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Reicht es, die Rechnungen bezahlen zu können?

Bereits zum vierten Mal hatte die Davoser Zeitung zusammen mit den «Business and Professional Women Davos Klosters» vergangene Woche zum «Wiiber-Hengert» geladen. Gast­geber war erneut das Originale Kaffee Klatsch, das allen Teilnehmerinnen zum Schluss eine Suppe offerierte.

Südostschweiz
28.08.24 - 14:00 Uhr
Menschen & Schicksale
Annemieke Balk
Annemieke Balk führte souverän durch den Abend.

Frauen – Finanzen – Spitzensport, diesen Fragen sollte an diesem Abend nach­gegangen werden. Zusammen mit den beiden Finanzexpertinnen Nadine Nef, Vorsorge- und Finanzberaterin bei der Generalagentur der Zürich Versicherungen Christian Heldstab in Wädenswil, und Tanja Schumacher, Finanzplanerin bei der Graubündner Kantonalbank, sollte erkundet werden, wie Frauen mit Finanzen umgehen, und wie sie es gewinnbringender tun könnten. Einblicke in ihre besondere Situation gaben die beiden Spitzensportlerinnen Julina Gianola und Ladina Staub, beide 22 Jahre jung und Stürmerinnen bei den HCD-Ladies. Von ihnen wollte Moderatorin Annemieke Balk, Psychotherapeutin und Mitbegründerin von Polyvista Consult, als erstes wissen, wie es denn sei, neben dem Spitzensport noch einer Erwerbsarbeit nachgehen zu müssen. «Es gibt nicht viel Zeit zwischen Arbeit und Training», berichtete Staub. Das bedeute, dass sie von Termin zu Termin renne und nicht immer 120 Prozent geben könne. «Doch ich mache gerne, was ich tue. Das gibt die nötige Energie.» Ähnlich klang auch Gianola. «Es gibt Tage, an denen es schon am Morgen schwierig ist.» Dann sei es auch schwierig, sich einzugestehen, wenn es beim Sport nicht so gut gehe. Zu erwähnen ist an dieser Stelle, dass beide Hockeyspielerinnen direkt vom Training zum «Wiiber Hengert» gewechselt hatten. Ihre Mitspielerinnen konnten nicht dabei sein. Sie standen noch immer auf dem Eis. Über ihre finanzielle Sicherheit würden sie sich noch nicht viele Gedanken machen, antworteten beide übereinstimmend auf die nächste Frage. Im Moment sei finanzielle Sicherheit, wenn sie alle ihre Rechnungen bezahlen könnten und noch etwas extra zurückbleibe.

Ladina Staub kann vom HCD-Lohn nicht leben.

«Es ist ein psychologisches Problem, das alle Menschen haben.»

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Warum sich Frauen denn so schwer täten, sich mit ihrer finanziellen Situation zu beschäftigen, wollte Balk an dieser Stelle wissen. Das sei kein exklusives Frauenproblem, wusste Nadine Nef. «Es ist ein psychologisches Problem, das alle Menschen haben.» Vorsorge bedeute, dass man sich mit seinem zukünftigen Ich auseinandersetzen müsse, was Verlustängste auslöse und deshalb für die Meisten unheimlich schwierig sei. Bei Frauen komme aber dazu, dass sie sehr gut verstehen wollten, wie es funktioniere. «Ich hatte Frauen, die zu mir in die Beratung kamen. Mit dabei hatten sie dicke Schmöcker, die ich für meine Abschlussarbeit hatte durchackern müssen», berichtete sie aus der Praxis. Auch die Suche im Internet würde oft derart ausarten, dass die Frauen entmutigt aufgäben und überhaupt nichts machten. Darum sei Beratung so wichtig. «Versuchen Sie, weniger zu verstehen und mehr zu vertrauen», riet Nef.

«Ein Möbelstück schreinern Sie schliesslich auch nicht selber.»

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Dazu komme, dass Frauen überall Risiken sähen, ergänzte Schumacher und schloss sich der Empfehlung zur Beratung an. «Ein Möbelstück schreinern Sie schliesslich auch nicht selber.» Wichtig sei allerdings, sein Geld für sich arbeiten zu lassen und beim Anlegen Erfahrungen zu sammeln. Das sei schon mit Kleinstbeträgen möglich, sagte sie und empfahl ausserdem, sich in der Familie, im Freundeskreis umzuhören und sich über bewährte Anlagestrategien auszutauschen.

«Man muss sich im Klaren sein, dass diese Gelder gebunden sind.»

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Wie viel Finanzwissen sie den mitbrächten, fragte Balk bei den beiden Hockeyspielerinnen nach und erntete nur Kopfschütteln. Bei einer Vorsorgeplanung schaue man in die Zukunft, schaltete sich Schumann wieder ein. Doch vorher müsse man wissen, wie es einem aktuell gehe. «Ein Budget ist da sehr hilfreich.» Die finanzielle Planung müsse laufend angepasst werden, und in ihrem jungen Alter sei das Einzahlen in eine Pensionskasse nicht unbedingt die beste Lösung, sagte sie den Spitzensportlerinnen. «Man muss sich im Klaren sein, dass diese Gelder gebunden sind.»

«Unfälle, Mutterschaft oder Krankheiten kommen in dieser Musterrechnung nicht vor.»

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Das Schweizer Vorsorgesystem basiere auf der Annahme, dass man ab 21 bis 65 Jahre ohne Unterbruch und in Vollzeit arbeite, ergänzte Nef. «Wer von Ihnen kann das von sich behaupten», fragte sie ins Publikum und fuhr fort: «Unfälle, Mutterschaft oder Krankheiten kommen in dieser Musterrechnung nicht vor.» Besonders Teilzeitarbeit reisse mit zunehmendem Alter immer grössere Lücken in die Vorsorgeplanung. Dennoch sei es genau hier so wichtig, eine Vorsorgeplanung zu machen.

Nadine Nef hatte handfeste Anlagetipps.

«Das ist ein Skandal!»

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Wie es denn bei ihnen aussehe, brachte Balk wieder die Hockeyspielerinnen ins Spiel. Immerhin würden ihre männlichen Sportkollegen bereits einen guten Batzen verdienen, während sie ... «Mal besser, mal weniger», gestand Staub. «Denn das Entgelt, das ich vom HCD erhalte, schliesst die Lücke zu meinem 80 Prozent-Job nicht.» Etwas besser geht es Gianola, die zu einhundert Prozent arbeitet. «Für mich ist es ein Zustupf.» Ob dieses Geld denn versichert sei, fragt Nef und lenkte den Blick auf den sogenannten Koordinationsabzug. «Wer zum Beispiel in zwei verschiedenen kleinen Pensen arbeitet oder im Tieflohn-Bereich, dem kann dieser Abzug gleich zweimal verrechnet werden, was dazu führt, dass nur auf einem Bruchteil des Lohnes für die Altersvorsorge einbezahlt wird. Das ist ein Skandal!»

Julina Gianola ärgert sich gelegentlich über ihre Altersgenossen bei der 1. Mannschaft des HCD.

«Ihre Altersvorsorge ist für viele der grösste Vermögensanteil.»

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Die Pensionskassen als Lohnbestandteil anzuschauen, empfahl als Nächstes Schumacher. Deren Leistungen und die Beteiligung der Betriebe seien sehr unterschiedlich, und Haben oder Nicht-Haben kummuliere sich über die Jahre. «Ihre Altersvorsorge ist für viele der grösste Vermögensanteil», mahnte sie und riet, seinen Versicherungsausweis zu verlangen sowie auch die Risikoleistungen der Arbeitgebenden bezüglich Unfall und Tod kritisch zu hinterfragen. Beide Beraterinnen empfahlen an dieser Stelle erneut, sich beraten zu lassen. «Nur im Einzelgespräch kann festgestellt werden, wo Optimierungspotenzial vorhanden ist, und an welchen Schrauben gedreht werden muss», sagte Schumann. Eine saubere Auslegeordnung ermögliche es, zu entscheiden, welche Risiken man selber tragen wolle und welche an eine Bank oder Versicherung ausgelagert werden müssten, ergänzte Nef. «Das Wichtigste überhaupt ist allerdings das Vertrauen. Wenn Sie sich nicht absolut wohl fühlen, suchen Sie sich eine andere Beraterin!» Empfehlungen seien in diesem Zusammenhang eine gute Strategie. «Das machen Sie beim Coiffeur oder bei der Gynäkologin doch auch. Und wenn es nicht passt, gehen Sie sofort wieder raus.»

«Es ist toll, dass wir vom HCD überhaupt etwas bekommen.»

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Dann war der Moment für Fragen aus dem Publikum gekommen. Da zeigte sich, dass das Verständnis für die Unterschiede beim Ansehen und der finanziellen Situation zwischen Spitzensportlern und Spitzensportlerinnen an einem kleinen Ort ist. «Es ist toll, dass wir vom HCD überhaupt etwas bekommen», stellte Gianola das weibliche Selbstverständnis klar. Gestand dann aber doch, dass es frustrierend sei, wenn die Kollegen wegen eines Sponsoringanlasses eine Schnute ziehen würden. Lobend erwähnte Staub, dass Informationen über die HCD-Ladies in den Sozialen Medien über die gleichen Kanäle wie jene ihrer Kollegen verbreitet würden. «Ich teile diese Nachrichten dann in meinem Freundeskreis und versuche so Aufmerksamkeit zu generieren.» Denn nur diese lasse sich schliesslich in klingende Münze umwandeln. «So viele Frauen kommen zu den Spielen des Männerteams. Doch wo sind sie, wenn die Ladies spielen», fragte da Teammanager Andreas Staub, der sich bis anhin unauffällig im Hintergrund gehalten hatte. Die jungen Spitzensportlerinnen durch Präsenz zu unterstützen, war sicher einer der Vorsätze, mit denen die Frauen den Anlass verliessen. Ein anderer wurde bereits bei der anschliessend offerierten Suppe umgesetzt: An den verschiedenen Tischen wurden intensiv ­Anlagestrategien ausgetauscht.

Tanja Schumacher kennt die Herausforderungen.
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