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Drogenproblematik in Chur: Erfolge und Herausforderungen der Überlebenshilfe

Chur ringt mit einer offenen Drogenszene. Der Präsident der Überlebenshilfe setzt auf Konsumraum und menschliche Hilfe. Ein Blick auf Fortschritte, Vorurteile und die nächsten Schritte.

Bündner Woche
22.11.25 - 10:00 Uhr
Menschen & Schicksale
Das Wohl von Chur liegt ihm am Herzen: Tobias Tanner setzt sich als Präsident der Überlebenshilfe Graubünden dafür ein, dass Obdachlose Soforthilfe erhalten.
Das Wohl von Chur liegt ihm am Herzen: Tobias Tanner setzt sich als Präsident der Überlebenshilfe Graubünden dafür ein, dass Obdachlose Soforthilfe erhalten.
Bild: Andri Dürst

Von Andri Dürst

Der Stadtpark in Chur ist in den letzten Jahren für viele Menschen zu einem Ort geworden, um den man einen grossen Bogen macht. Suchtkranke Menschen verbringen dort viel Zeit und konsumieren Drogen. Auch am Bahnhof sowie in Teilen des Welschdörflis fühlen sich einige Passantinnen und Passanten nicht mehr wohl.

Auch Suchtkranke sind Menschen

Das seien Zustände, die einem Land wie der Schweiz nicht würdig seien, stellt Tobias Tanner klar. Er ist Präsident des Vereins Überlebenshilfe Graubünden und ehemaliger SP-Grossrat. Was aber macht die Überlebenshilfe Graubünden genau? «Kurz gesagt: Wir schauen, dass niemand obdachlos ist und dass niemand hungern muss», bringt es Tobias Tanner auf den Punkt. Dreh- und Angelpunkt ist die Notschlafstelle und die Gassenküche am Hohenbühlweg. «Zu unserem Angebot gehört aber auch betreutes Wohnen und Streetwork», ergänzt er. Der Verein ist also nahe an der Szene dran und weiss, was in Menschen, die im Stadtpark verkehren, vor sich geht. «Beim Kontakt mit suchtkranken Personen ist es am allerwichtigsten, dass man ihnen das Gefühl gibt, dass auch sie Menschen sind», betont Tobias Tanner. Leute raus aus den Drogen zu bekommen, sei aber sehr schwierig. «Ständig ist der Suchtdruck da. Drogenabhängige beschaffen sich also Geld, um neue Rauschmittel kaufen zu können – durch Betteln oder Klauen. Einige von ihnen kommen dann ins Gefängnis, wo sie einen Entzug machen. Bei ihrer Entlassung sind sie dafür ‹clean›.» 

Vorbilder Österreich und Finnland

Und hier müsse man ansetzen: Derzeit würden viele nach der Entlassung wieder den Weg in die Drogen finden. «Nach der Haftstrafe erhalten die meisten nur schwer eine Wohnung oder einen Job», gibt der alt Grossrat zu bedenken. Deshalb regte er in seiner Zeit als Parlamentarier an, mit dem Ansatz «Housing First» Wohnraum für Menschen mit Unterstützungsbedarf zu schaffen. Bis Ende Jahr läuft noch ein Pilotprojekt in diesem Bereich. Tobias Tanner erhofft sich viel davon, denn: «In Österreich und Finnland wurden mit diesem Modell sehr gute Erfahrungen gemacht. Zwischen 80 und 90 Prozent aller obdachlosen Menschen konnten so weg von der Strasse gebracht werden», rechnet er vor. Für ihn gibt es mehrere gute Gründe, wieso dies der richtige Ansatz ist: «Auch wenn anfangs grössere Investitionen nötig sind, längerfristig ist es finanziell gesehen besser, als über lange Zeiträume hinweg Sozialhilfe an obdachlose Menschen zu zahlen.» Er geht auch davon aus, dass die Kriminalität sinken wird. Somit steige auch die Sicherheit, was das subjektive Empfinden der Gesellschaft verbessere.

Nächster Schritt in der Bündner Drogenpolitik: Im ehemaligen Palazzo in Chur nimmt im März 2026 ein Konsumraum seinen Betrieb auf (Symbolbild).
Nächster Schritt in der Bündner Drogenpolitik: Im ehemaligen Palazzo in Chur nimmt im März 2026 ein Konsumraum seinen Betrieb auf (Symbolbild).
Bild: Olivia Aebli-Item

Eine Verharmlosung des Ist-Zustandes klingt also anders – vielmehr sei es auch im Interesse des Vereins Überlebenshilfe Graubünden, dass sich die jetzige Situation verbessere. «Wo wir etwas tun können, engagieren wir uns», meint Tobias Tanner. So erstaunt es auch nicht, dass der Auftrag für den Betrieb des neuen Konsumraums in Chur an seinen Verein vergeben wurde. Zur Erinnerung: Das Churer Stimmvolk hat letztes Jahr den Rahmenkredit für den Pilotbetrieb eines Konsumraums mit 66 Prozent Ja-Stimmen klar angenommen. Am Seilerbahnweg 7 (ehemaliges Palazzo-Bowling) sollen ab März Suchtkranke von 11 bis 19 Uhr selbst mitgebrachte Substanzen konsumieren können. Gemäss einem FAQ der Stadt Chur ist während der Betriebszeiten eine geschulte Sicherheitsperson für die Zutrittskontrolle zuständig; im Konsumraum sind je eine Fachperson aus der Psychiatriepflege und der Sozialen Arbeit anwesend. Sie überwachen den Konsum, geben sauberes Konsummaterial heraus, machen kleine Wundversorgung und vermitteln die Suchterkrankten bei Bedarf weiter. «Die Überlebenshilfe Graubünden stellt darum derzeit sehr viele neue Leute ein. Als Verein werden wir nun etwa doppelt so gross», erklärt der Präsident. Gleichzeitig arbeite man auch an der Unternehmensentwicklung und erarbeite ein Sicherheitskonzept. «Wir haben auch geprüft, ob wir uns nicht besser in eine Stiftung umwandeln sollen. Wir haben uns aber dagegen entschieden. In einem Verein kann jedes Mitglied mitwirken, somit ist ein unkomplizierter Austausch gegeben.» Dabei seien neue Mitglieder herzlich willkommen. «Man ist als Mitglied aber zu nichts gezwungen und hat keine Verpflichtungen. Wer aber Lust hat, kann in der Gassenküche mithelfen, die Streetworker und -workerinnen unterstützen oder für spezielle Anlässe etwas vorbereiten», fasst Tobias Tanner zusammen. 

Viele positive Effekte erwartet

Zurück zum Konsumraum: Während dieser geöffnet ist, soll der Drogenkonsum im Stadtpark konsequent unterbunden werden – das Areal wird deshalb den Tag hindurch geräumt. Zusätzlich stellt die Stadtpolizei im Quartier rund um den Konsumraum eine hohe Präsenz sicher. Und sehr wichtig: Im Konsumraum darf nicht mit Drogen gehandelt werden. Die Dealerei sowie die dahinterstehenden mafiösen Strukturen sind dem alt Grossrat ohnehin ein Dorn im Auge. «Hier müssten Polizei und Justiz mehr durchgreifen. Es fehlen ihnen jedoch Ressourcen dafür.» Aber auch Kleinkriminalität verurteilt er klar. «Wenn Leute aus dem Stadtpark in Hauseingängen übernachten oder Velos klauen, akzeptieren wir dieses Fehlverhalten nicht.» Der Verein wolle diesen Menschen helfen, wo möglich. «Dies ist aber oft eine Gratwanderung», gibt er zu bedenken.

Von der Schaffung des Konsumraums, bei der auch die Kontakt- und Anlaufstelle des Kantons angegliedert wird, erhofft er sich drei Effekte: «Erstens soll sich die gesundheitliche Situation für die Suchtkranken verbessern. Durch das viele Spritzen bilden sich bei einigen Konsumierenden Abszesse. Ziel ist es, im Konsumraum solche Entzündungen zu versorgen. Zweitens soll die ganze Drogen-Szene beruhigt werden. Viele Abhängige sind unruhig und jagen den Drogen nach. Indem keine Dealer und Dealerinnen in den Konsumraum dürfen, sollte sich die Situation verbessern. Und auch die Bevölkerung profitiert von der erhöhten Sicherheit. Drittens planen wir, ein ‹Drug-Checking› einzuführen. Drogen sollten also vor Ort aus giftige Streckmittel geprüft werden können. Dies muss aber zuerst noch bewilligt werden.» Wie mit Obdachlosen und Suchtkranken umgegangen werden soll, darüber dürfte wohl auch in Zukunft viel debattiert werden. Und hier braucht es Leute, die hin- statt wegschauen – Leute wie Tobias Tanner.

Mehr zum Verein Überlebenshilfe Graubünden gibt es hier.

Und hier gibt es alles Artikel rund um die Drogenszene Chur:

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