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Ein Herz für Tiere: In Chur gibt es Hilfe für Zwei- und Vierbeiner

Dshamilja Camenisch engagiert sich bei der Tiertafel Chur für bedürftige Tierhaltende. Wie hilft die Organisation mit Spenden, Fachwissen und Tierarztbesuchen? Eine Reportage übers Helfen und Unterstützen.

Bündner Woche
07.07.25 - 04:30 Uhr
Menschen & Schicksale
Sie hat ein Herz für Tiere und Menschen: Dshamilja Camenisch.
Sie hat ein Herz für Tiere und Menschen: Dshamilja Camenisch.
Bild: Lara Buchli

Von Lara Buchli

Die geliebten Haustiere auch in schwierigen Zeiten gut versorgen. Das ist die Vision der Tiertafel Chur. Ein Ort, an dem kleinen Vierbeinern und grossen Zweibeinern geholfen wird. Und das kostenlos. Aber von vorne.

Hier an der Gürtelstrasse 24 befindet sich das kleine Ladenlokal. Beim Eingang befindet sich ein kleiner Tresen, hinter dem Dshamilja Camenisch steht. Dort spricht sie mit den Leuten und berät sie. Um die Ecke herum erhascht man einen Blick auf das längliche Schaufenster, mit Blick auf den Parkplatz davor. Auf dem Fenstersims stehen lauter kleine Katzenbäume, auf denen Plüschtiere sitzen. Fressnäpfe und Katzenspielzeug. Gleich an der Wand daneben steht ein grosses Regal mit Katzenfutter und ein paar Transportboxen. Auf der gegenüberliegenden Seite dasselbe, aber für Hunde. Dazu Hundeleinen in allen unterschiedlichen Farben und Längen.

Ein Ort für Zwei- und Vierbeiner: Das Ladenlokal an der Gürtelstrasse.
Ein Ort für Zwei- und Vierbeiner: Das Ladenlokal an der Gürtelstrasse.
Bild: Lara Buchli

«Viele Leute fragen sich, wieso Menschen in Armut denn überhaupt Haustiere halten, wenn sie doch kein Geld haben», beginnt Dshamilja Camenisch zu erzählen. Die 23-Jährige arbeitet seit Januar als Freiwillige bei der Tiertafel. Sie managt und zaubert im Hintergrund. Wieso sie das macht, ist völlig klar: Sie liebt Tiere und hilft gerne anderen. Für Leute in finanzieller Not sei ein Hund oder eine Katze meist der einzige Sozialkontakt. Und wenn sie diesen auch noch hergeben müssten, wäre das sehr schlimm für sie. «Ausserdem», fährt sie fort, «hatten die meisten schon Haustiere, bevor sie in die Armut gerutscht sind.» Das Team der Tiertafel Chur hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, Tier und Mensch zu helfen zusammenzubleiben. «Wir sind komplett auf Spenden angewiesen», erzählt die 23-Jährige weiter. Durch Sach- und Geldspenden hat die Tiertafel mittlerweile ein grosses Angebot an Tiernahrung bis hin zum Spielzeug. Diese Sachen können im Ladenlokal gratis abgeholt werden. Als einzige Voraussetzung gilt: Eine Einzelperson verdient weniger als 2500 Franken im Monat und eine Familie weniger als 4000. Aber auch IV-Empfänger und -empfängerinnen, Sozialhilfebeziehende und Personen mit einem Kulturlegi dürfen sich im Laden bedienen. «Davor bitten wir die Personen jeweils, ein Anmeldeformular auszufüllen und dieses von einer anerkannten Stelle, wie zum Beispiel der IV, abstempeln zu lassen. Nur so kann vermieden werden, dass Leute mit einem stabilen Einkommen sich bei uns gratis Tierzubehör holen», erklärt Dshamilja Camenisch. Vier Mal im Jahr komme ausserdem eine Tierärztin im Laden vorbei, bei der man die eigenen Tiere vergünstigt durchchecken lassen könne, fügt sie an. Neben der Tiernahrung und dem Zubehör sowie der Tierärztin versuchen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Tiertafel aber auch, Wissen zu vermitteln. Zum Beispiel sei es wichtig, Katzen zu kastrieren. «Wir versuchen, den Leuten die Informationen nicht aufzuzwingen, sondern sie darauf hinzuweisen. Auf Dinge, die ihnen vielleicht gar nicht einmal so bewusst waren», sagt die 23-Jährige.

Da Dshamilja Camenisch eher hinter den Kulissen arbeitet, bekommt sie nicht alle Begegnungen mit den Menschen mit. Aber solche, die sie erlebe, seien sehr eindrücklich, gesteht sie. «Unsere Arbeit ist in meinen Augen sehr wichtig», erzählt sie. «Wir helfen den Leuten, um sie zu entlasten und zu unterstützen.» Das sei gesellschaftlich relevant. Momentan unterstützt die Tiertafel rund 70 Personen, 71 Katzen und 52 Hunde.

Spenden erhalten: Darüber sind die Tiertafel Chur und ihre Kunden und Kundinnen dankbar.
Spenden erhalten: Darüber sind die Tiertafel Chur und ihre Kunden und Kundinnen dankbar.
Bild: Lara Buchli

Seit einem halben Jahr ist Dshamilja Camenisch nun schon dabei. Das Team umfasst drei Personen, die sich um die IV-Bezüger und -bezügerinnen kümmern – und sie. Kann man also davon ausgehen, dass sie alle auch selber Tiere haben? Die Tiertafel-Mitarbeiterin nickt, grinst und beginnt aufzuzählen: «Ich habe ein Pflegeross, einen Hund und drei Katzen aus dem Tierheim.» Da sie selbst so viele Tiere habe, sei ihr deren Wohlergehen umso wichtiger.

Seit ihrem Start bei der Tiertafel hat sie einiges dazugelernt, meint sie und blickt nachdenklich in die Ferne. Zum einen hat sie es schätzen gelernt, dass sie in guten Verhältnissen aufgewachsen sei und immer genügend Geld auf der Seite gehabt habe. Dass es viele Leute geben würde, die das nicht von sich behaupten können, wusste sie schon früher. Doch wie viele davon auch in der Schweiz leben, sei ihr nicht bewusst gewesen. Man müsse also, wenn man Leuten in finanzieller Not helfen möchte, nicht einmal ins Ausland. «Die, die Hilfe brauchen, sind vor unserer Haustüre.» Als Privatperson darf und soll den Leuten zwar gerne unter die Arme gegriffen werden, aber man soll nicht auf sie herunterschauen, betont Dshamilja Camenisch und macht ein ernstes Gesicht.

Ob das Team der Tiertafel von seinen Kundinnen und Kunden denn auch Feedback bekommt, will die «Büwo»-Schreibende wissen. Da beginnt die 23-Jährige plötzlich zu strahlen. «Manchmal», sagt sie, «da bin ich in der Stadt unterwegs und sehe von Weitem einen Hund mit seinem Herrchen oder Frauchen und ich realisiere, dass die schon einmal bei uns im Lokal waren. Und wenn ich dann sehe, wie gut es dem Tier geht, macht mich das schon sehr glücklich.» Ihr Strahlen ist ansteckend. Als sich die beiden Gesprächspartnerinnen voneinander verabschieden und die «Büwo»-Schreibende sich auf den Rückweg ins Medienhaus macht, fragt sie sich, ob sie wohl schon einmal einen Vierbeiner gekreuzt hat, der das Glück hatte, hier vorbeigekommen zu sein. Schliesslich weiss man ja nie.

Mehr dazu: www.tiertafel-chur.ch

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