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Fehr: «Ich will eine starke Regionalzeitung machen»

Ab heute leitet Martina Fehr als Chefredaktorin den Kurs der «Südostschweiz». Im Interview spricht sie darüber, was sie mit der Zeitung plant, über ihre Ansprüche – und darüber, was die Leserinnen und Leser vom Relaunch der «Südostschweiz» halten.

Südostschweiz
Dienstag, 01. September 2015, 07:48 Uhr Chur
Die Chefin: Seit Dienstag leitet Martina Fehr die Redaktion der «Südostschweiz». Bild Yanik Bürkli

mit Martina Fehr sprach Olivier Berger

Ab heute hat die Redaktion der «Südostschweiz» eine Chefin. Martina Fehr will als Chefredaktorin eine starke Regionalzeitung machen. Richten will sie sich nach den Leserinnen und Lesern. Und sie will auch selber zur Feder greifen.

Martina Fehr, ab heute leiten Sie die Redaktion der «Südostschweiz». Wird für die Leserinnen und Leser alles anders?
MARTINA FEHR: Nein. Die «Südostschweiz» hat gerade einen grossen Relaunch mit einem vollkommen neuen Konzept hiner sich. Das läuft jetzt seit einem halben Jahr. Es kann natürlich nicht die Idee sein, das jetzt alles über den Haufen zu werfen. Natürlich sind wir immer an gewissen Sachen dran, man muss immer ein wenig justieren. Ein Relaunch heisst nicht, dass man danach 20 Jahre schlafen kann.

Wohin soll die «Südostschweiz» unter Ihrer Leitung denn steuern? Kommt jetzt der grosse Angriff auf den nationalen Markt?
Es gibt zwei Aspekte. Der eine ist: Wie gehen wir mit der Digitalisierung um. Wie können wir Inhalte ergänzend und interaktiv präsentieren. Dabei müssen wir uns auch fragen, wer unsere Zielgruppe ist, was die Leserinnen und Leser wollen. Die Zeitung selber wird ja immer mehr zum Luxusprodukt. Der zweite Aspekt ist unsere Kernkompetenz, die Region. Wir leben hier, wir sind Teil dieser Gesellschaft, wir sollten die Region und ihre Menschen verstehen. Das soll sich auch in der Zeitung widerspiegeln. Mein Anspruch ist deshalb in erster Linie, eine starke Regionalzeitung zu machen.

Sie haben lange Zeit Radio Grischa, das heutige Radio Südostschweiz, geleitet. Beeinflusst das Ihre Herangehensweise an die Zeitung?
Das ist noch schwierig zu sagen. Radio ist unvorstellbar schnell. Man hat dort einen ganz anderen Umgang mit Aussagen von Interviewten, das ist alles sehr auf den Punkt gebracht. Andererseits haben mir verschiedene Leute auch schon gesagt, dass mir das bei der Zeitung durchaus zugute kommen kann. In meiner Brust schlägt aber auch das Herz einer Historikerin, und das freut sich, jetzt auch einmal Hintergründe recherchieren zu können, mehr Platz und Zeit zu haben. Die Zeitung hat eine ganz andere Aufmerksamkeit als das Radio; umgekehrt ist es auch weniger flüchtig. Was drin steht, steht drin, das ist nicht gehört und bald wieder vergessen.

Das neue Medienhaus in Chur ist auf konvergentes Arbeiten ausgerichtet; Sie selber kommen vom Radio zur Zeitung. Wie sieht die Konvergenz von Martina Fehr aus?
Konvergenz ist inzwischen ja schon fast ein Schimpfwort geworden (lacht). Ich spreche deshalb lieber von multimedialen Inhalten. Darauf haben wir uns ja auch mit der neuen Medienmarke ausgerichtet, die Zeitung, Online, Radio und Fernsehen vereint. Der Unterschied zu früher ist, dass man heute multimedialer denken muss. Wir müssen uns immer fragen, wie wir mit den Möglichkeiten unserer Medien dem Konsumenten und der Konsumentin einen Mehrwert bieten können. Klar ist, dass wir unseren Online-Auftritt noch verbessern müssen. Da sind wir noch nicht sehr weit.

Das neue Konzept der «Südostschweiz» sieht – grob gesehen vor –, dass tagesaktuelle News im Internet stattfinden und die Zeitung dann eine Vertiefung bietet. Funktioniert das, oder ist das bloss ein Sandkastenspiel von Experten im Medienhaus?
Im Grundsatz funktioniert das System so gut, es wird auch akzeptiert. Natürlich sind noch Anpassungen nötig. Online muss vermehrt eigene Inhalte liefern und zu einem eigenständigen Medium werden. Grundsätzlich ist Online das perfekte Medium für Konvergenz, weil man hier Schrift, Sprache und bewegte Bilder zusammenführen kann. Natürlich müssen wir jetzt ausprobieren, was funktioniert und womit wir das Publikum abholen können. Das ist ein spannender Prozess, in dem alle Medienhäuser stecken. Letztlich ist für mich die Kundschaft ideal. Es bringt nichts, eine Zeitung zu machen, welche die Journalisten selber cool finden, aber keiner will sie kaufen.

Genau das sagen Kritiker über die neu konzipierte «Südostschweiz».
Die Kritiker mögen das so sehen – die Mehrheit der Leserschaft tut es nicht. Wir haben im Juni eine repräsentative Umfrage durchführen lassen. Wir wussten ja nicht, ob sich die Leserinnen und Leser nicht getrauen, uns zu sagen, dass sie den Relaunch vollkommenen Quatsch finden oder umgekehrt, ob wir nur die kritischen Stimmen hören. Das Resultat ist klar. Bei zwei Dritteln der Leserschaft kommt das neue Konzept sehr gut an. Das Unternehmen, das die Umfrage für uns gemacht hat, spricht von einem ungewöhnlich hohen Wert an Zustimmung. Es wird in der Umfrage zudem deutlich, dass für die Leserinnen und Leser die Region im Vordergrund steht.

Keinerlei Kritik? Auch nicht an der farbigen Frontseite?
Doch, die Frontseite ist nicht überall gut angekommen. Offenbar ist es uns nicht gelungen, das Konzept zu erklären. Es ist ja nicht so, dass wir einfach Freude an knalligen Farben haben und die wahllos platzieren. Die Frontseite ist ja Teil eines Systems, das die Leserschaft durchs Blatt führen soll. Offenbar haben wir das zu wenig klar erklärt, das müssen wir nachholen. Abschaffen werde ich das Kachelsystem aber nicht (lacht).

Und die grossen Bilder? Die auch nicht?
Nein, auch die nicht. Mit dem neuen Konzept hat die «Südostschweiz» auch eine neue Bildsprache erhalten. Die Bilder haben bei uns einen grösseren Stellenwert erhalten und sollen auch einen Mehrwert bieten. Noch gelingt uns dies nicht in jeder Ausgabe, aber wir arbeiten daran.

Der Begriff Chefredaktorin beinhaltet zwei Dinge. Sie sind Chefin, aber auch Redaktorin. Wird man von Martina Fehr auch lesen?
Natürlich, das gehört zwingend dazu. Die Leserinnen und Leser, aber auch mein Team sollen wissen, welche Meinung ich habe, wofür das Blatt steht und wofür ich stehe.

Wofür steht das Blatt denn?
Für eine liberale Grundhaltung, die keine Parteimeinung vertritt, sondern korrekte und wichtige Informationen weitergibt. Es steht auch für die Meinungsvielfalt, es sollen immer beide Seiten einer Debatte gezeigt werden. Die Leserinnen und Leser sollen sich unbefangen und mit allen Informationen ausgestattet ihre eigene Meinung bilden können.

Und wofür steht Martina Fehr?
Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich mich politisch in der Mitte sehe. Ich bin geprägt von unserer Region und den Dingen, welche auch für den Alltag unserer Leserinnen und Leser eine zentrale Rolle spielen: Infrastruktur, Nachhaltigkeit, das wirtschaftliche Umfeld, der Kampf um Arbeitsplätze.

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