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Ein richtiger «Clan»: diese Emser Familie umfasst vier Generationen

Johann Manhart aus Domat/Ems ist fünffacher Vater, siebenfacher Grossvater und hat sieben Urenkelkinder: eine Geschichte über Familienzusammenhalt und einer Liebe, die Generationen verbindet.

Bündner Woche
03.04.25 - 04:30 Uhr
Menschen & Schicksale
Ein starker Zusammenhalt: Johann Manhart, seine Tochter Esther Gambon-Manhart, deren Tochter Petra Federspiel-Gambon und deren Nichte Tamara Gambon verbindet etwas, was unabhängig vom Alter ist: die Liebe.
Ein starker Zusammenhalt: Johann Manhart, seine Tochter Esther Gambon-Manhart, deren Tochter Petra Federspiel-Gambon und deren Nichte Tamara Gambon verbindet etwas, was unabhängig vom Alter ist: die Liebe.
Cindy Ziegler

Von Cindy Ziegler

Im Jahr 1922 wurde die erste Person mit Diabetes mellitus mit Insulin behandelt und die Sportart Wasserski erfunden. 1953 wurde die «Augsburger Puppenkiste» erstmals ausgestrahlt und Queen Elisabeth II. stieg auf den britischen Thron. 1974 gewann die Band ABBA mit «Waterloo» den Eurovision Song Contest und der VW Golf kam auf den Markt. 2006 wurde Wikileaks gegründet und Pluto verlor den Planetenstatus. 84 Jahre liegen zwischen dem ersten und dem letzten dieser Ereignisse. 84 Jahre, die auch Johann Manhart und Tamara Gambon trennen. Er Grandtat, sie Urenkelin. Er bald 103, sie knapp 19.

Im Hier und Jetzt sitzen sich die beiden in der Cafeteria des Altersheims in Domat/Ems gegenüber. Neben Johann Manhart seine Tochter Esther Gambon-Manhart und neben Tamara Gambon ihre Tante Petra Federspiel-Gambon. So kompliziert, wie es auf den ersten Blick scheint, ist die Verwandtschaftsbeziehung gar nicht. Umso besonderer dennoch. Denn der Älteste am Tisch ist fünffacher Vater, siebenfacher Grossvater und hat sieben Urenkelkinder. Und auch wenn Hör- und Sehsinn nachgelassen haben, funktioniert das Gedächtnis des über 100-Jährigen noch einwandfrei. Er beginnt zu erzählen und seine Tochter, seine Enkelin und seine Urenkelin hören ihm gerne zu.

Familienmensch: Johann Manhart in jungen Jahren mit seinem Zwillingsbruder Franz (rechts).
Familienmensch: Johann Manhart in jungen Jahren mit seinem Zwillingsbruder Franz (rechts).
Privatarchiv

42 Jahre und 18 Tage

Johann Manhart kommt 1922 mit einem Zwillingsbruder auf die Welt. 1937 kommen die beiden Buben aus der Schule und beginnen in der Spinnerei Murg als Putzbuben. Sie verdienen 30 Rappen pro Stunde. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, standen die Maschinen in der Spinnerei still. «Die Direktion nahm uns Bürschchen an die Maschinen und lernte uns schnell, schnell an», erzählt Johann Manhart. Die neue Arbeit gibt 90 Rappen pro Stunde. Irgendwann mussten dann auch die Zwillinge ins Militär und später begann Johann Manhart in der heutigen Ems Chemie. Er weiss noch genau, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit er dort vorstellig wurde. Am Schluss wurden daraus 43 Jahre und 18 Tage, die er dort arbeitete. Er berichtet von vielen Auslandsaufenthalten in Indonesien, China, England und Belgien. «Ich war keinen einzigen Tag krank und arbeitete auch einige Jahre über das Pensionsalter hinaus.» Bis er 96 Jahre alt war, fuhr er mit dem Töffli durchs Dorf und lebte bis ins hohe Alter noch selbstständig im eigenen Haus.

Aus dem Fotoalbum: Johann Manhart bei seiner Hochzeit mit Elisabeth.
Aus dem Fotoalbum: Johann Manhart bei seiner Hochzeit mit Elisabeth.
Privatarchiv

Arbeits- und Familienmensch

Johann Manhart ist aber nicht nur Arbeitsmensch, sondern auch Familienmensch. Am 19. November 1947 heiratet er «ein Bündner Bergbauernmädchen, Elisabeth hiess sie». Schnell kam das erste Kind auf die Welt, ein Mädchen. Vier an der Zahl und ein Junge. 1953 wird Tochter Esther geboren. Ein Jahr zuvor hatte die Familie ein Bündner Oberländer Chalet in Ems gekauft. «Wir hatten eine friedliche Zeit, haben gut zusammengearbeitet und ein schönes Heimchen gehabt», erinnert sich Johann Manhart. 72 Jahre lang war das hölzerne Haus mit grossem Garten das Zuhause der Familie. Ein Zuhause, an das sich nicht nur Tochter Esther, sondern auch Enkelin Petra gut erinnern kann. An die Holzfeuerheizung, an das feine Essen der Tata und viele fröhliche Stunden. «Ich kam immer wieder gern nach Hause», sagt auch Johann Manhart.

Die drei Frauen am Tisch lächeln. Sie denken über das lange Leben ihres Vaters, Grossvaters und Urgrossvaters nach. Und über die Erlebnisse, die sie alle miteinander verbinden. «Bei uns wurde immer viel gefestet. Besonders die Geburtstage feiern wir gerne ausgiebig, auch heute noch», sagt Esther Gambon-Manhart. An den 100. ihres Papas kann sie sich gut erinnern. Ein besonderer Geburtstag wohlgemerkt, an dem der ganze «Clan» – wie die drei sagen – zusammenkam. Die Gemeinde Domat/Ems pflanzte zudem zu Ehren von Johann Manhart eine Eiche. «Und wenn es nichts zum Feiern gibt, dann finden wir einen Grund. 100 Jahre Samstag oder so», sagt Petra Federspiel-Gambon und grinst.

Bitte lächeln: Im Rahmen eines Ausflugs entstand dieses Foto von Johann Manhart mit vier seiner fünf Kinder.
Bitte lächeln: Im Rahmen eines Ausflugs entstand dieses Foto von Johann Manhart mit vier seiner fünf Kinder.
Privatarchiv

Von schönen und schweren Zeiten

Die Manharts-Gambons-Federspiels sind eine gesellige Familie. Eine, die gerne zusammenkommt. Und eine, die sich auch in schweren Zeiten gegenseitig Halt gibt. Eine solche durchlebten sie als Elisabeth, die Frau von Johann Manhart, die Mama, die Tata und die Grandtata, vor 20 Jahren starb. Auch musste der Älteste schon ein Kind und ein Enkelkind beerdigen. Das war für alle schwer, das merkt man im Gespräch. Schnell kommen die vier deshalb wieder zu den schöneren Zeiten. Sie erzählen vom Grillieren im grossen Garten des Chalets und vom Kaffee in der Bäckerei Merz, der schon fast zu einem Ritual geworden ist.

Am Familienfest: Johann Manhart mit Urenkelin Tamara.
Am Familienfest: Johann Manhart mit Urenkelin Tamara.
Privatarchiv

Eine besondere Beziehung

«Für mich ist die Beziehung zu Grandtat schon speziell. Viele meiner Schulgspänli wussten früher gar nicht, was das ist. Ein Urgrossvater. Seit ich mich erinnern kann, ist er eigentlich schon alt. Aber ich wusste immer, dass er mindestens 100 Jahre alt wird», erzählt Tamara Gambon und lächelt ihren Urgrossvater an und dieser lächelt zurück. Er selbst hätte nie gedacht, dass er einmal so alt werden würde. «Ich habe immer gesagt, dass ich mit 88 Jahren sterben werde.» Sie alle hätten einiges von ihrem Vater, Grossvater und Urgrossvater geerbt und gelernt. Die starke Persönlichkeit, die Tüchtigkeit und die Loyalität zum Beispiel. Und wie würden die vier ihre Familie beschreiben? Alle überlegen kurz. «Fröhlich», wirft Petra Federspiel-Gambon ein. «Lustig», meint Tamara Gambon. «Herzensgut», sagt Esther Gambon-Manhart. Johann Manhart überlegt am längsten. «Friedlich», sagt er dann. Alle nicken. Dann gleichen sie schon die Terminkalender ab für das nächste Treffen. Und auch die Vorbereitungen für den 103. Geburtstag von Johann laufen bereits.

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