×

Das Chamäleon im Schulheim und die starken Männer

Das Chamäleon mit dem Namen Couleur ist stets dabei, am Mittwochnachmittag in der Turnhalle im Schulheim Chur. Im Rahmen eines Trainingsangebots der GKB Sportkids Specials sammeln fünf Knaben mit einer geistigen Behinderung vielfältige Bewegungserfahrungen. Die Freude ist spürbar, die Fortschritte Ende Trainingsjahr deutlich.

Südostschweiz
Sonntag, 26. Juni 2016, 10:11 Uhr GKB Sportkids Specials
Beim Brückenfangis dürfen sich die Kinder zu Beginn nur kriechend fortbewegen. Bild Marco Hartmann

Schulheim Chur, später Mittwochnachmittag: Bänkli unterteilen die Turnhalle. Die eine Hallenhälfte ist leer, in der anderen hat Leiterin Elvira Hitz kurz zuvor mit Matten eine schiefe Ebene gebildet. In der Hallenecke stehen Bidons, die fünf Knaben sitzen im Kreis zusammen. Hitz hat Linus unter ihre Fittiche genommen. Die Muskelkraft fehlt ihm, er kann nicht selbstständig sitzen. Hitz‘ Leiterkollege Mischa Tscharner erklärt, was heute auf dem Programm steht.

Maskottchen und Trainingsleiter

Dies macht Tscharner anhand von kleinen Bildern, die auf einer Holztafel in Chamäleonform befestigt sind. Das Chamäleon ist so etwas wie der Trainingskollege und Glücksbringer der kleinen Gruppe und auch als Stofftier vor Ort. Couleur heisst es, entsprechend seinen wechselnden Farben. Wie Couleur bleibt auch Joel still, er scheint noch nicht sonderlich am Programm interessiert. Der Knabe mit dem Down Syndrom sitzt mit überkreuzten und ineinander verschlungenen Beinen auf dem Boden, dass jeder Yogi vor Neid erblassen würde.

Mit etwas Unterstützung finden die Knaben heraus, was sie tun sollen: Brückenfangis. Wer gefangen wird, stützt sich auf Händen und Füssen auf, sodass ein anderes Kind unter ihm hindurchkriechen und es erlösen kann. Zu Beginn sollen die Kinder als Fortbewegungsart nur kriechen. Mauro ist glücklich darüber, denn «rennen geht heute nicht», wie er erklärt. Viel zu müde sei er. Später rennen sie doch. Mauro auch, ohne zu murren.

.
Ob Kopfstand oder Purzelbaum auf der weichen Matte – alle sind mit viel Eifer dabei. Bild Marco Hartmann

 

Auch Fabio erwischt’s einmal. Aber Fänger sein möchte er auf keinen Fall. Er wird laut, wehrt sich, wendet sich ab. Tscharner nimmt ihn bei der Hand, und weil Fabio das rote Fängershirt partout nicht anziehen will, halten sie es in der Hand, und gemeinsam machen sie sich auf den Weg. Fabio trägt eine Brille und ein Hörgerät. Dass Tscharner ihm zeigt, wen er fangen soll, hilft ihm. Fabio taut immer mehr auf. Später, als das Stoffchamäleon Couleur die Kinder auf die Matte zum Rollen mitnimmt, juchzt Fabio und kann fast nicht mehr aufhören, einen Purzelbaum an den anderen zu reihen. «Luag, was i kann», sagt er zu Trainingsleiter Tscharner und zieht ihn an der Hand. Joel sitzt derweil auf dem Boden, hält Couleur in der Hand. Ob Couleur denn nicht auch gerne Purzellbäume mache? Joel steht auf und geht zur Matte. Geht doch ganz gut, das Rollen auf der schiefen Ebene.

Schritt für Schritt

Dass die Kinder immer häufiger von sich aus Bewegungen ausprobieren und zeigen wollen, was sie können, sei wohl der grösste Fortschritt, sind sich Tscharner und Hitz einig. Anfänglich seien sie sehr zurückhaltend gewesen, jetzt würden sie regelrecht aufblühen.

Trainingsangebote für Jugendliche und Erwachsene mit einer geistigen Behinderung seien da und dort zu finden, erklärt Hitz, «Bewegungsangebote für Kinder mit einer geistigen Behinderung dagegen gibt es fast keine.» Im Rahmen der National Winter Games, den Winterspielen für Menschen mit einer geistigen Behinderung von Anfang März in Chur, sei dieses Angebot im Schulheim Chur entstanden. Auf Initiative von Special Olympics Switzerland habe Graubünden Sport dieses Angebot lanciert. Und es werde weitergeführt, so Hitz.

Ins Rollen gebracht

Trainingsangebote der GKB Sportkids, denen die Gruppe im Schulheim angegliedert ist, gibt es bereits seit zwölf Jahren. Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren sollen in zwei Trainings pro Woche vielfältige Bewegungserfahrungen sammeln und in Schnuppertrainings Sportarten der ortsansässigen Vereine kennenlernen. Für die Kinder im Schulheim wurden die Rahmenbedingungen etwas angepasst: die Altersspanne reicht von fünf bis acht Jahren, das Training findet einmal pro Woche statt. Schnuppertrainings gibt es auch, erklärt Hitz. «Dank dieses 'Schnupperns' komme ich in Kontakt mit anderen Vereinen und versuche sie so auf die Integration von Kindern mit einer geistigen Behinderung zu sensibilisieren. Das ist auch ein Ziel von uns: Den Stein ins Rollen bringen, mit vielen Vereinen Kontakt haben und ihnen zeigen, wie sie Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung in ihren Trainings integrieren können.» Das könne nämlich unheimlich bereichernd sein, fügt sie an, die langjährige Erfahrung im heilpädagogischen Unterrichten hat.

Nicht ganz verstanden

Hitz, die unmittelbar nach dem Sportlehrerstudium am Schulheim Chur zu unterrichten begonnen hatte, sei oft gefragt worden, ob der Unterricht mit behinderten Kindern nicht anstrengend sei. «Ich habe diese Frage nie richtig verstanden», sagt sie. «Diese Kinder und Jugendlichen sind so erfrischend echt und ehrlich. Begegnungen mit ihnen würden manchem von uns guttun.» Und was sie sich wünscht: Eine bessere Integration ins gesellschaftliche Leben. Dass das Schulheim am Rand der Stadt platziert worden sei, findet sie schade. «Viel schöner wäre doch, wir würden diese Kinder und Jugendlichen näher beim Stadtzentrum und näher bei unserem Leben haben».

.
Die Kinder zeigen immer mehr Freude an der Bewegung; Unterstützung erhalten sie vom Chamäleon im Hintergrund. Bild Marco Hartmann

 

Klar ist: Sie wird weiterhin als Trainingsleiterin der GKB Sportkids Specials im Einsatz sein. Dass sie mit ihrem heilpädagogischen Hintergrund und Leiterkollege Tscharner als Physiotherapeut eine grosse Erfahrung mitbringen, ist ihr bewusst. «Aber jeden, der sich in diesem Bereich engagieren möchte, ein grosses Herz und Flexibilität mitbringt, den wird die Arbeit mit solchen Menschen unheimlich bereichern», ist sie überzeugt.

Die Lektion in der Turnhalle ist schon lange zu Ende. Bevor die fünf Knaben entlassen werden, müssen sie beim Aufräumen helfen. «Und das ist wie ein Geschenk», erklärt Tscharner. «Denn das können nur starke Männer.» Die Knaben packen beherzt an, das Chamäleon liegt auf einem Schwedenkasten und schaut zu. Es scheint zufrieden zu sein. (sz)

 

Weitere Informationen zu den Trainings unter www.gkb-sportkids.ch. Anmeldungen für das neue Trainingsjahr können online bis am 30. Juni vorgenommen werden.

Kommentar schreiben

Kommentar senden