Von Ludwigshafen nach Zizers: Eine junge Bäckerin auf der Walz
Yvonne ist auf der traditionellen Walz als Bäckerin unterwegs und sammelt wertvolle Erfahrungen. Sie hat bereits zahlreiche Länder bereist. Wohin wird ihre Reise sie als Nächstes führen?
Yvonne ist auf der traditionellen Walz als Bäckerin unterwegs und sammelt wertvolle Erfahrungen. Sie hat bereits zahlreiche Länder bereist. Wohin wird ihre Reise sie als Nächstes führen?
Von Susanne Turra
Wenn nicht jetzt, wann dann? Das fragt sich Yvonne aus Deutschland schon länger. Sie kommt aus Ludwigshafen am Rhein. Und sie lernt auch am Rhein. In Karlsruhe. In Schaffhausen besucht sie den Rheinfall. Und sie folgt dem Fluss ein Stück weit durch die Surselva in Richtung Quelle. Der Rhein zieht sich durch ihr Leben. Dies nur so nebenbei. Yvonne absolviert eine dreijährige Bäckerinnenlehre. Und nach der Lehrzeit zieht sie los. 24-jährig, als Gesellin, geht sie auf die Walz. Begleitet wird sie von Altgesellin Lisa, einer Bierbrauerin, die schon über vier Jahre unterwegs ist. Exakt am 18. September 2022 verabschiedet sich Yvonne von Familie, Freundeskreis und Heimat. Es ist ein Sonntag. Voller Vorfreude und Neugier schaut sie nach vorne. Nimmt mit, was sie darf und tragen kann. Ihr traditionelles Handwerkstuch, der Charlottenburger, wippt prall gefüllt über ihren Schultern, als sie von dannen zieht, ohne sich umzudrehen. Die Wanderschaft beginnt.
Gewisse Ermüdungserscheinungen
Zweieinhalb Jahre später. Yvonne sitzt in der Signer Bäckerei in Zizers an einem Tisch. Übrigens legen die Reisenden während ihrer Wanderschaft ihre Nachnamen ab. Sie reisen als Fremde. Und so stellt sich auch Yvonne ganz einfach als fremde Bäckerin, VLE (Vereinigte Löwenbrüder und -schwestern Europas), vor. So bleiben wir beim Vornamen. Seit zweieinhalb Monaten arbeitet die Bäckerin bei Signers in der Konditorei. Heute hat sie um vier Uhr in der Früh begonnen und somit bereits am späteren Vormittag Feierabend. Sie nimmt einen Schluck Apfelschorle und erzählt. «Es geht mir gut», betont sie gleich zu Beginn. «Aber ich fühle mich anders als am Anfang der Wanderschaft. Zweieinhalb Jahre machen schon etwas mit einem.» Gewohnheit und Normalität schleichen sich ein. Und gewisse Ermüdungserscheinungen. Heimwehgeplagt ist sie aber nicht. Dafür ist sie dann doch zu neugierig. Und die Wanderschaft dauert ja auch noch ein bisschen. Wie lange eigentlich genau? «Die Walz dauert im Minimum drei Jahre und einen Tag», sagt Yvonne. Dieser eine Tag ist symbolisch zu sehen. Die Lehrzeit der Handwerksberufe dauert in der Regel drei Jahre. Und auf Wanderschaft soll man noch mehr lernen als während der Lehre. Deswegen der eine Tag mehr. Natürlich kann auch länger gewandert werden. «Auf der Walz hat vieles Symbolcharakter», erzählt Yvonne. «Und als Bäckerin bin ich gar eine Seltenheit.»
Und wie wird die Walz organisiert? Zuerst heisst es, Kontakte knüpfen zu Leuten, die bereits wandern oder gewandert sind. Dafür braucht es ein wenig Geduld. «Man muss ein bisschen kramen», sagt Yvonne. «Und man muss es wirklich wollen.» Yvonne will es. Sie ist bereit, aus der Komfortzone zu treten. Und mit Lisa findet sie eine tolle Altgesellin, die sie die ersten drei Monate begleitet. Weiter muss ein Abschiedsfest für die nahestehenden Menschen organisiert werden. Und dann ist da noch die Sache mit der Wohnung. Was will ich einlagern oder loswerden? Was nehme ich mit?
Ab da endet der Terminkalender
So oder so. Geplant wird bis zu dem Tag, an dem es losgeht. Ab da endet der Terminkalender. Jetzt liegt alles in den Händen der Begleitperson. Und dann geht es los. Natürlich nicht ohne Regeln. Wer reist, darf sich dem Heimatort nicht unter 50 Kilometer nähern. Handys sind nicht gestattet. Und die Gesellinnen und Gesellen müssen schuldenfrei, unverheiratet, vorstrafenfrei, kinderlos und unter 30 Jahre alt sein. «Wir ziehen mit fünf Euro im Sack los und kommen mit fünf Euro im Sack wieder heim», ergänzt Yvonne und lacht. «Auf Wanderschaft werden keine Geldnoten, sondern Erfahrungen gesammelt.» Während der Wanderjahre sind die Reisenden eng miteinander vernetzt. Sie tauschen sich aus und wandern manchmal auch gemeinsam weiter. «In der Regel helfen uns aussenstehende Leute gerne aus mit Handy und Internet», erzählt Yvonne. «So kann ich auch regelmässig nach Hause telefonieren.»
Richtung Nordsee oder Bodensee
Yvonne holt ihr Wanderbuch hervor. Sorgfältig packt sie es aus dem Leinentuch aus. Es ist hellbeige und ein richtiger Schatz. «Es ist das Wertvollste, das ich bei mir trage», sagt sie bedeutungsvoll. «Alles andere ist ersetzbar. Aber nicht das Wanderbuch.» Es ist nicht zu verwechseln mit einem Tagebuch. Das Wanderbuch ist wie ein Reisepass. Alle dürfen reinschreiben, ausser die Gesellin selbst. Yvonne blättert ein bisschen im Buch. Zum Vorschein kommen Erklärung, Kupferstich, Gesellenbrief, Personalien, Arbeitszeugnis, Fotos und ganz viele Stempel. Letztere werden aus der Tradition heraus jeweils vor Ort im Rathaus eingeholt. Yvonne zeigt auf ein Zeugnis in arabischer Sprache. Sie lächelt. «Da war ich in Marokko», erzählt sie. Und da sind wir auch schon bei der Wanderroute. Yvonne winkt ab. «Diese Route, der man folgt und die man auf der Karte anpinnen kann, gibt es nicht», sagt sie. «Ich stehe am Morgen auf und überlege spontan, gehe ich jetzt Richtung Nordsee oder Bodensee?» Gereist wird übrigens hauptsächlich per Autostopp. So war Yvonne schon in Deutschland, Oberösterreich, Tirol, Vorarlberg, Frankreich, Spanien, Marokko, Dänemark und der Schweiz unterwegs.
«Meine Kluft ist fast schon angewachsen»
Und wie hat sie nach Zizers gefunden? «Sehr spontan», verrät Yvonne und schmunzelt. «Es war Ende Februar und mein Plan ging in Richtung Skitourismus. So landete ich in Graubünden. Ich wollte in einer Konditorei arbeiten und suchte im Umkreis von Chur einige raus.» Aus dem Skitourismus wird zwar nichts, aber Yvonne landet in Zizers bei der Signer Bäckerei. Sie klopft an, steht im Laden und fragt: Kann ich hier arbeiten? Sie kann. Die Signers nehmen sie vom Fleck weg auf und bieten ihr eine Unterkunft gleich neben der Bäckerei. Seither verarbeitet die Deutsche fleissig Schweizer Schokolade zu Osterhasen. Die Arbeit gefällt ihr. Auch der Ort. Und die Menschen. Trotzdem. Noch vor Ostern wird sie vermutlich weiterziehen. Wohin, das weiss sie noch nicht. Sie möchte aber sicher noch in Frankreich und Österreich als Bäckerin arbeiten. Länder, die viel Backtradition und Backkultur haben. Und das Wanderbuch ist ja auch noch nicht voll. Und so hat Yvonne noch lange nicht genug. «Meine Kluft ist fast schon angewachsen», scherzt sie. Gearbeitet wird in normaler Bäckerinnenkleidung. Ansonsten trägt sie immer die Kluft. Und sie trägt sie mit Stolz. Ihre schwarzen Schlaghosen und die wollene Jacke mit dem Karomuster. «Dieses Pepitamuster steht für das Lebensmittelhandwerk», erklärt Yvonne und rückt ihren schwarzen Hut auf dem Kopf zurecht.
Vertrauen und Gelassenheit
Und was hat Yvonne auf ihrer Walz gelernt? «Vertrauen und Gelassenheit», betont sie. «Und ich kann deutlich besser Entscheidungen treffen als früher.» Es kommt eben alles, wie es kommen muss. Diese Erkenntnis sei viel Wert, sagt Yvonne. Wie man auf das Leben blickt. Und wie man durchs Leben geht. «Auf der Wanderschaft bin ich nicht so richtig Teil der Gesellschaft», erzählt sie weiter. «Ich bin eher in einer Rolle als Beobachterin. Ich sehe die Menschen aus einer anderen Perspektive.» Und das ganz ohne Erwartungshaltung und gesellschaftliche Zwänge. Die Walz entschleunigt. Und so wird dereinst auch das Nachhausekommen deutlich schwieriger werden als das Weggehen. Davon ist Yvonne überzeugt. Freiheiten werden aufgegeben. Und es gilt, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Aber daran mag die junge Gesellin jetzt noch nicht denken. Die Reise geht weiter. Und das Wandern bleibt der Bäckerin Lust.
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