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Die Erinnerungen an die Katastrophe sind verblasst

Heute Montag vor 80 Jahren stürzte in Pian San Giacomo ein Flugzeug der holländischen Fluggesellschaft KLM ab. Alle 13 Insassen fanden den Tod. Es war zu der Zeit das grösste Flugzeugunglück auf Schweizer Boden. Wie steht es heute mit den Erinnerungen? Eine Spurensuche im Misox.

Südostschweiz
Montag, 20. Juli 2015, 06:30 Uhr Pian San Giacomo

«Tutto dimenticato», antwortet der Wirt aus San Bernardino auf die Frage nach dem Flugzeugabsturz in Pian San Giacomo. Vielleicht wohnt er einfach etwas zu weit entfernt von der Absturzstelle, und ein Zeitzeuge ist er sicher auch nicht, dafür sieht er zu jung aus, auch wenn er sich dem Pensionierungsalter nähern dürfte.

Zeitzeugen fänden sich eigentlich keine mehr, erklärt Luigi Corfu, pensionierter Lehrer und Hobbyhistoriker aus dem Misox. Er hat sich selber intensiv mit dem Absturz beschäftigt und führt den Besucher zur vermuteten Unglücksstelle. Denn wo früher eine ebene Fläche war, liegt heute das Ausgleichsbecken der Misoxer Kraftwerke. Den Zutritt verhindern ein Drahtzaun und ein Verbotsschild. Dann deutet er mit der Hand weg vom Feld, Richtung San-Bernardino-Autobahn: «Dort drüben wohnte der Bauer Fasani, er war Zeitzeuge und hat den Absturz aus nächster Nähe miterlebt, doch leider ist er vor ein paar Monaten gestorben.»

Umfassende Aufarbeitung

Also vielleicht erst mal einen Blick ins Archiv werfen, um sich einen Überblick über die Geschehnisse des verhängnisvollen 20. Juli 1935 zu verschaffen: Roland Küng vom Flugarchiv Graubünden hat das Unglück akribisch recherchiert; hier ein Auszug aus seinen Aufzeichnungen: Daraus geht hervor, dass die KLM-Maschine Douglas DC-2 PH-AKG «Gaai» an besagtem Tage um 11.36 Uhr in Mailand startete und nach Frankfurt–Amsterdam fliegen wollte. Die Wetteraussichten waren schlecht, will heissen die Wetterwarte meldete gewittrige Störungen bis in 3500 Meter Höhe. Deshalb entschloss sich der Pilot von Anfang an im Blindflug durch die Wolkenschichten zu steigen. Weil aber das Gewitter höher reichte als prophezeit, gelangte das Flugzeug auf 5000 Meter in Wolken, aus denen stark unterkühlter Regen fiel, der eine Vereisung des Flugzeugs verursachte.

Weil das Eis unregelmässig vom Propeller abschleuderte, traten heftige Vibrationen auf, weshalb der Pilot zur Notlandung ansetzen wollte. Dazu musste er Höhe vernichten und sank kreisend auf die Ebene von Pian San Giacomo hinunter. Für Küng ist der Umstand, dass der Pilot im dichten Wolkenfeld vom San-Bernardino-Gebiet Richtung Pian San Giacomo fand «eindrucksvoller Beweis seines fliegerischen Könnens». Doch leider funktionierte die Notlandung dann nicht mehr. Aufgrund eines zu starken Geschwindigkeitsverlustes kippte die Maschine vornüber und zerschellte am Boden. Alle 13 Insassen fanden den Tod. Woher der Geschwindigkeitsverlust herrührte, liess sich laut Küng nie mehr genau bestimmen. Plötzliches Hochreissen der Maschine wegen eins Stahlseiles zum Holztransport oder ein Flügel, der wegen vorheriger Bodenberührung defekt war, könnten mögliche Gründe sein, so Küng in seinen Aufzeichnungen.

Schwierige Bedingungen

Sicher ist, dass die Maschine über Pian San Giacamo kreiste. Daran konnte sich der Bauer Fasani gut erinnern, erzählt Corfu. Sogleich beginnt er mit angewinkeltem Arm und ausgestreckter Hand zu kreisen, wie er das bei Fasani gesehen haben dürfte. Dass der Nebel in der Gegend extrem dicht sein kann, ist belegt: Die im Engadin lebende Monica Conrad, geborene Fasani, mit Verwandten aus Pian San Giacomo, kennt die Wetterverhältnisse aus vielen Aufenthalten im Süden: «Der Nebel dort ist so dicht, dass man ihn mit dem Messer schneiden könnte.» Den Lärm des Aufpralles dürfte Fasani auch noch gehört haben, worauf er und andere Leute des Tales sich sofort zur Absturzstelle aufgemacht hätten, sagt Corfu. Das Flugzeugwrack bot ein Bild des Grauens, und aus den Trümmern drang kein Geräusch mehr.

Sogleich habe sich die Firma Furger, in der damals auch sein Grossvater arbeitete, daran gemacht, 13 Särge für die Toten zu zimmern. Diese wurden, wie die Bilder zeigen, in der Chiesa San Giacomo aufgebahrt. Umso grösser war dann die Enttäuschung bei den Arbeitern, als die Toten für den Wegtransport in Bleisärge umgeladen wurden.

Keine Gedenkveranstaltung

Bei den Opfern handelte es sich um Holländer, die anschliessend nach Hause transportiert und dort bestattet wurden, wie ein Sprecher von KLM bestätigt. Und nein, seines Wissens existiere nirgends ein Mahnmal für das Unglück, auch die KLM plane für dieses Jahr keine Gedenkveranstaltung.

In der Tat sucht man an der Absturzstelle vergeblich nach Erinnerungen. Kein Stein, kein Kranz, nichts. In der Nähe steht lediglich ein kleiner Altar mit Heiligenfiguren hinter Gittern, wie sie aber gerade in der Südschweiz häufig anzutreffen sind und laut Corfu keinen Bezug zum Unglück haben dürften.

Der einzige sichtbare Hinweis sind 13 kleine schlichte Holzkreuze, die an der Wand der Chiesa San Giacomo hängen. Und dabei dürfte es auch bleiben, denn auf Nachfrage bei der Gemeinde von Misox plant man dort weder ein Mahnmal noch eine Gedenkveranstaltung. Also zumindest fast alles vergessen. (Jürg Wirth)

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