Alle Register gezogen: Wie ein Prättigauer Orgelbauer zum Detektiv wurde
In einer Orgel stecken nicht nur viele Töne, sondern auch viele Hoffnungen – eine Geschichte über Leidenschaft, eine Detektivarbeit und die Wirkung von Musik.
In einer Orgel stecken nicht nur viele Töne, sondern auch viele Hoffnungen – eine Geschichte über Leidenschaft, eine Detektivarbeit und die Wirkung von Musik.
Von Andri Dürst
Dies ist keine gewöhnliche Reportage, sondern eine Detektivgeschichte. Der Ermittler heisst aber nicht Sherlock Holmes oder Philip Maloney, sondern Arno Caluori. Der 73-jährige Bündner ist Orgelbauer. Er arbeitet auch nicht in einem miefigen Büro in einer Grossstadt, sondern in einer Werkstatt in Seewis im Prättigau. Durch die kleinen Fensterscheiben dringt an diesem Wintertag wärmendes Licht in den kalten Raum. Eine Kreissäge, eine Standbohrmaschine und reihenweise Werkzeug stehen herum.
Ein ungewöhnlicher Ermittler
Besonders in Auge sticht aber ein Objekt: eine Art Kleiderschrank mit blau-grünem Anstrich und goldfarbenen Verzierungen. Die Türe ist geöffnet, an den Flügeln sind Bemalungen zu sehen. Auch an der Verschalung unter der Türöffnung ist ein Gemälde sichtbar. Es handelt sich hierbei aber nicht um ein Möbel, sondern um ein Musikinstrument. «Das ist eine Hausorgel, die früher im Restaurant Rathaus in Fideris stand», beginnt Arno Caluori zu erzählen. Derzeit erinnert das Holzgehäuse aber kaum an ein Instrument, denn der Handwerker hat das gute Stück komplett zerlegt. Zum einen unterzieht er die Orgel einer Restaurierung, zum anderen kann er so mehr über ihre Geschichte erfahren. «Es ist tatsächlich eine Art Detektivarbeit», meint er und erklärt auch gleich, wieso: «Wir wissen nicht genau, wann die Orgel erbaut wurde. Sie gelangte wohl in den 1950er-Jahren in das Toggenburger Museum Ackerhus in Ebnat, weil man sie für eine Toggenburger Orgel hielt. Das Instrument wurde anschliessend mehrfach umgebaut und ziemlich übel ‹ver-restauriert›.» Arno Caluoris Aufgabe ist es nun also, zu sichten, was original ist, aus welcher Zeit die entsprechenden Bauteile stammen und was später hinzugefügt wurde. Eine heisse Spur entdeckte er, als er sich die Art der Klaviatur genauer anschaute. «Lange Zeit waren bei Orgeln nicht alle Töne vorhanden, da die gespielten Musikstücke auch nicht alle Tonarten enthielten. Erst später wurde der Tonumfang erweitert und Orgeln erhielten dadurch sogenannte chromatische grosse Oktaven.» Die vermeintlichen Toggenburger Orgel habe von beiden Systemen je ein bisschen etwas. Arno Caluori schliesst daraus, dass sie Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut wurde.
Wegwerfware wird zum Indiz
Weitere Indizien liefern die Blasebälge. Diese hat der Orgelbauer ebenfalls zerlegt. Auf seinem Arbeitstisch liegen mehrere Holzlamellen, über die er neue Lederbänder zieht. Das Besondere: Die Holzstücke sind mit Papier beklebt. «Das machte man, um das Holz abzudichten, damit aus dem Blasebalg so wenig Luft wie möglich entweichen konnte.» Da in der Entstehungszeit der Orgel Papier Mangelware war, verwendete der Erbauer Makulatur, also wertlos gewordene Papierreste aus der damaligen Zeit. Genau dies entpuppt sich heute als grosses Glück.
Arno Caluori geht zu einer Werkbank und nimmt ein schmales Stück Papier in die Hand. Mit einem breiten Lachen im Gesicht streckt er es in die Luft. «Das ist ein Brief, auf dem wir sogar eine Jahreszahl finden: 96.» Klar sei, dass es sich um 1796 handeln muss. Die Orgel muss also jünger sein – so viel ist schon mal klar.
Auch ein Name ist auf dem Papier zu lesen: nämlich der des Orgelbauers Kayser aus St. Margarethen (heute Gemeinde Münchwilen TG). Dieser sei aber wohl kaum der Erbauer der Orgel, meint der Instrumenten-Inspektor. Wer also war es dann? Arno Caluori hat eine Vermutung, ja sogar einen Namen im Kopf. «Es könnte ein einheimischer Handwerker aus dem oberen Prättigau gewesen sein. Solange das aber nicht gesichert ist, möchte ich keinen Namen nennen», sagt er mit einem leichten Schmunzeln. Ermittlungsergebnisse nicht zu früh offenlegen – so wie ein echter Detektiv.
Aufwendiger Wiederaufbau
Arno Caluori nimmt das Instrument aber nicht nur auseinander, er baut es auch wieder zusammen. Und dies in alter Handwerkskunst. Er nimmt ein grosses Buch zur Hand und sagt, dass dies eine Art «Bibel des Orgelbaus» sei – datiert auf das Jahr 1766. «Hier drin ist alles wunderbar beschrieben; das Buch kann ich nun 1:1 als Anleitung verwenden.» Sogar der Leim, den er zum Bekleben der Blasebalg-Lamellen braucht, ist nach einem alten Rezept gemacht. «Der hält immer noch, lässt sich aber mit Dampf leicht lösen», ergänzt der Orgelbauer. Dass er die Arbeiten an der vermeintlichen Toggenburger Orgel so minutiös machen kann, liege vor allem daran, dass er pensioniert sei. «Nun habe ich endlich Zeit für dieses Projekt. Wann ich aber damit fertig werde, steht in den Sternen», meint er und lacht. Bei seiner Arbeit scheint er nun sprichwörtlich alle Register zu ziehen.
Den Ärmel reingenommen
Wie aber kam der 73-Jährige überhaupt zum Orgelbau? «Über Umwege», sagt er und erzählt: «Nach der Matura habe ich das Lehrerdiplom gemacht und für kurze Zeit auf Primarstufe unterrichtet. Ich hatte aber immer Interesse am Holzhandwerk. Eines Tages sah ich, wie eine Orgel renoviert wurde. Als ich das sah, war ich baff und wusste, dass ich das auch machen wollte. Sodann bemühte ich mich um eine Lehrstelle, die ich schliesslich in der berühmten Orgelbaufirma Metzler Dietikon erhielt.» Anschliessend sei er auch etwas herumgereist – Deutschland, Niederlande, Italien und weitere Länder waren seine Destinationen. Die Orgelbaukunst unseres südlichen Nachbarlandes hat es ihm dabei besonders angetan. «Anfangs habe ich oft historische Stilkopien gebaut. Später kam ich dann davon weg und fand meinen eigenen Stil, auch mit moderner Gehäusegestaltung.» Im Laufe seiner Karriere habe er knapp 40 Orgeln gebaut, darunter sind auch grosse Restaurierungen. In seiner früheren Werkstatt in Says (Trimmis) habe er zu Spitzenzeiten bis zu fünf Leute angestellt gehabt. Mit dem Rückgang des Orgel-Booms in den 90er-Jahren wurde aber auch seine Firma kleiner. Später wurde er Berufsschullehrer, auch eine Tätigkeit im Rätischen Museum in Chur folgte.
Ein besonderes Instrument
An der Arbeit des Orgelbaus fasziniert ihn vieles. «Einerseits der Umgang mit verschiedenen Materialien. Nur schon, was das Holz anbelangt. In einer Orgel sind oft bis zu fünf verschiedene Hölzer verbaut. Auch Metall und Leder kommen zum Einsatz.» Andererseits habe ihm auch der Entstehungsprozess gefallen: vom ersten Kontakt mit dem Kunden oder der Kundin über den Bau bis zur Installation der Orgel und der Intonation. «Die Orgel als Instrument macht nur einen Teil des Gesamterlebnisses aus. Sehr viel trägt der Raum, in dem sie steht, bei», so Arno Caluoris Feststellung. Er selbst sei übrigens alles andere als ein guter Organist. «Das ist meine grösste Schwäche», sagt er und verdreht die Augen. Orgelbau und Orgelspiel seien aber zwei ganz verschiedene Paar Schuhe, schiebt er hinterher. Er höre sich auch heute noch sehr gerne Orgelkonzerte an. «Wenn jemand auf einer von mir intonierten Orgel spielt, bin ich aber immer sehr selbstkritisch und denke: ‹Oh, hier hätte ich noch ein bisschen mehr am Ton schrauben können.›»
Ob nun eine eigene oder eine fremde Orgel: Der Klang des Instruments habe etwas Besonderes, meint Arno Caluori. Deshalb stünden wohl auch in vielen Kirchen Orgeln. «Menschen, die sich vielleicht durch eine Predigt nicht so angesprochen fühlen, haben dank der Musik dennoch einen Zugang zur Religion», findet er. Interessanterweise erklingen die Töne zu vielen verschiedenen Anlässen: Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Und so gesehen vermitteln Orgeln auch eine Art Hoffnung.
Wenn Arno Caluori erzählt, hört man ihm gerne zu. Es gäbe auch noch viel zu berichten: über die Geschichte des Instruments. Über die heutige Bedeutung der Orgelmusik. Und natürlich über die vermeintlichen Toggenburger Orgel. Und hier sind wir wieder beim Thema Hoffnung. «Wenn ich sie eines Tages wieder schön hergerichtet habe, findet sich vielleicht jemand, der sie in seinen Besitz aufnimmt.» Schön wäre, wenn sie wieder im Prättigau bleiben könne. Vielleicht ist das nicht nur die Hoffnung des «Orgel-Detektivs», sondern auch der Wunsch des (noch) unbekannten Erbauers.
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