Henry Dunant
Ende Oktober jährte sich Henry Dunants Todestag zum 108. Mal. Der Genfer Geschäftsmann war mehr als «nur» der Begründer der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Er war ein Visionär. Visionäre haben es schwer.
Ende Oktober jährte sich Henry Dunants Todestag zum 108. Mal. Der Genfer Geschäftsmann war mehr als «nur» der Begründer der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Er war ein Visionär. Visionäre haben es schwer.
von Franz Walter
Ende Oktober jährte sich Henry Dunants Todestag zum 108. Mal. Der Genfer Geschäftsmann war mehr als «nur» der Begründer der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Er war ein Visionär. Visionäre haben es schwer. Henry Dunant starb in Armut.
Der Auslöser seines Geistesblitzes war ein geschäftlicher Besuch bei Napoleon III. in der Lombardei, nach dessen Schlacht gegen die Österreicher unweit Solferinos. Noch immer lagen 38 000 Verwundete, Sterbende und Tote herum. Zutiefst erschüttert organisierte Dunant mit Freiwilligen die notdürftige Versorgung der Verwundeten.
Kurz darauf veröffentlichte er sein Buch «Eine Erinnerung an Solferino». Ein Jahr später wurde das Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundeten-Pflege gegründet, ab 1876 als IKRK bekannt. Im Oktober desselben Jahres unterzeichneten zwölf Staaten die erste Genfer Konvention.
Doch Dunant liess es nicht dabei bewenden. Er machte Vorschläge, wie man die Bedingungen der Kriegsgefangenen verbessern könnte, engagierte sich für den Befreiungskampf der Sklaven in Nordamerika, schlug die Schaffung einer Weltbibliothek vor, eine Idee, die hundert Jahre später die Unesco aufgriff, und setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen ein. Er war überzeugt, sie würden bei der Verwirklichung eines dauerhaften Friedens eine wichtigere Rolle spielen als Männer. Mit all diesen Ideen kam er nicht nur gut an. Seine Gegner rüsteten auf, er geriet ins Abseits, kämpfte gegen Schulden an und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück.
Heute sind wir, was Frieden und Gerechtigkeit betrifft, keinen Deut weiter. Noch lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in bitterer Armut. Noch dominieren die Männer in Wirtschaft und Politik. Noch wüten Kriege und Grabenkämpfe. Gegenseitiger Respekt und Weitsicht nehmen ab. Auf höchster Ebene ausgehandelte Regeln geraten unter Druck. Auch die Genfer Konvention.
Dabei müssten wir dringend weltweit unsere Kräfte bündeln, um Umweltzerstörung und Klimaerwärmung zu stoppen. Nach wie vor messen wir den Fortschritt mit dem in den Krisenjahren vor dem 2. Weltkrieg eingeführten BIP (Bruttoinlandprodukt), als sei dies gottgegeben, obschon dessen Erfinder, Simon Kuznets, ausdrücklich davon abriet, es in normalen Zeiten als Mass für wirtschaftlichen Erfolg zu verwenden. Ausnahmslos geldbasierte Aktivitäten erfassend, biete es zu viele Anreize destruktiver Aktivitäten. Weder berücksichtige es die Kosten für abgeholzte Wälder, das Leid ausgebeuteter Arbeiterinnen und Arbeiter, noch die Verschmutzung der Luft und Meere.
Ein wachsendes BIP ist trotzdem noch immer das Ziel jeder Volkswirtschaft, obschon dies die Steigerung von Produktion und Konsum voraussetzt. Genau das Gegenteil von dem, was wir zwingend bräuchten: Das wiederum bedingte einen radikalen Systemwechsel, neue Henry Dunants und etwas mehr Bescheidenheit.
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