ein guter Geschäftsmann – daran gibt es nichts zu rütteln.

Das Publikum applaudiert

Ganser redet über das weltweite Kriegsverbot, das seit der Gründung der UNO gelte. Es gebe nur zwei Ausnahmen: Selbstverteidigung oder ein Mandat des UNO-Sicherheitsrats. Die Realität sei jedoch eine ganz andere, so Ganser. In der Vergangenheit und in der Gegenwart würden illegale Kriege geführt. «Es zeigt, wie die Regeln der UNO und vor allem das Kriegsverbot gezielt sabotiert wurden und welch unrühmliche Rolle hierbei die Länder der Nato spielen.»

Zwischendurch streut Ganser Sätze ein wie «Obama hat keinen Friedensnobelpreis verdient, er ist ein Kriegsverbrecher». Das Publikum applaudiert. Er weist darauf hin, dass die deutsche «Bild»-Zeitung Nato-konform sei. «Wenn die Nato einen Krieg führt, können Sie davon ausgehen, dass ‘Bild’ diesen Krieg lobt.» Das Publikum applaudiert. Selbstverständlich gebe er der Internetplattform «Russia Today» ein Interview zu seinem Buch. «Russland stand der Nato immer kritisch gegenüber.» Das Publikum applaudiert.

Vom Publikum geliebt

In der Wissenschaft sind Gansers Thesen nicht mehrheitsfähig. Dem Publikum im Saal des Hotels «Bündte» ist dies ziemlich egal. Der Wanderprediger wird weiterziehen. In ein nächstes Dorf, in eine andere Stadt, nach Deutschland und Österreich. Ganser heizt die Stimmung gegen die Medien an. Natürlich gehe es ihm um die Wahrheit, sagt er. Das Publikum liebt ihn für seine Wahrheit. Immerhin hat es an der Vorkasse 49 Franken und an der Abendkasse sogar 59 Franken dafür bezahlt.

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Diesen Leserbrief von Anita Ott finde ich nicht mehr in der SO-online (infolge "relaunch" offenbar gelöscht), deshalb sei das Original hier wiedergegeben:
Leserbrief
17.03.2017 - 10:57 Uhr
Die Medien mögen keine Medienkritiker
Ott Anita, Bonaduz
Wie Daniele Ganser im Bericht der SO als selbstherrlicher "sunny boy" dargestellt wird, ist gerade ein perfektes Beispiel der Macht der Medien. Wagt jemand die Berichterstattung der Medien zu hinterfragen, wird er ganz einfach als lächerlich, unglaubwürdig und unwissenschaftlich degradiert.
In der Wissenschaft sollen Gansers Thesen nicht mehrheitsfähig sein? Im Ernst? Gut, dann glauben wir lieber der damaligen front page story, wie man den Pass eines der Terroristen in den Strassen von New York gefunden hat. Vielleicht kann uns Pierina Hassler von der SO dazu eine wissenschaftliche Erklärung abgeben, anstatt die gute Arbeit eines Historikers in den Dreck zu ziehen.

Ich las die ganze Seite 5, und ich finde, Pierina Hassler (und die den Abdruck wohl verantwortende Chefredaktorin Martina Fehr bzw. Verleger Hanspeter Lebrument, oder?) macht in ihrem Artikel das, was sie dem Historiker vorwirft: Behauptungen (insbesondere negative) aufstellen, die sie nicht belegt.
1) Jedenfalls sah ich keine Quellenangabe dafür, dass Dr. Daniele Ganser "ein Wanderprediger" ist (für meinen Geschmack klingt das sektenhaft), "mit allen Wassern gewaschen. Auch mit trüben."
2) Hingegen die Äusserungen von Ganser erlebe ich nicht als Behauptungen, sondern als Fragen.
Grundsätzlich traurig finde ich die quasi "Schubumkehr" seit Woodward/Bernstein: Zivilcourage wird durch Medien oft nicht gefördert sondern verfemt, so sehe ich es jedenfalls.
Quasi die "Vorlagen":
Sarah Serafini in der SO 4.3.2017 (Seite 29)
und srf.ch in der Sendung "Arena":
https://www.youtube.com/watch?v=DtAz1NEAS08#t=27m28s
Pierina Hassler:
"(...) ein guter Geschäftsmann" (...)
"Das Publikum liebt ihn für seine Wahrheit. Immerhin hat es an der Vorkasse 49 Franken und an der Abendkasse sogar 59 Franken dafür bezahlt."
Soll das heissen, dass dieser Mann auch noch Profit aus seinen "auch trüben Wassern" abzocken will?
Es mag sich jeder Somedia-Kunde fragen, wie viele Franken er jedes Jahr bezahlt "für Wasser" aus diesem Monopol... äh Medien-hause.
Hingegen ich sehe ihn tatsächlich als "Wilhelm Tell unter den Historikern": zuerst war er beim "Establishment" ein "Star", dann opferte er seine Karriere an der ETHZ und wurde später auch an der Uni Basel quasi abgeschoben. Welcher Journalist hätte dieses Schicksal (auch finanzexistenziell) auf sich genommen (beispielsweise vor dem 12.2.2017):
Im churermagazin.ch März 2017 schreibt Stefan Bühler:
"...dass die Medienschaffenden der Südostschweiz im Vorfeld der Olympia-Abstimmung nichts, aber auch gar nichts gegen diese Vorlage schreiben durften. Dass die Mehrheit der Redaktion dagegen war, ist in diesem Zusammenhang nicht relevant. Es heisst ja, Journalisten seien die Vierte Macht im Staate. Damit sie machen, was der Brötligeber von ihnen erwartet. Es war schon immer so, dass die Weisungen eines Politbüros über der freien Meinungsbildung standen."
Wir alle, jeder Mensch muss vor seinem Gewissen selbst entscheiden, welchem Absender (wenn alle senden dürfen) er vertraut (das war bei den Native Americans nicht anders, Beispiel Buch von Dee Brown "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses").
Gibt es edlere Ziele als folgende:
"Nach Eigenangaben befasst sich die SIPER AG unter anderem mit Staatsterrorismus und Kriegspropaganda. Als ihre Ziele nennt sie eine gänzlich regenerative Energieversorgung und gewaltfreie Konfliktlösungen." – schreibt "sogar" Wikipedia.
Kinofilm:
https://www.youtube.com/watch?v=89TQ4T-TuLU
Ich finde, Demokratie bzw. das Leben sollte mehr sein als "Konsumrausch und die Verantwortung 'regressiv Mami und Papi' oder den Royals oder den Politikern oder einigen Verlegern zu überlassen).

Es ist wirklich sehr interessant, dass hier ein gesamter Artikel veröffentlicht wird, der Ganser als "Wanderprediger" diskreditiert, ihm Hetze vorwirft und wirtschaftliche Interessen unterstellt, ohne jemals auch nur einen inhaltlichen Punkt seiner Reden widerlegt, geschweige denn aufgegriffen zu haben.
Sie machen es sich wirklich sehr sehr einfach, Frau Hassler. Könnte es vielleicht daran liegen, dass Sie seine Argumentation gar nicht widerlegen können? Ach, und apropos wirtschaftliche Interessen - Sie arbeiten also kostenlos und aus reiner Nächstenliebe? Wer zahlt denn Ihre Miete?

Dieser Artikel trägt sehr viel Subtext mit sich.

Beim Wort Prediger schwingt Religiosität und Doktrin mit. Dies ist fehl am Platz, da ein Prediger die eine Wahrheit verkünden möchte, wohingegen Daniele Ganser für einen breit positionierten Medienkonsum eintritt und wissenschaftliche, rationale Ansätze hat.

Ist es denn dermassen verwerflich, dass der sogenannte "Wanderprediger" Geld mit den Themen, mit denen er sich auseinandersetzt, verdienen möchte? Auch er hat eine Familie zu ernähren und als selbstständiger Historiker kann er sich nicht auf ein festes Salär von einem Arbeitgeber verlassen. Was spricht dann dagegen Vorträge mit seiner Perspektive der Dinge zu halten und von Interessierten dafür ein Entgeld zu verlangen?
Auf YouTube sind viele seiner Vorträge ich voller Länge einsehbar, wenn er also nur aus kommerziellen Gründen gegen etablierte Medien hetzen würde, wieso stehen diese dann der breiten Masse zur Verfügung?

"Natürlich gehe es ihm um die Wahrheit, sagt er"
Blanker Zynismus ohne Substanz, ich hätte mich über inhaltliche Kritik und Auseinandersetzung gefreut, doch da kam leider nichts. An allem ist zu zweifeln, sowohl an Daniele Ganser wie auch an jeglichen Medien.

Wenn man diesen Artikel gelesen hat, bekommt man dein Eindruck, Zweifel sei ein Laster. Mit stumpfen Stammtisch-Phrasen à la "denen glaub ich nichts mehr" werden die Zuschauer dieser Vorträge diskreditiert und eine differenzierte Betrachtungsweise wird vorweggenommen.

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