×

Wenn Zeit relativ wird: Der Alltag eines 104-jährigen Langlebenden in Chur

104 Jahre alt und keinen Tag stillgestanden – was ist das Geheimnis von Andreas Bolts langem Leben und was hält ihn auf Trab?

Bündner Woche
07.04.25 - 04:30 Uhr
Menschen & Schicksale
Andreas Bolt gehört mit seinen stolzen 104 Jahren wohl zu den ältesten Bündnern.
Andreas Bolt gehört mit seinen stolzen 104 Jahren wohl zu den ältesten Bündnern.
Lara Buchli

Von Lara Buchli

Wenn man sich einen 104-Jährigen vorstellt, dann definitiv nicht so: aufrechter Gang, immer noch Haare auf dem Kopf, ein klarer Blick und vor allem: selbstständig. Als Andreas Bolt die Cafeteria des Seniorenzentrums Rigahaus in Chur betritt, staunt die «Büwo»-Schreibende nicht schlecht und ergreift ehrfürchtig die Hand des gebürtigen Davosers. Gemeinsam mit dem Geschäftsleiter des Seniorenzentrums, Sandro Ursch, begeben sie sich in die hinterste Ecke des Raumes. Andreas Bolt geht voran. Ganz ohne Gehhilfe und in einem zügigen Tempo. Er bestellt sich einen alkoholfreien Sauren Most und beginnt von seinem langen Leben zu erzählen. 

«Ich bin in dem Jahr zur Welt gekommen, als der HC Davos gegründet wurde – also 1921», beginnt Andreas Bolt und lächelt stolz. «Ich bin sozusagen der älteste und längste HCD-Fan.» An seinem letzten Geburtstag, im Januar, sei er gemeinsam mit einem seiner beiden Söhne auswärts essen gegangen. Sonst habe er nicht besonders gefeiert. Keine Party. «Für mich ist mein Geburtstag ein Tag wie jeder andere», scherzt der Mann mit dem weissen Haar. Er überschlägt die Beine und lehnt sich ein wenig in seinem Sessel zurück, bevor er fortfährt. Ihn habe schon so mancher gefragt, ob er denn einen geheimen Tipp habe, wie man so alt werde, aber da müsse er die Leute immer enttäuschen. «Ich hätte niemals gedacht, dass ich so alt werde», meint Andreas Bolt und zuckt mit den Schultern. Von seinen Geschwistern sei niemand so alt geworden wie er. Nicht einmal ansatzweise. 

Genug gelebt haben 

«Manchmal, da sitze ich alleine in meiner Wohnung und denke mir: Am liebsten würde ich jetzt gehen und einfach verschwinden.» Aber ihm fehlt nichts. Der 104-Jährige ist kerngesund. «Es wäre schön, wenn ich so gehen könnte, wie der Alte, der immer mit mir zu Mittag gegessen hat», spricht er weiter. Der habe am einen Tag noch ganz normal gegessen und am nächsten habe man ihn tot in seinem Bett gefunden. So ein Abgang fände Andreas Bolt für sich selbst auch ganz in Ordnung. 

Während des Gesprächs erwähnt der 104-Jährige immer wieder Namen, die einst seinen Freunden hier im Rigahaus gehörten. Freunde, die nun nicht mehr unter den Lebenden weilen. Einige seien erst gerade kürzlich verstorben und andere habe er schon vor langer Zeit verloren. Die Aussagen klingen hart. Man bekommt Gänsehaut. Doch Andreas Bolt wirkt keineswegs niedergeschlagen. Klar trauert er um seine Bekannten, aber so richtig einsam ist er dennoch nicht. 

Der alte Sohn mit den alten Enkeln 

Wenn man den eigenen Sohn noch als 80-Jährigen erleben darf, ist das bestimmt nicht gewöhnlich. Aber für den Davoser ist das Normalität. Er hat zwei Söhne. Beide sind schon lange pensioniert. Der eine sei ein wenig angeschlagen und nicht mehr richtig fit. Der andere sei noch gut «zwäg». Dieser komme seinen Vater regelmässig besuchen und unternehme kleine Ausflüge mit ihm. Auch sein Sohn hat Kinder und auch diese sind längst erwachsen. Die Mutter der beiden Söhne, also die Frau von Andreas Bolt, ist jedoch bereits vor 21 Jahren verstorben. «Bevor sie starb, meinte sie zu mir, dass ich mich bestimmt schnell wieder neu verlieben werde, aber das habe ich bis heute nie getan.» Kennengelernt hat er sie einst in Chur, wo sie als Köchin im Kantonsspital gearbeitet hat. Schon vom ersten Moment an war ihm klar: Eine Bessere würde ihm nie begegnen. 

Bis zum Postplatz und wieder zurück – so sieht der tägliche Spaziergang von Andreas Bolt aus.
Bis zum Postplatz und wieder zurück – so sieht der tägliche Spaziergang von Andreas Bolt aus.
Archiv

Jeden Tag begibt sich Andreas Bolt auf eigene Faust in Richtung Stadtzentrum. «Ausser wenn es regnet und es ‹gruusig› ist, dann bleibe ich zu Hause», fügt er an. Aber ansonsten läuft er tagtäglich seine Runde. Meistens spaziert er dann bis zum Postplatz. Im Sommer macht er auch gerne mal eine Pause im «Rätushof», wo er auf der Terrasse einen Most trinkt und sich dann wieder auf den Heimweg macht. Und wenn er sich besonders fit fühlt, geht er weiter bis zum Obertor. Solange die Beine noch funktionieren würden, könne ihn niemand aufhalten, seine Tour zu machen, meint der 104-Jährige bestimmt. «Aber wenn es dann hier» – er tippt sich an die Stirn – «nicht mehr ganz stimmt, dann höre ich auf.» Doch das scheint noch weit entfernt. 

Wenn man ihm zuhört, könnte man meinen, er sei gerade mal 70 Jahre alt. Er ist völlig klar und erzählt von allem so, als sei alles erst gestern gewesen. Nur ein einziges Mal gerät er kurz ins Stocken – aber weiss es gleich darauf auch schon wieder. Obwohl er sich selbst langsam als vergesslich beschreiben würde, merkt man davon nichts. 

Ein ellenlanger Lebenslauf

Andreas Bolt war aktiv als Schweizer Armeesoldat im Zweiten Weltkrieg dabei. Und auch daran kann er sich noch gut erinnern. Er habe jeden zweiten Monat wieder ins Engadin in den Dienst müssen. Bis im Jahre 1945 der Krieg dann endlich vorbei war. Und dann? 

Zwei Jahre später heiratete er und kurz darauf fing er bei der SBB in Chur an zu arbeiten. Einige Jahre später meinte seine Frau: «Jetz isch fertig, jetz machsch öppis anders!» So kam er zum Weber Eisenhandel, wo er bis zu seiner Pension blieb. Dazwischen war er noch in einer Weinhandlung tätig und nebenbei 40 Jahre lang im Kino Quader. «Sie sind wahrscheinlich der Churer, der am meisten Kinofilme gesehen hat», scherzt Geschäfts-
leiter Sandro Ursch und Andreas Bolt stimmt in sein Lachen ein. Sein Lieblingsfilm: «Der längste Tag» – ein Kriegsfilm, der das Ende des Zweiten Weltkrieges aufzeigt. 

Doch was denkt eigentlich jemand, der selbst einen Weltkrieg miterlebt hat, über die aktuellen Kriege und Krisensituationen in der Welt? «Das ist eine Sauerei. Eine riesengrosse Sauerei», meint er verärgert und gleichzeitig enttäuscht. Alle würden sich zurückhalten und niemand tue etwas dagegen. Die Menschen können froh sein, wenn doch noch jemand eingreift, ansonsten sieht es laut Andreas Bolt schlecht aus für die Zukunft.

Neue Zeiten

Zeit für ein Hobby blieb dem Davoser in jungen Jahren kaum. «Wann auch?», fragt er und zuckt mit den Schultern. Er habe sich aber, wann immer er Zeit hatte, um den Garten gekümmert. «Gschwind, gschwind häz immer müassa go», fügt er hinzu. 

104 Jahre alt und immer noch nicht genug von «Gummibärli» und saurem Most.
104 Jahre alt und immer noch nicht genug von «Gummibärli» und saurem Most.
Lara Buchli

Mit 63 hat er sich dann sein erstes Auto zugetan. Ein Simca. Darauf folgte ein Honda – das beste Auto, das er je gefahren sei, meint der Davoser. Und später kaufte er sich noch einen Volvo. «A richtigi Wundertüta», kommentiert er und verwirft die Hände. «Haiaiai, der war mehr in der Garage als auf der Strasse.» Heute könne er nicht mehr selbstständig Autofahren. Das übernehme sein Sohn. Auf die Frage hin, ob er denn auch ein eigenes Handy habe, erwidert er: «Ich hatte mal eins, aber das habe ich wieder weggegeben. Ich habe ja das Festnetz und das reicht mir.» Auch mit der neuen Musik könne er nichts anfangen. Er habe immer nur Volksmusik gehört. Mit seiner Frau habe er gerne dazu getanzt – auf Volksfesten zum Beispiel. «Als die ‹Beatles› aufgekommen sind, haben wir uns nur angeschaut und gedacht: ‹Was soll das jetzt?› Das war überhaupt nicht unser Geschmack.» Seiner echten Lieblingsmusikrichtung ist er bis heute treu geblieben. Im Radio oder im TV hört er noch immer Volksmusik. Und zwar ausschliesslich. 

Und was war sein Gedanke, als die ersten Menschen zum Mond geflogen sind? Jeder und jede habe von diesem Moment gesprochen. Es sei einzigartig gewesen, blickt er zurück. «Jemand hat mich damals gefragt, ob ich denn nicht auch einen Platz auf dem Mond haben möchte», berichtet er und lacht. «Nein, habe ich gesagt. Das interessiert mich jetzt weniger.» Er lacht noch lauter und verstummt dann plötzlich. 

Alles in allem habe sich die Welt jedoch in den letzten hundert Jahren eher zum Schlechteren gewandt, meint er nun. Er hebt die Hand leicht an und dreht die Handfläche um 180 Grad. «Es hat sich genau so verändert. Nach dem Krieg war es zwar für eine Weile ruhig, doch dann wurde irgendwie alles anders. Vorher war es besser.» Seine Haustüre sei, als er noch in Davos gelebt habe, immer unverschlossen geblieben. Und nie habe jemand versucht, bei ihm einzubrechen. Heute könne man so etwas nicht mehr machen. Die Leute seien krimineller geworden und dreister. Auch weiteren Neuerungen blickt der gebürtige Davoser skeptisch entgegen. So ganz alles scheint ihm nicht geheuer zu sein. Wenn er heute noch einmal jung wäre, dann würde er gerne eine Lehre als Bäcker machen, erzählt Andreas Bolt. Denn er liebt Süsses. Besonders gut schmecken ihm «Gummibärli». Aber er ist auch für deftige Kost zu haben. Hauptsache, das Fleisch werde gebraten. Was er denn von vegetarischer oder gar veganer Ernährung halte, will die «Büwo»-Schreibende wissen. Montags sei jeweils das Frühstück, Mittag- und Abendessen alles vegetarisch, informiert Sandro Ursch. Heute ist Montag. Andreas Bolt wirkt nicht sonderlich begeistert und murmelt: «Das hüt isch jo no ganga ...» Aber wirklich überzeugt ist er nicht. 

Ein bittersüsses Ende

Als sich das Gespräch dem Ende zuneigt, verschwindet der Geschäftsleiter rasch hinter der Theke und kommt kurz darauf wieder. Er legt zwei «Schoggistängali» vor sich auf den Tisch. Eins für die Schreibende und ein für den Erzählenden. Dieser steckt es gleich in den Hosensack. «Das ist nett», bedankt er sich, «aber das esse ich ein andermal. In meiner Wohnung warten nämlich noch ein Kilogramm Gummibärchen auf mich.» Ein spitzbübisches Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. Das bisschen Kindsein ist er auch mit 104 Jahren nicht losgeworden. Und das soll recht sein.

Inhalt von buew logo
Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Mehr zu Menschen & Schicksale MEHR