«Ich tue mein Bestes»: Perspektiven aus dem Transitzentrum Floral in Chur
Ankommen ist im Asylwesen alltäglich – in erster Linie braucht es dafür Geduld von beiden Seiten, wie ein Blick ins Transitzentrum Floral in Chur zeigt.
Ankommen ist im Asylwesen alltäglich – in erster Linie braucht es dafür Geduld von beiden Seiten, wie ein Blick ins Transitzentrum Floral in Chur zeigt.
Von Cindy Ziegler
Ankommen wird wohl nirgends so kritisch betrachtet wie im Asylwesen. Häufig ist der Begriff in diesem Zusammenhang politisch aufgeladen. Wir wollen das Politische aussen vor lassen. Mit der «Büwo» sprechen S., Geflüchtete aus dem Libanon, und Edvin Demund, Ressortleiter Unterbringung und Betreuung beim Amt für Migration und Zivilrecht Graubünden, darüber, was Ankommen für sie bedeutet. Es ist 10.30 Uhr im Transitzentrum Floral in Chur. Ein ruhiger Morgen, auf den Strassen rund um das unscheinbare Mehrfamilienhaus ist nicht viel los. Im Zentrum selbst ist entfernt das Weinen eines kleinen Kindes zu hören. Im Gang vor dem Schalter stehen mehrere Personen in wartender Position. Auch S. wartet da. Sie ist eine zierliche Frau mit engen Locken und begrüsst mit einem freundlichen, wenn auch etwas unsicheren Lächeln. Im Sitzungszimmer nebenan erzählt sie von ihrer persönlichen Ankunft in der Schweiz.
Seit rund zwei Jahren lebt S. mit ihren Kindern in Graubünden. Sie weiss es auf den Tag genau. In ihrer Heimat, dem Libanon, waren sie und ihre Familie nicht mehr sicher. In der Schweiz fand sie die Sicherheit, die ihr dort wegen der politischen Situation, geprägt unter anderem durch den Krieg im Gazastreifen, fehlte. Zu Beginn war ihr in der Schweiz alles fremd. Das Land, die Sprachen, die Gepflogenheiten. «Ich kannte hier niemanden», sagt sie in solidem Englisch. Diese Sprache habe ihr beim Ankommen geholfen.
Schritt für Schritt
Als S. gefragt wird, was Ankommen für sie bedeutet, überlegt sie kurz, bevor sie antwortet. Es gebe verschiedene Konzepte, die sie mit dem Begriff verbinde. Das Ankommen in einem Land. Aber auch das Ankommen im Kopf. Das Erreichen von Träumen zum Beispiel. Für S. bedeutet Ankommen in erster Linie ein glückliches Leben für ihre Kinder mit einer guten, sicheren Zukunft. «Ankommen funktioniert Schritt für Schritt», sagt sie.
Edvin Demund, der S. aufmerksam zugehört hat, nickt. Auch er sagt, dass Ankommen Geduld brauche und nicht von heute auf morgen geschehe. Und er unterscheidet zwischen einem Ankommen auf Zeit oder einem Ankommen für immer. «Viele Menschen, die als Asylsuchende in der Schweiz ankommen, schweben relativ lange in der Luft. Es dreht sich immer alles um die Frage des Bleiberechts», erklärt er. Im Allgemeinen beobachtet er, dass die meisten Menschen, die in der Schweiz ankommen, am Anfang orientierungslos seien. Vorstellungen und Realität würden häufig nicht miteinander korrelieren. «Die Menschen brauchen Zeit, um in der neuen Situation anzukommen. Es braucht einen Moment, bis der Kopf bereit ist», sagt er.
Ein Dankesbrief
S. weiss nicht, wie ihre nahe und ferne Zukunft aussieht. Sie wünscht sich, dass sie in der Schweiz bleiben und hier als Mathematik-Lehrerin arbeiten kann. Dafür ist sie bemüht, Deutsch zu lernen. Und die Schweizer Rechte und Pflichten zu respektieren. S. nimmt einen Ringelblock hervor. Sie habe einen Brief geschrieben. Es ist ein Dankesbrief. «Als ich hierherkam, war es für mich wie eine Wiedergeburt», liest sie vor. Sie schätze die Sicherheit und das Stetige der Schweiz. Hier habe sie gelernt, was Respekt wirklich meint. Und sie gewann wieder Vertrauen zu einem politischen System sowie Hoffnung für ihre Familie. «Dass ich mich hier integriere, ist der erste Schritt», sagt sie und spricht ihre Dankbarkeit aus.
Edvin Demund kennt die Geschichte von S. nicht im Detail. Aber er kennt Geschichten wie ihre. Ankommen sei für ihn und seine Berufskolleginnen und -kollegen etwas Alltägliches. Dennoch sei es auch eine Ressourcenfrage. «Ein Hotel ist irgendwann ausgebucht. Das können wir nicht sagen. Wir wissen ja auch nie im Voraus, wie viele Menschen hier ankommen», erklärt er. Auf die Frage der Integration angesprochen, meint er, dass die Sprache immer der Schlüssel sei. Wobei das im dreisprachigen Kanton Graubünden auch gar nicht eine so einfache Frage sei, sagt er. «Die Integrationssprache ist aber Hochdeutsch.»
Integration hat zwei Seiten
Integration habe immer zwei Seiten. Einerseits sei es für Ankommende wichtig, dass sie ihre Wurzeln behalten können. Das sei eine Frage der Identität, so Edvin Demund. «Es ist wie bei einem Baum. Man braucht Wurzeln, damit der Stamm und die Äste wachsen können. Aber irgendwann müssen sich die Äste auch in andere Richtungen ausstrecken können.» Asylsuchende müssten sich auf ihre neue Situation und das neue Land einlassen können. Zu vermeiden sei es, dass sich die Gesellschaft in Blasen aufteile. In diesem Zusammenhang appelliert er an die Ankommenden, aber auch an die, die hier schon Wurzeln geschlagen haben. «Wir müssen vermeiden, dass solche Blasen überhaupt entstehen. Am Schluss sind wir alle Menschen und müssen lernen, miteinander respektvoll umzugehen.»
S. fühlt sich angekommen. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Die Schweiz habe alles, was sie brauche. «Als ich hierherkam, sah ich ein Leben vor mir, das es wert ist, zu leben. Und ich sehe meine Kinder sicher aufwachsen.» Für sie habe Ankommen auch viel damit zu tun, nicht aufzugeben, wenn es mal schwierig werde. «Manchmal muss man einfach stark sein und sich selbst Mut machen, dass man das schaffen kann», sagt S. «Ich tue mein Bestes».
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