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Pflegerinnen gehen als Patientinnen auf die Strasse

Der Personalmangel in der Pflege gefährde Patientinnen und Patienten, warnt das Ostschweizer Pflegepersonal. Es hat sich an einer Kundgebung für die letztes Jahr eingereichte Pflegeinitiative starkgemacht und nochmals an die Dringlichkeit von Massnahmen erinnert.

Linth-Zeitung
Donnerstag, 08. November 2018, 11:44 Uhr St. Gallen
Fallen auf: Pflegerinnen demonstrieren in Spitalnachthemden.Bild Sina Bühler

Von Sina Bühler

Gestern am St. Galler Bahnhof: «Wer pflegt mich im Jahr 2030?» fragen sich rund 50 Patientinnen im Spitalnachthemd. Die Antwort von Anna Sulser stimmt wenig zuversichtlich: «Ich weiss es nicht» sagt sie. Wie ihre verkleideten Kolleginnen arbeitet Anna Sulser in der Pflege, in der Psychiatrie Wil. Im Mai wird sie zwar das Studium zur diplomierten Pflegefachfrau abschliessen, ob sie lange auf diesem Beruf arbeitet, ist aber fraglich. Der Druck ist hoch, die Löhne tief, und die Statistik spricht ebenfalls dagegen: «Sieben Jahre nach dem Abschluss als diplomierte Pflegefachfrau sind 46 Prozent wieder ausgestiegen», sagt Barbara Dätwyler Weber. Sie ist Präsidentin der Ostschweizer Sektion des Schweizerischen Berufsverbandes der Pflegefachpersonen SBK und hat die Kundgebung mitorganisiert.

Vor genau einem Jahr hat Dätwylers Verband die Initiative «Für eine starke Pflege» eingereicht, jetzt wartet man auf die bundesrätliche Botschaft dazu. Noch während der Kundgebung kommt das Telefonat der Zentrale. Der Bundesrat lehne die Anliegen der Pflegeinitiative auf der ganzen Linie ab und spreche sich auch nicht für eigene Massnahmen aus. Die Initiative verlangte die Förderung der Ausbildung, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Löhne und eine Liste jener Pflegeleisteigungen, die auch ohne ärztliche Anweisung verrechnet werden können. «Eine Sauerei», sagt Barbara Dätwyler, ihre Kolleginnen buhen.

In Rekordgeschwindigkeit unterzeichnet

Die Bevölkerung sah die Dringlichkeit ähnlich und unterzeichnete die Initiative in Rekordgeschwindigkeit. Innert acht Monaten kamen 120 000 Unterschriften zusammen. Die Zahlen machen Angst: Heute schon fehlen im Pflegebereich 11 000 Personen, darunter 6500 Pflegefachleute. Personal mit jenem Diplom also, das Anna Sulser gerade an der Höheren Fachschule abschliesst. Für sie ist es, wie für die meisten, eine Zweitausbildung, während der sie sich noch einmal mit einem Lehrlingslohn begnügen muss. Es gäbe bessere Lösungen, auch auf kantonaler Ebene, erklärt Barbara Dätwyler: «Im Thurgau gibt es beispielsweise ein Projekt, bei dem sich Kanton und Ausbildungsbetriebe an Förderbeiträgen für Studierende beteiligen.» Damit könne der Ausbildungslohn für Studenten von durchschnittlich 1000 auf 3000 Franken erhöht werden. Im Kanton St. Gallen haben nur wenige Einzelbetriebe selbstständig den Ausbildungslohn erhöht.

Wer in den letzten Jahren im Spital war, spüre, dass dringende Massnahmen nötig seien, ist von Passantinnen und Passanten am Rande der Kundgebung zu hören. Bis es soweit ist, nehmen sie die Mullbinden in Empfang, die von den Pflegerinnen verteilt werden – vielleicht, um sich im Notfall selbst verarzten zu können.

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