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«Unfälle werden besser behandelbar»

Nach fünf Jahren als CEO und Vize-Chairman der AO Foundation tritt Christoph Lindenmeyer auf Ende Jahr in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird der aktuelle Executive Director Innovation Translation, Claas Albers. Im Gespräch mit der DZ schaut er auf Kommendes.

Südostschweiz
15.12.24 - 08:00 Uhr
Menschen & Schicksale
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Claas Albers im Einsatz an den AO Davos Courses 2024.

Seine erste Berührung mit der AO Foundation hatte der heute 56-Jährige über einen Bekannten in Berlin. «Wie eigentlich alle Menschen ausserhalb der Unfallchirurgie kannte ich die AO vorher nicht.» Innerhalb ihres Fachgebiets sei die Organisation bis in den letzten Winkel der Welt bekannt, ausserhalb hätte sie keinen Namen, stellt der studierte Rechtswissenschaftler fest. «Dadurch ist es nicht immer ganz einfach, unsere sehr verschieden gearteten Stellen zu besetzen. Das zu ändern, ist eine der Herausforderungen der nächsten Jahre.» Für Albers war die Entscheidung klar, als er zum Vorstellungsgespräch an die «AO Davos Courses» eingeladen wurde. «Wenn man das erlebt, diese Atmosphäre, diese Begeisterung. Der Funke sprang sofort über, und ich wusste, das ist, was ich machen will.» Mit Davos sei es ein Wiedersehen gewesen. «Das erste Mal hier war ich mit meinen Eltern im Alter von sieben Jahren, als ich das Skifahren lernte.» Vor 15 Jahren zog Albers mitsamt Familie nach Davos um.

Neue Herausforderungen

In seiner neuen Funktion wird Albers ab dem 1. Januar die Geschicke der AO an vorderster Front mitgestalten. «In zehn Jahren wird die Patientenversorgung in der Chirurgie sicher ganz anders aussehen», prognostiziert er. «Platten und Schrauben werden sich nur noch geringfügig verbessern lassen. Die grössten Chancen der Zukunft liegen in der Digitalisierung.» Neu werde der Weg eines Patienten vom Unfall bis zum Ende der Nachversorgung in den Fokus rücken. Die Entscheidungsfindung würde mehr und mehr durch Daten gesteuert werden, nicht zuletzt durch eine verbesserte Bildgebung. Chirurgen würden zunehmend durch Roboter unterstützt, und schliesslich komme der grosse Bereich der Biomaterialien noch dazu. «Da ist das ohnehin schwierige und kostspielige Zulassungsverfahren noch einmal aufwendiger.» Unter den vielfachen Herausforderungen, denen sich die AO zu stellen habe, sei das eine der grössten.

Ausserdem verändere sich der Markt. «Die grossen Hersteller von Implantaten überarbeiten ihre Portfolios, weil sie in vielen Ländern nicht profitabel sind.» Grund seien die bereits erwähnten Zulassungsbedingungen. Darauf müsse die AO reagieren, denn obwohl sie selber kein Anbieter sei, würden sie sehr eng mit der Industrie zusammenarbeiten. «Wir stellen uns die Frage, wie können wir auf der ganzen Welt aktiv bleiben, auch wenn sich unsere Industriepartner zurückziehen?» Albers: «Unsere Aufgabe wird sein, sicherzustellen, dass die Chirurgen die nötige Ausbildung und das Wissen bekommen, um die Patienten mit welcher Technologie auch immer zu versorgen.»

Unfälle werden besser behandelbar

Dabei ist die AO auch ein bisschen Opfer des eigenen Erfolgs. «Gerade erzählte mir ein Chirurg, dass noch in den 1990er-Jahren komplizierte Hüftfrakturen meist ein Todesurteil waren. Heute werden die Leute nach ein paar Tagen entlassen», sagt Albers. Daher investiere die AO nun vermehrt in die noch ungelösten Probleme der Chirurgie. Dazu gehörten Infektionen, Osteoporose vor allem bei älteren Patientinnen und der Gelenkersatz. «Unfallchirurgie wird es immer geben, doch Unfälle sind – zumindest in der west­lichen Welt – nicht mehr die ganz grosse Gefahr, die sie einmal waren.»

In Cybersicherheit investiert

Auch die Digitalisierung würde die AO betreffen. «Zum einen ist da die Krankenversorgung, indem zum Beispiel chirurgische Roboter für grössere Präzision eingesetzt werden.» Das andere sei der Umgang damit innerhalb der AO als Organisation. «Wir haben Hunderte von Mitarbeitenden, und wir arbeiten mit Wissen.» Das bedeute gleichzeitig neue Möglichkeiten als auch Gefahren. Letztes Jahr habe die AO ein Sonderbudget von acht Millionen Franken für Cybersicherheit freigegeben. «Zum Glück. Erst letzte Woche gelangte über einen USB-Stick eines Kursteilnehmers ein Trojaner in unsere Systeme.» Er habe sofort festgestellt und unschädlich gemacht werden können. «Noch vor drei Jahren hätte das möglicherweise die ganzen Kurse lahmgelegt.»

Etwas zurückhaltend ist Albers beim allgegenwärtigen Thema KI. «Da muss man sich die Frage stellen, ob und wie man das nutzen kann.» Ein grosses Thema seien dabei die ethischen Standards, die bei der AO als Schweizer gemeinnützige Stiftung sehr hoch seien. Sie würden nicht irgendeinem Technologie-Trend hinterherrennen wollen, sondern zuerst definieren, wie man ihn für die AO am besten anwende. «Persönlich freue ich mich auf das, was kommt, doch wir müssen sehr genau schauen, was es bringt.»

Bei der Ausbildung setzt man jedoch bereits auf KI. Gerade sei als Pilotprojekt ein bekanntes Lehrbuch der AO digitalisiert und daraus ein völlig anderes Lernerlebnis gemacht worden, sagt der neue CEO. Dennoch ist sich Albers sicher, dass es auch in zehn Jahren noch AO-Kurse in Davos geben wird. «Davos ist unser Standort, wir gehören hierher und investieren in den nächsten Jahren nochmals ganz stark in unseren Campus.» Die Kurse im Kongresszentrum seien für die AO die wichtigsten und sollen den Teilnehmenden ein besonderes Erlebnis bieten, das über andere AO-Kurse hinausgehe. Denn die AO stehe dafür, Leute persönlich zusammenzubringen. «Das ist eine unserer ganz grossen Stärken. Es entstehen Netzwerke innerhalb des AO-Netzwerkes und das ist, was uns ausmacht.»

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