Mit Feile, Lupe und Empathie: Das ist der Alltag einer Berufsberaterin
Ein Sackmesser voller Möglichkeiten: Genau das bietet die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung in Graubünden. Petra Wyss hilft Jugendlichen, den passenden Beruf zu finden.
Ein Sackmesser voller Möglichkeiten: Genau das bietet die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung in Graubünden. Petra Wyss hilft Jugendlichen, den passenden Beruf zu finden.
von Lara Buchli
Zeichnerin EFZ. Automatiker EFZ. Mediamatikerin EFZ. Schreinerpraktiker EBA. Die Liste geht weiter. Was sie alle gemeinsam haben: Es sind alles Berufslehren in Graubünden. Doch für welche davon entscheidet man sich, wenn’s denn so weit ist? Für Jugendliche nicht immer eine einfache Frage. Und die Antwort darauf noch weniger. Genau in solchen Situationen kommt Petra Wyss ins Spiel. Sie ist die Abteilungsleiterin Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung in Graubünden. Sie hilft also quasi anderen mit ihrem Job, einen geeigneten Job zu finden.
Ein Sackmesser als Werkzeug
Nach ihrem Schulabschluss hatte sie sich als junge Frau für eine Lehre zur Buchhändlerin entschieden. Danach machte sie die Berufsmaturität, ein Bachelor- und schliesslich ein Masterstudium. Petra Wyss arbeitet seit 14 Jahren im Amt für Berufsbildung. Anfangs war sie im Bereich Information und Dokumentation tätig. Im Jahr 2019 wechselte sie in die Beratung. Sie bekam damals eine Laufbahnberatung und fand durch diverse diagnostische Verfahren heraus, dass die Beratung auch für sie selbst eine passende Tätigkeit wäre. «Damals habe ich mir gedacht: Das wäre etwas, was mir besonders liegt. Und das hat sich bis heute bewährt.» Ein warmes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus.
Wenn ihre Arbeit ein Werkzeugkasten wäre – welches Werkzeug benutzt sie am häufigsten? «Ein Sackmesser», lautet die Antwort der «Büwo»-Gesprächspartnerin. Sie grinst breit und holt aus. Sie habe sich bewusst für das Sackmesser entschieden, da es so viele verschiedene kleine Werkzeuge enthält. «Manchmal brauche ich für jemanden die Pinzette. Für jemand anderes dann vielleicht die Feile. Ein anderes Mal die Lupe und für jemand ganz anderes sogar den Korkenzieher. Unsere Fähigkeiten sind so vielseitig wie ein Sackmesser eben.» Das Schweizer Taschenmesser gilt schliesslich nicht umsonst als Symbol für Anpassungsfähigkeit und Vielseitigkeit.
Wunschdenken oder Möglichkeit?
In beinahe allen Räumen des Amtes für Berufsbildung reihen sich Möbel an Möbel. Auch in Petra Wyss Büro steht ein grosser Wandschrank. Der Rest ist schlicht eingerichtet. Draussen, im Wartebereich, hat es grüne Sitzmöglichkeiten, in denen man von der Aussenwelt abgeschirmt ist. Die grossen Fenster lassen grosszügig Licht herein und machen das Lesen einfacher. Zu lesen gibt es nämlich einiges. Ratgeber für Kinder, aber auch für Eltern. Schnupperlehr-Tagebücher und diverse Bewerbungstipps. An einer Wand stehen zwei hölzerne Regale mit vielen kleinen Postkarten-ähnlichen Bildern. Auf allen ist ein Foto von einem Beruf abgebildet und die genaue Bezeichnung davon. «Mithilfe dieser Karten hier versuchen wir, herauszufinden, was die Jugendlichen interessiert», erzählt die Berufsberaterin und nimmt eine Karte in die Hand. Das Verfahren sieht so aus: Der oder die Jugendliche wird gebeten, sich alle Karten zu nehmen, die ihn oder sie interessiert. Danach werde herausgefiltert, was wirklich spannend sei für die Person und was vielleicht eher Wunschdenken.
Gut zuhören, spiegeln und empathisch sein
Verspürt sie denn keinen Druck, wenn sie andere berät, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen? «Nein, überhaupt nicht», meint Petra Wyss und wirkt gar ein wenig überrascht. «Weil wir den Jugendlichen nicht vorschreiben, was sie tun sollen. Wir helfen ihnen lediglich dabei, herauszufinden, was sie möchten.» Und dazu müsse sie im Grunde genommen nur zuhören. Sie lächelt hinter ihrer feinen Brille hervor. «Gut zuhören ist das A und O in meinem Beruf. Das und die Wünsche und Interessen des Gegenübers spiegeln.» Sie erklärt, dass sie versuchen würde, den Jugendlichen unbewusst klarzumachen, was sie eigentlich wollen. So können sie in einem nächsten Schritt selbstständig zur Erkenntnis kommen. Damit dies aber klappt, braucht die Berufsberaterin auch noch eine Menge hiervon: Empathie. Petra Wyss sagt, dass das einer der Gründe sei, weshalb sie sich keine Sorgen mache, von künstlicher Intelligenz ersetzt zu werden. Eine Maschine könne zwar die Berufe herausfiltern, die laut einem Test am ehesten auf die Person zutreffen, doch die Beratung falle weg. Face to face. Also Angesicht zu Angesicht. Das kann KI nicht.
Schwierige Fälle
Kommen denn auch Herausforderungen auf sie zu? «Manchmal schon», gesteht sie. Nicht unbedingt bei der Berufswahl oder beim Zwischenmenschlichen, sondern beim Gegenüber. «Vereinzelt gibt es Fälle, wo Jugendliche mit ihren ganz eigenen Problemen vorbeikommen. Sei es körperlich, psychisch oder familiär. Und da gilt es, diese zuerst zu lösen. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Dafür verweisen wir auf andere Fachstellen.»
Kopf oder Handwerk?
Wie entscheiden Beraterin und zu Beratender oder zu Beratende eigentlich, ob es nach der Oberstufe weiter in die Schule geht oder ins Berufsleben? Auch darauf hat Petra Wyss eine Antwort parat: «Hier gilt es auch zu klären, zu welchem Weg die Interessen passen. Zudem frage ich die Jugendlichen, wie denn ihr Zeugnis aussehe und wie sie mit Lernen vorankommen. Meist lässt sich dann ganz schnell sagen, ob die Person für eine weiterführende Schule gemacht ist oder doch eher für die Berufslehre.»
Zum Abschluss stellt sich Petra Wyss noch der letzten Frage: Wenn sie sich selbst heute noch einmal beraten würde – welchen Tipp würde sie sich dann geben? Die Beraterin lacht, überlegt dann aber einen Moment. «Hmm», macht sie. Das sei eine gute Frage. «Wahrscheinlich würde ich mir raten, mehr Zeit einzuplanen», meint sie schlussendlich und grinst schief. «Ich würde mir selbst und allen, die sich gerade in dieser Phase befinden, raten, sich frühzeitig mit dem Thema Lehrstelle befassen.» Man solle in der zweiten Oberstufe viel schnuppern.
Egal, über welche Umwege und nach wie vielen Ausbildungen die Beraterin auf ihrem Job gelandet ist – hier scheint sie jedenfalls genau richtig zu sein.
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