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Lebensöffnungszeiten

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In dieser Kolumne von Pesche Lebrument gehts um eine Beerdigung. Danach sind die Geschäfte zu, alles andere steht aber offen.

Linth-Zeitung
vor 2 Jahren in
Meinungen
Denkt übers Leben nach: Pesche Lebrument

Von Pesche Lebrument

Die Kirchglocke verebbt, als ich durch das Tor trete. Seine letzte Stunde hat geschlagen, und ich komme zu spät. Das Knarren der schweren Holztüre hallt durch die ganze Kirche. Köpfe drehen sich in meine Richtung. Ich tarne mich mit Unschuldsmiene und schleiche in die hinterste Kirchenbankreihe. Letzter freier Platz. Glück gehabt. Als ich mich setze, stellt sich eine Säule in meine Sicht.
Geschluchzt wird weiter vorne. Hier hinten hüstelt höchstens mal jemand. Die Betroffenheit verliert sich in den hinteren Rängen. Weissgelockte Engel mit goldenen Flügeln hängen an den Wänden. Der Tod gemalt in den schönsten Farben.

Plötzlich zerreissen Orgelklänge die Stille, schwere Töne fallen von der Empore. Ich neige meinen Kopf an der Säule vorbei zur Seite. Ich überblicke ein Meer aus Haaren und Glatzen und all ihren Zwischenformen. Darüber lacht der Verstorbene von einem überdimensionalen Bild.

Beerdigung eines Bekannten. Sein Herz. Einfach stehen geblieben. Einfach so. Ursprünglich hatte er ganz andere Pläne. Frühpensionierung. Ferien mit der Frau.

Der Lautsprecher hebt die Stimme des Pfarrers über die Trauergemeinde: «Wir sterben, weil wir leben.» Er predigt Hochdeutsch mit fremdem Akzent: «Welches Leben wagen wir zu führen?»
 
Er verordnet gemeinsames Singen. Den Orgelklängen folgen die schleppenden Stimmen der Trauergemeinde. Sie hangeln sich der unbekannten Melodie entlang. Die unterschiedlichen Gesangslagen vermengen sich zu einem Brei. Ich steuere ein Brummen bei. Bei meiner Säule fehlt das Kirchengesangsbuch. Ich schiele ins Liederbuch meines Banknachbarn. Er singt gar nicht. Er bewegt einfach nur den Mund.
Erheben zum Gebet. Ich bin erlöst. Die Holzbank drückt hart in den Hintern. Häupter senken sich, Hände fahren ineinander.  «Und führe uns nicht in Versuchung.» Mein inneres Auge lässt gerade meinen Kühlschrank auferstehen. Ich habe noch gar nichts eingekauft. Bald schliessen die Geschäfte.

Am Ende steht der Spendenaufruf. Der Pfarrer wirbt für eine gemeinnützige Organisation. Ich kenne die nicht. Er sagt, es wäre schön, wenn die eingeworfene Kollekte knistert und nicht klimpert. Eine Frau läuft mit einem Körbchen durch die Reihen. Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Er tut es nicht. Es ist unmöglich, ungesehen nichts zu spenden.

Der Organist treibt die Menschen aus der Kirche. Noch bleibt Zeit, einzukaufen. Auf einmal stehe ich vor der hinterbliebenen Frau. Händeschütteln. Ich bin ein schlechter Tröster. Ich hätte mir ein paar Worte zurechtlegen sollen. Sie fragt, ob ich am Traueressen teilnehme. Ich sage sofort zu. Ich sei ja schliesslich hier, um da zu sein.

Verwandte des Verstorbenen sitzen rund um mich herum. Ich bin mitten im Trauerkreis gelandet. Stilles Stochern im Aufschnitt. Warum gibt es bei Leichenmalen eigentlich immer Fleischplatte? Früher wurde auch mal Fleischkäse serviert. Nur einmal gab es Bratwurst.

Nach anfänglichem Zögern lange ich kräftig zu. Das Essen hilft übers Reden hinweg. Brot wird herumgereicht. Und Anekdoten. Tolle Fleischplatte. Ich platze gleich.  

Die Kirchglocke verebbt, als ich hinaus auf die Strasse trete. Die letzte Stunde hat geschlagen. Alle Geschäfte sind nun geschlossen. Alles andere aber steht noch offen.

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