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Heckenschützen

Pesche Lebrument versucht sich in Perfektion beim Heckenschneiden.

Linth-Zeitung
26.10.18 - 18:40 Uhr
News

von Pesche Lebrument

Hoch ist die Hecke vor meinem Haus. Doch heute ist sie anders. Ich blicke hinüber auf das Grundstück meines Nachbarn. Unser gemeinsamer Pflanzenzaun ist auf seiner Seite perfekt geschnitten. Kein Ästchen überragt das andere. Seine Hecke sieht aus wie eine grüne Betonmauer, meine Seite erinnert an eine wild wuchernde Frisur.

Was mögen die Menschen denken, die an unseren Häusern vorbeilaufen? Mein Nachbar lebt hinter seinen sauber zurückgeschnittenen Hecken gutbürgerlich getarnt. Ich bin der Querulant.

Was ist denn nur los mit mir? Seit wann kümmert mich, was andere denken? Was andere angeblich denken, denke schliesslich nur ich selbst.

Wie er bloss diesen militärischen Bürstenschnitt hinbekommen hat? Ich habe noch nie eine Hecke gestutzt. Ich bin neu in der Strasse. Erst vor Kurzem zog ich zu.

Ich schneide meine Hecke bestimmt nicht, nur weil er sie gerade geschnitten hat. Es sieht allerdings schon ein bisschen seltsam aus, wie sich mein Wildwuchs in seinen feinen Linien verliert. Aber ich lasse mich nicht unter Druck setzen. Nächsten Frühling bleibt genügend Zeit.

Anderntags. Meine Freundin ruft mich auf der Arbeit an. Sie könne die eben aufgesetzte Suppe nicht pürieren. Der Stabmixer sei kaputt.

Im Elektromarkt passiere ich mit neuem Pürierstab einen Kartonschachtelberg. Hundertfach abgebildet ist ein knallroter Heckentrimmer mit integrierter Rasenschere. Schöne Maschine, Auslaufmodell zum Mitnahmepreis. Es kann ja nicht schaden, die Hecke vor dem Wintereinbruch etwas zu stutzen. Dann bleibt im Frühling weniger zu tun.

Zu Hause. Das Internet-Video eines telegenen Gärtners vermittelt mir die Grundlagen des Heckenschneidens. In unter fünf Minuten steckt sein Expertenwissen in meinem Kopf.

Das Gerät röhrt wie ein Raubtier. Immergrün spritzt durch die Luft. Der Lebendzaun überragt mich. Gedehnt auf Zehenspitzen gelange ich fast ganz nach oben. Mit gestreckten Armen führe ich die rotierenden Schneiden an den Kanten vorbei und schreite im Gleichschnitt voran.

Erst sehr viel später verstummt das Gerät. Am Heckenrand kneife ich ein Auge zu, das andere nimmt Augenmass. Die Hecke scheint mir oben etwas breiter als unten. Zudem hat sie eine Wellenform. Wieder lasse ich die Heckenschere kreisen. Ich lege einen seltenen Ehrgeiz an den Tag. Ich feile hier und dort und überall.

Die sinkende Sonne schwärzt den Himmel und macht die Hecke zur Silhouette. Von Weitem muss es so aussehen, als würde ich einer Riesengestalt den Bart stutzen.

Unter der Strassenlampe erscheint der Asphalt ganz grün. Ich muss die gesamte Zufahrtsstrasse räumen. Alle Zweige, Ästchen und Verästelungen wegzuräumen dauert bis in die Nacht. Ich trage Tausende Gefallene weg.

Der Morgen setzt die Hecke ins Licht. Ich stehe müde vor dem Haus. Meine Seite ist deutlich schmaler als seine und schnitttechnisch etwas verspielter.

Die kahlen Stellen werden irgendwann wieder zuwachsen, und überhaupt muss nicht immer alles perfekt sein. Wer sagt eigentlich, dass mein Nachbar keinen Gärtner beauftragt hat? Meine Hecke ist wenigstens selbst getrimmt.

Mein Haus ist meine Burg, mein Garten der schützende Graben, und die Hecke ist die Mauer davor. Ordentlich gestutzt erscheint sie unsichtbar. Sie verhüllt, was dahinter verborgen liegt.

Die Autoreifen knirschen auf der kiesbedeckten Ausfahrt. Ich fahre langsam der Hecke entlang und passiere die Ausfahrt meines Nachbarn. Heute ist sie anders.

Wie ist das möglich? Kein Grashalm ragt aus seinem Kiesbelag empor, nicht ein einziges Herbstblatt bedeckt die Ausfahrt. Ist das da vor dem Garagentor ein Laubbläser?

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